Voll, voller, Berlin: Warum ist man hier eigentlich nie allein?

© Wiebke Jann

Gerade ist irgendwo in Marzahn bestimmt jemand allein. Und auf der Admiralbrücke ist jemand einsam. Aber allein ist diese Person sicher nicht. Egal, was die Uhr schlägt, egal, wie das Wetter ist. Wenn man nicht gerade in den Randbezirken unterwegs ist, lässt einen diese Stadt nämlich nie in Ruhe. Das kann richtig schön sein. In der sommerlichen Dämmerung von Späti zu Späti durch die Weserstraße zu tingeln, fühlt sich manchmal genau wie die energetische, warme Gruppenumarmung an, die man in solchen Momenten braucht.

Ich will manchmal aber nicht umarmt werden, will keine Insta-Mausis sehen, keine Fertigen, keine Normalos. Einfach niemanden. Oder nur das Minimum, das mir ein Stadtleben simuliert. Also ein paar Statist*innen, die mit den Häusern im Hintergrund verschmelzen. Und dann kommt Berlin wie Jack aus der Box und schreit "Ätsch!". Verständnislos schüttle ich meine Noise-Canceling-Kopfhörer und frage mich, warum man hier eigentlich nie allein ist?

Kreuzberg ist nicht Marzahn, aber das erklärt nicht alles

Freitagmittag, ein durchschnittlicher Sommertag im Prinzenbad. Blauer Himmel, ein paar Wolken, nicht zu heiß. Das Becken ist so voller Menschen, dass ich es kurz für eine optische Täuschung halte. Aber tatsächlich, hier planschen so viele, dass einfach kein Blau mehr übrig ist. Müsstet ihr nicht arbeiten? Ein Mittwochabend, kurz nach acht, es riecht nach leichtem Niesel. Trotzdem sind die Straßen im Nollendorfkiez gut gefüllt, auf den Gehwegen und in den Kneipen weiche ich dem Gegenverkehr aus. Habt ihr denn kein Zuhause? Schöne Plätze in schönen Städten bei schönem Wetter – schon immer voll. Berlin schafft es aber, auch da zu wuseln, wo noch nie jemand ein Foto gemacht hat. Wie kann das sein?

Wahrscheinlich hängt es dennoch viel mit der Gegend zusammen, in der ich mich rumtreibe. Wer das Bermudadreieck aus Prenzlauer Berg, Schöneberg und Kreuzkölln nicht verlässt, sollte sich nicht über Menschen wundern. Hier gehen alle hin, hier gehen alle aus. Allerdings habe ich auch Zeit in Hamburg, München und Wien verbracht. Der 5. Bezirk, das Glockenbachviertel oder Altona sind ähnlich hektisch. Nur geht man dann halt zwei Straßen weiter und hat wieder seine Ruhe. An der Lage allein kann es also nicht liegen. Wobei ich jetzt wirklich mal Marzahn auschecken muss.

© Charlott Tornow

Ein weiterer Faktor sind bestimmt die Besucher*innen. In einer Stadt, in der man keinen Kaffee bestellen kann, ohne auf Englisch nach der Milch gefragt zu werden, gibt es entweder besonders viele ausländische Baristas – oder viele Touris. Vermutlich beides. Denn, wenn ich von Tourist*innen spreche, dann meine ich nicht die Reisegruppe aus dem Harz. Die treffe ich ja nicht, die steht am Checkpoint Charlie. Nein, ich meine die Möchtegern-Expats. Die Praktikant*innen, die Auslandssemester, die "Ich wollte mal ins Berghain und jetzt wohne ich in einer Sechser-WG in Friedrichshain"-Touris. Die zählen zwar theoretisch zu Einwohner*innen, aber treiben sich halt doch viel mehr rum als Erna aus Rixdorf.

Neukölln, Bonn – Hauptsache am Wasser

Wenn ich schon bei Bewohner*innen bin, wie kann es eigentlich sein, dass man sich in Berlin so nahe kommt wie in Paris? Die französische Metropole hat eine sehr begrenzte Stadtfläche, rund 105 km², auf der immerhin ein bisschen mehr als zwei Millionen Menschen leben. In Berlin können sich die 3,6 Millionen Einwohner*innen dagegen auf fast 900 km² verteilen. Nur tun sie das leider nicht. Noch verrückter ist der Vergleich zu New York. Zieht man dort die Gewässer ab, hat der große Apfel nur noch 780 km², dabei aber fast dreimal so viele Menschen zu beherbergen. Wieso fühlt es sich in Kreuzkölln dann trotzdem manchmal so an, als ob das hier nicht das Einzugsgebiet des Landwehrkanals sondern vom Rhein wäre?

Nun, plump gesagt, weil es genau so ist. Im Bezirk Neukölln allein wohnen 327.000 Menschen. Das ist ganz Bonn. Und das war immerhin mal kurz die Hauptstadt der BRD. Die Bevölkerungsdichte mancher Kieze ist bei uns einfach frech hoch. Wenn man dann noch die falschen und die echten Touris dazunimmt und ein paar hedonistische Anlaufstationen, dann hat man den Salat. Und zwar keinen kleinen Beilagensalat. Nein, Berlin ist eine Bowl mit exotischen Früchten, Rinderstreifen und perversem Dressing. Kann ja geil sein. Aber manchmal bin ich eben "low carb" eingestellt.

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