Die Initiative Housing First könnte in Berlin dauerhaft Obdachlosigkeit beenden

© Tomas Anton Escobar | Unsplash

Traglufthallen, Notunterkünfte, Tagesaufenthaltsstätten, U-Bahn-Schächte, Parkbänke, Brücken, Zelten, Hauseingänge. Obdachlose führen ein menschenunwürdiges Leben auf der Straße, das wir als Gesellschaft gern ausblenden. In Deutschland gibt es keine offiziellen Statistiken über die Zahl der Menschen, die obdachlos sind. Die Wohnungslosenhilfe schätzt jedoch, dass in Deutschland 1,2 Millionen Menschen von Wohnungslosigkeit betroffen sind, in Berlin sollen es rund 40.000 Menschen sein.

Wir haben bei Mit Vergnügen schon oft über Initiativen und Projekte geschrieben, die sich für Wohnungslose engagieren. Doch viele von ihnen bieten Obdachlosen "nur" kurzfristige Hilfe in Form von Notunterkünften oder Lebensmittelangeboten. Ein Projekt, das Obdachlose langfristig von der Straße holen könnte, ist Housing First.

Housing First hilft weltweit gegen Obdachlosigkeit

Das Konzept Housing First kommt aus den USA und hat schon in vielen Ländern erfolgreich Obdachlosen geholfen. Die Grundidee ist dabei so einleuchtend wie einfach: Im Unterschied zu anderen Programmen müssen sich Obdachlose nicht für dauerhafte Wohnungen qualifizieren, in dem sie sich einer Tauglichkeitsprüfung unterziehen, vorher in einer Übergangswohnung wohnen oder einen Entzug machen müssen, das heißt, dass Probleme, die zur Wohnungslosigkeit geführt haben, zuerst behoben werden müssen.

Bei Housing First ist das Gegenteil der Fall: Die Menschen können direkt in die eigene, neue Wohnung ziehen. Die Idee ist: Menschen brauchen zuerst ein stabiles Umfeld, dann können sie sich mit ihren weiteren persönlichen Problemen auseinandersetzen. Außerdem endet bei der herkömmlichen Unterbringung die Unterstützung der ehemals Obdachlosen. Bei Housing First beginnt die Unterstützung aber erst mit dem Einzug und wird individuell an die Bedürfnisse der Menschen angepasst.

Das Tolle ist, dass die Rückfallquote in die Obdachlosigkeit bei Housing First extrem gering ist. Nach einer EU-Studie aus dem Jahr 2013 konnten 80 bis 90 Prozent der ehemals Obdachlosen wieder dauerhaft in einer eigenen Wohnung untergebracht werden. Laut des Housing First Guide Europe von 2016 wurden in Österreich sogar 98,3 Prozent der Housing-First-Teilnehmer dauerhaft von der Straße geholt! Dabei konnten die Menschen auch oder vor allem erst durch das stabile, soziale Umfeld besser therapiert werden. Denn oftmals ist es ja so, dass das unwürdige Leben auf der Straße nicht gerade eine gute Voraussetzung dafür ist, dass sich Menschen wieder integrieren wollen oder erfolgreich eine Sucht bekämpfen können.

Obdachlose brauchen erst eine neue Wohnung, dann können sie sich um die Probleme kümmern, die zur Obdachlosigkeit geführt haben

In Berlin gibt es seit Oktober 2018 endlich auch eine eigene Housing-First-Initiative. Der Träger des Modellprojekts ist die Neue Chance gGmbH und  die Berliner Stadtmission. Die Senatsverwaltung für Soziales unterstützt das Projekt mit 580.000 Euro im Jahr 2019, berichtet der rbb. Und für die nächsten drei Jahre sollen mindestens 40 Wohnungen an Obdachlose vermittelt werden. Das ist zwar mit Blick auf die Zahl der Obdachlosen in Berlin nicht viel, sollte das Projekt aber dauerhaft Obdachlosigkeit in Berlin beenden, wird der Senat hier mit Sicherheit noch mehr tun, um das Projekt weiter zu fördern. Im Übrigen hat Housing First Berlin Anfang 2019 zum ersten Mal erfolgreich eine ehemalige Obdachlose in Schöneberg untergebracht. Der rbb hat Ingrid Bujnak in ihrer Wohnung besucht. Das Video könnt ihr euch hier anschauen.

Wer noch mehr zum Thema Obdachlosigkeit und verschiedenen Unterbringungsformen in Berlin erfahren will, der sollte am 22. Februar ins Rathaus Tempelhof zu der Veranstaltung "KEIN RAUM - Begegnungen mit Menschen ohne Obdach" gehen. Die Vernissage wird veranstaltet von der Fotografin und Autorin Debora Ruppert, die auch für Mit Vergnügen schon oft über Obdachlosigkeit in Berlin geschrieben hat. Bei der Vernissage spricht sie mit einem ehemaligen Obdachlosen sowie Jutta Kaddatz, Bezirksstadträtin von Tempelhof-Schöneberg, Van Bo Le-Mentzel, Gründer der bekannten Tinyhouse University, Wolfgang Willsch von der Notübernachtung St. Pius und den Machern von MY MOLO über die verschiedenen Initiativen in Berlin, die für Menschen ohne Obdach neue Möglichkeiten der Unterbringung entwickeln.

KEIN RAUM - Begegnungen mit Menschen ohne Obdach | 22.02.2019 | Rathaus Tempelhof, Tempelhofer Damm 165, 12099 Berlin | 19–21.30 Uhr | Mehr Info

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