Der Hype um Berlin – und warum ich ihn langsam verstehe

© Matze Hielscher

Berlin. Das deutsche New York. Ost und West. Geschichte pur. Drogen. Kunst. Exzess. Bundestag. Big City Club. Hauptstadtstudio. Spree. Döner. 4 Blocks. Olympiastadion. 3,7 Millionen. Flughafen. Fanmeile. Hildegard Knef. Landwehrkanal. Und der letzte Ort, an dem ich jemals leben wollte. Hamburg, ja. Wien, durchaus. Berlin, niemals. Zu laut, zu dreckig, zu frei, zu heiß, zu alles. Aber jetzt bin ich hier, mitten in Kreuzberg – wie es sich für einen gentrifizierenden Hipster gehört. Und je länger ich hier bin, desto mehr verstehe ich den Hype, der immer um Berlin gemacht wird.

Ich bin für die Liebe nach Berlin gezogen. Meine Freundin wohnt und arbeitet hier – und wollte nicht nach München. Als Veganerin durchaus eine weise Einstellung. Ob ich hier einen anständigen Schweinsbraten bekomme, mal dahingestellt. Also habe ich meine sieben Sachen gepackt und bin nach Berlin. Weil ich keine Fernbeziehung mehr wollte, nicht weil ich Berlin so geil finde. Wie das so viele Menschen um mich herum tun. Fast jede halbwegs interessante Person, die ich kenne, war in den letzten Jahren hier – oder kurz davor.

Berlin, das gelobte Land. Die bundesdeutsche Glühbirne für alle alternativen Motten.

Berlin, das gelobte Land. Die bundesdeutsche Glühbirne für alle alternativen Motten. Freie Liebe, bezahlbare Mieten, genügend Raum für Gastro und Kunst. Perfekt, oder? Es gibt einen Spruch in der Münchner Szene: "Am Ende kommen sie doch alle wieder heim." So sehr das auch ein Pfand für unsere Dorf-Mentalität ist, es stimmt schon. Fast alle, die gegangen sind, sind wieder zurückgekommen. Häufig mit Augenringen und dem ein oder anderen fragwürdigen Hobby. Nicht besonders beneidenswert.

Ich habe den Hype nie verstanden. Das Nachtleben und die Kunst finde ich natürlich auch geil. Aber warum soll ich denn dafür in eine Stadt ziehen, die sich ansonsten dafür rühmt, besonders rough, besonders dreckig und besonders schrill zu sein. Diese Attribute will ich von einem Gast auf einer langweiligen Hausparty, nicht von meinem Mitbewohner. Anders gesagt: Bisher habe ich Berlin gerne besucht und bin dann auch gerne wieder gegangen.

© Wiebke Jann

Jetzt haben sich die Vorzeichen geändert. Ich lebe in Berlin und gehe nicht so bald. Stellt sich heraus, ist auch ganz gut so. Vielleicht ist das ja auch der Trick, Berlin nicht als Mekka zu sehen, sondern mit ein bisschen Widerwille. Wie ein Restaurant, von dem alle reden, du hast Unterschiedliches gehört, bist skeptisch – und dann schmeckt es doch herrlich lecker.

Berlin ist größer – auch gefühlt

Nur fürs Protokoll, ich finde es immer noch zu voll und zu hektisch, dafür bin ich einfach zu gemütlich. Aber gleichzeitig bin ich wirklich verblüfft, wie schön es hier ist. Berlin ist eine der grünsten Großstädte Europas, was vermutlich am Tiergarten und den ganzen Spritzenparks liegt, sich für mich aber vor allem in den unendlichen Alleen in jeder noch so kleinen unwichtigen Seitenstraße äußert. Die übrigens trotzdem einen riesigen Gehsteig hat, hier ist einfach so viel mehr Platz als in München. Auch in den Wohnungen. Wann immer mich meine Freundin zu irgendwelchen Partys mitnimmt, die Menschen dort hausen gefühlt alle in obszön großen Altbauwohnungen, obwohl sie keine Unternehmensberater*innen sind.

Letztens war ich bei einer Freundin in Charlottenburg, sie hat dort im Vorderhaus ihre Galerie und in der Remise zeichnet ihr Freund meterhohe Ölgemälde. Beide sind nicht mal 30. Wo findet man sowas denn in einer der deutschen Millionenstädte? Das Essen hier ist in der Breite so viel besser und vielfältiger als in München. Neben unser alten Wohnung sind in einem Steinwurf ein Vietnamese, eine Pizzeria, ein marrokanischer Laden und und und. Alle auf einem Niveau, das hier niemand aus dem Wedding herfahren lässt, aber so gut, dass sie für ein spontanes Date oder ein Dinner mit Freund*innen perfekt sind.

Am Sonntagabend nach zehn Uhr sitzt in Bayern niemand mehr auf der Straße, der da nicht sitzen muss.

Es gibt überall vegane Optionen. Und damit meine ich keinen Salat oder "ohne Käse", sondern richtige Gerichte. Man kann am Sonntag oder Montag abends durch die Straßen tingeln und überall sitzen ein paar Menschen auf klapprigen Stühlen vor noch klapprigeren Läden. Am Sonntagabend nach zehn Uhr sitzt in Bayern niemand mehr auf der Straße, der da nicht sitzen muss. Wenn ich in München alternativ ausgehen will, muss ich mich richtig auskennen. In Berlin falle ich ohne Planung von der einen entspannten Festivität in die nächste.

Ich könnte diese Aufzählung locker noch zwei, drei Absätze weiterführen, aber die Botschaft dürfte angekommen sein. Das vielleicht wichtigste Argument für Berlin ist allerdings nicht so offensichtlich. Stattdessen ist es ein Gefühl, das sich erst anschleicht, wenn man mal ein paar Wochen die Großstadtluft geatmet hat. Hier fühlt sich alles ein bisschen größer an, ein bisschen aufregender, ein bisschen gewichtiger. Nach Weltstadt und Metropole. Als ob jede noch so unbedeutende Handlung durch Berlin an Relevanz gewinnen würde. Der Hype ist also wirklich berechtigt, nur ein bisschen falsch adressiert.

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