Zwei Stunden flanieren in Gropiusstadt

© Hella Wittenberg

Platz verschwendet man nicht. Lieber baut man in die Höhe. Klettern statt klotzen. Genau das scheint sich Walter Gropius gedacht zu haben, als er Gropiusstadt skizzierte. Erst waren lediglich 12 Hochhäuser in Kreisform im Süden Neuköllns angedacht, jetzt existieren dort mehr als 18.000 Wohnungen für rund 36.000 Bewohner. Schön ist anders. Wer sich hier umschaut, sieht kastig, rechteckig, grau und beige.

Gropiusstadt entstand 1962 und war als Vorzeigeviertel geplant. Aber denkste: In dem 1981 erschienenen Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ hatte Christiane F. nur die trostlosesten und abstoßendsten Worte für die Siedlung übrig. „Überall nur Pisse und Kacke“, heißt es da. So was bleibt im Gedächtnis hängen. Lange. Sehr lange. Obwohl man zum 50. Geburtstag 2012 die Werbetrommel rührte und mithilfe von 100 Millionen Euro die energetische Sanierung voranbringen sowie generell die Gegend aufpimpen wollte, blieb der Ruf ruiniert. Grund genug, um sich nun selbst mal dort umzuschauen und zu gucken, wie sich die Plattenbauhochburg so macht, wenn keiner mehr über sie spricht.

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Los geht’s an der U-Bahnstation Lipschitzallee. Hier ist nicht viel los. Auch auf dem Bat-Yam-Platz direkt davor ist der Hund begraben. Menschen sieht man so gut wie gar nicht. Dabei sollte doch das Gemeinschaftshaus den einen oder anderen anlocken, oder? Schließlich wirbt man in dem Kulturzentrum mit einem umfangreichen Programm in den Sparten Musik, Theater, Tanz und Kleinkunst.

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Wir machen uns weiter auf den Weg in den direkt an den Platz anschließenden Park, der von hübsch gleichen Kästen umgeben ist, in der Mitte ein grauer Betonweg. Rentner so weit das Auge reicht. Tatsächlich sollen fast ein Drittel aller Einwohner über 65 sein. Solche, die zur Entstehung der Gropiusstadt 1962 hier her gezogen sind und seitdem nicht wieder weg. Sie sagen, dass sich Gropiusstadt zum Besseren gewendet hat, besonders in Sachen Ärzte und Einkaufszentren.

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Aber auch Familie ist in diesem Bezirk wichtig. Man schwört auf das Zusammenleben von Generationen. Barrierefreies Wohnen dank Fahrstuhl und Müllschlucker auf jeder Etage. Dank Altenheimen, Kindergärten, Jugendclubs und Sportvereinen. Immer wieder hört man Langzeitbewohner davon reden, dass die Bezeichnung als „Problembezirk“ Quatsch und die Kriminalität gar nicht so hoch wäre. Hier könne man sich auch nachts problemlos vor die Haustür trauen. Dennoch wirkt alles wie ausgestorben.

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The place to be sind sind dann auch die Gropius Passagen. Bis zur Fertigstellung der Mall of Berlin im Jahr 2015 war dieser Shoppingtempel der größte Deutschlands. Für uns ist das heute auch ein sehr wichtiger Anlaufpunkt. Denn es nieselt, es ist arg kalt und die Weihnachtsbeleuchtung spricht an. Drin angekommen, gibt es countryeske Livemusik. Und Kaffee. Aber Menschenmassen sucht man auch hier vergebens. Passendster Kommentar zum Center auf Facebook: „Eigentlich lohnt es sich nicht mehr, hier bummeln oder einkaufen zu gehen.“

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Draußen ist es trotzdem aushaltbarer als in so einem Einkaufsbombast. Wir entdecken die erste ernstzunehmende Futterbude an der Johannisthaler Chaussee. Gyros! Wir laufen latent müde geradeaus weiter und stoßen dabei auf ein Special-Interest-Restaurant, bei dem uns letztlich der komplizierte Teaser davon abhält, hineinzugehen. Und dann wieder: Platte an Platte an Platte.

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Wir biegen nach dem langweiligen Straßenszenario rechts ab in den Baumläuferweg und halten schließlich an der Goldammerstraße 34 an. Weltkulturerbe ist nichts dagegen: In Gropiusstadt treffen niedliche Streetart-Bunnys auf rustikale Mühlen. Die Mühle heißt eigentlich Jungfernmühle, ist historisch und jetzt neu aufgehübscht und beinhaltet ein Restaurant. Wer im Türmchen futtern will, muss aber reservieren, wie uns der Besitzer stolz mitteilt. Sehr beliebt hier: Gans und Schnitzel.

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Mehr Platte geht nicht: An der Fritz-Erler-Allee 120 befindet sich das Wohnhochhaus Ideal. 90,85 Meter geht es nach oben. 31 Stockwerke. 228 Wohnungen. Wahnsinnsausblick. Plötzlich sieht da unten alles nach Legobausteinprinzip aus. Fun Fact: Am ersten Sonntag nach Neujahr wird in dem Riesenhaus jedes Jahr vom Turn- und Sportverein Neukölln ein Treppenlauf veranstaltet. Der Rekord für alle 465 Stufen liegt bei 3,16 Minuten.

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Trotz dessen wir den Aufzug nach unten nehmen, haben wir danach keine Lust mehr auf Spazierengehen. Ist ja auch kein kuscheliges Café oder Lädchen in der Nähe, in dem man sich mal aufwärmen könnte. Nur kalte Kästen entlang der Wutzkyallee. Also steigen wir zum Verschnaufen für eine Station in die Bahn, nur um Lipschitzallee wieder auszusteigen. Hier gibt es Pommes, denn irgendwas muss man ja essen. Im Bahnhofsgebäude zieht es. Aber es schmeckt okay. Das Aufregende an Gropiusstadt haben wir nicht gefunden, nur Tristesse.

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