Alle kriegen Kinder: Kommen jetzt die Corona-Boomer?

© Daliah Hoffmann-Konieczka

"Heyhey, wann hast du mal Zeit demnächst? Muss dir unbedingt was erzählen!" War so eine Nachricht vor ein paar Jahren noch Anlass zur ehrlichen Neugierde, kann sie heute gefühlt nur eines bedeuten: Ein weiteres Pärchen aus meinem Freundeskreis erwartet Nachwuchs. Das ist nicht übertrieben, allein im letzten Jahr haben zehn Paare aus meinem engeren Bekanntenkreis Kinder bekommen oder sind schwanger geworden. Könnte natürlich am Alter liegen, wir sind alle so um die Dreißig, Tendenz steigend. Ich habe aber einen anderen Katalysator im Verdacht: Corona. Plötzlich hatten einfach alle viel mehr Zeit.

Mehr Intimität im Homeoffice

Seit Beginn der Pandemie, eher aber ab 2021 – man beachte die neun Monate – kriegen gefühlt viel mehr Menschen um mich herum Kinder. Was natürlich die Frage aufwirft, hat das überhaupt mit Corona zu tun? Und wenn ja, wieso? Tatsächlich habe ich besagten Kreis aus Freundinnen mal befragt und sehr unterschiedliche Antworten bekommen. Zwar hatte ich in der Möglichkeit, aus dem Stegreif zehn Menschen zu diesem Thema anhauen zu können, schon eine kleine Bestätigung meiner These gesehen. Stattdessen waren sich aber fast alle einig, dass Corona eher keine Rolle beim Timing ihrer Schwangerschaft gespielt hat. Na toll.

"Wir hatten eh schon einen Zeitpunkt im Kopf, Corona hat mir lediglich das letzte wilde Feier- und Festivaljahr vor der Schwangerschaft geklaut", meint eine Münchner Freundin. Es spielt dabei wohl auch keine Rolle, ob die Schwangerschaft geplant oder ungeplant kam. "Wir wollten eh nach der Hochzeit schwanger werden" und "Wir hatten eh nicht gedacht, dass ich schwanger werden würde" sind zwar sehr unterschiedliche Aussagen, hatten aber das gleiche Ergebnis – und jeweils nichts mit Corona zu tun.

Corona hat mir lediglich das letzte wilde Feier- und Festivaljahr vor der Schwangerschaft geklaut.
Freundin aus München

Habe ich mich also komplett getäuscht, sind die Menschen um mich herum einfach gleichzeitig im richtigen Alter für Kinder angekommen und zufälligerweise war noch eine globale Pandemie? Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Immerhin zwei Freund*innen bestätigen mir, dass durch Lockdown, Quarantäne und Homeoffice deutlich mehr Zeit zum "Üben" war. Wie praktisch, wenn die fruchtbare Zeit mal wieder ausgerechnet auf die Mittagspause fällt, wäre man vor Corona wohl trotzdem eher selten schwanger geworden.

© Hella Wittenberg

Ein Pärchen bestätigte, dass die viele Zeit zu Hause zwar kein Grund, aber ein wunderschöner Nebeneffekt war, um als Familie zu wachsen. Und eine weitere schwangere Freundin hätte sich zumindest gewünscht, schon während der Corona-Hochphase kugelrund gewesen zu sein, dann hätte man definitiv nichts anderes zu tun gehabt. Stimmt natürlich. Als Corona in den letzten Jahren eine Veranstaltung nach der nächsten abgesagt hat, hat es FOMO gleich miteliminiert. Und Zeitpläne über den Haufen geworfen. Eine Berliner Freundin meinte sogar, dass die Pandemie ihre Schwangerschaft eher verzögert hat, weil sie und ihr Partner erst vollständig geimpft sein wollten.

Kein Boom, aber schon deutlich mehr

Trügt mich also mein Gefühl, gibt es gar keinen Babyboom? Dabei wäre das so eine nette These gewesen. Kaum gibt man den Menschen mehr Zeit zusammen und weniger Alternativen, schon gibt es mehr Kinder. Ein bisschen wie damals in New York als die Krankenhäuser neun Monate nach dem großen Blackout von 1965 deutlich mehr Geburten verzeichneten. Verzeichnis, guter Punkt. Wenn schon nicht das Gefühl, dann tragen vielleicht die Zahlen meine Hypothese. Und auf die kann man sich in unserem Beamtenstaat ja immerhin verlassen. Statistik lieben die Deutschen, auch beim Thema Geburt.

So wissen wir beispielsweise, dass die Berliner*innen ihre Kinder jedes Jahr aufs Neue Noah oder Emilia nennen. Oder, dass der erste Babyboom nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahre 1964 mit 1,36 Millionen einen Höchststand erreichte. Oder, dass 2011 mit 663.000 Neugeborenen der niedrigste Geburtenjahrgang seit 1946 war. Und schließlich: dass 2021 tatsächlich mehr Kinder das Licht der Welt erblickten als in den Jahren zuvor. Mit 795.500 Babys hatten wir letztes Jahr die höchste Geburten­zahl seit 1997, vor allem im ehemaligen Westen und bei den dritten Kindern gingen die Zahlen nach oben.

Mich hat es genervt und irgendwie auch verletzt, dass die meisten sofort "Ach, ein Corona-Baby!" gesagt haben. Wir haben uns dieses Kind ja schon lange vor der Pandemie gewünscht.
Kollegin aus Berlin

In manchen Großstädten wie München gab es sogar allgemeine Geburtenrekorde, aber das liegt natürlich auch an der ohnehin stetig wachsenden Stadtbevölkerung. Und zur gesamten Wahrheit Deutschlands gehört auch, dass man bei einem Wachstum von 2,9 Prozent zu 2020 jetzt nicht unbedingt von einem Babyboom sprechen muss. Corona und die Lockdowns hatten also einen gewissen Einfluss, aber keinen so großen, dass er die unverhältnismäßig vielen Schwangerschaften um mich herum erklären würde. Da dürften dann doch eher das Alter und der Zufall eine Rolle gespielt haben.

© Daliah Hoffmann-Konieczka

Vielleicht wollen die meisten Eltern auch einfach nicht, dass ihre Kinder oder Schwangerschaften auf spezielle Umstände reduziert werden. Corona quasi als Steigerung zu September-Kindern, die wahrscheinlich auch gezeugt worden wären, hätten die Eltern nicht an Weihnachten zu tief ins Weinglas geschaut. Eine Kollegin gab mir diesbezüglich den wichtigen Hinweis mit, sie hätte es vor allem genervt und irgendwie auch verletzt, dass die meisten sofort "Ach, ein Corona-Baby!" gesagt haben. Sie hätten sich das Kind ja schon lange vor Corona gewünscht. Verständlich! Schließlich ist es auch egal, ob die Kinder durch die Pandemie bedingt wurden oder nicht, ich freue mich arg für alle frischgebackenen und werdenden Mütter um mich herum. Mögen ihre Kleinen zu wundervollen Menschen heranwachsen, die Corona hoffentlich nur aus Erzählungen kennen.

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