Die Lust am Feiern: Warum uns das Berliner Nachtleben fehlt

© Pablo Lütkenhaus

Bald ist es ein Jahr her, dass wir das letzte Mal feiern gehen konnten. Also so richtig, mit anderen Menschen und so. Erinnert ihr euch noch? Bei dem Gedanken an Partys sind wir neulich allesamt ziemlich sentimental geworden. Weil der letzte Rave schon so verdammt lange her ist und weil uns dann und wann eben doch die Lust am Feiern mit den Besten packt.

Denn inzwischen liegt das Berliner Nachtleben komplett brach, es ist nicht nur still geworden, sondern mausetot – und daran hat man sich gewöhnt. Das ist traurig, wohlwissend, dass es gerade nicht anders geht. Ich sehe es aber wie meine Kollegin Marit, die so treffend sagt: "Anstatt darüber zu diskutieren, ob sich die jungen Menschen nicht mal ein paar Monate zusammenreißen können, könnten wir auch einfach anerkennen, dass uns gerade eben allen etwas fehlt". Freund*innen, Musik und Freiheit zum Beispiel.

Deshalb schwelgen wir jetzt mal ein bisschen in unseren Erinnerungen an das Berliner Nacht- bzw. Parzyleben, das uns einfach fehlt:

Marit vermisst das "einer geht noch" und den strahlend blauen Himmel am nächsten Morgen

In der Stadt, in der ich aufgewachsen bin, gab es zwei oder drei Läden, in denen man freitags und samstags zu David Guetta tanzen konnte, in denen Vorabipartys gefeiert wurden und man die Jungs aus der Oberstufe traf. Kein Nachtleben also, das diesen Namen verdient hätte, aber zumindest Orte, an denen ich mit 16 zum ersten Mal Vodka Energy trinken und mich total erwachsen fühlen konnte.

Folglich ging es beim "Feiern" mehr darum, dabei zu sein – und wer am Freitagabend da war, das ließ sich nach dem Wochenende leicht im Internet herausfinden. Ich glaube, Partyfotograf (in meiner Erinnerung waren das immer Männer) konnte damals jeder werden, der sich mit einem möglichst großen Objektiv ausstattete und sich bei dem entsprechenden Internetportal anmeldete. Um dann Mädels, die natürlich alle "schon fast 18" waren, in ihren Grüppchen abzulichten und danach auf einen Drink einzuladen.

In den Clubs, in die ich gehe, seit ich in Berlin wohne, sind keine übergriffigen Partyfotografen unterwegs, und die Zeit, die man hier verbringt, wird überhaupt eher selten festgehalten. Überbleibsel gibt es vielleicht in Form von Kronkorken in Hosen- oder Jackentaschen, Kleidung, die nach Rauch riecht, und am nächsten Tag dient höchstens noch der verwischte Stempel am Handgelenk als Gedächtnisstütze, wo wir gelandet sind.

Kronkorken in Hosen- oder Jackentaschen, Kleidung, die nach Rauch riecht, und am nächsten Tag dient höchstens noch der verwischte Stempel am Handgelenk als Gedächtnisstütze, wo wir gelandet sind

Ich bin nicht traurig darüber, dass die Partyfotografen aus meinem Leben verschwunden sind, aber dass es von den Nächten der letzten Jahre kaum Fotos gibt, ist schon fast ein bisschen schade, wenn man darüber nachdenkt, dass genau diese Nächte jetzt fehlen. Mein letztes Mal ist jetzt genau ein Jahr her, und zum Glück war dieser Abend so schön und aufregend und besonders, dass ich mich auch ohne Fotos noch genau an alles erinnere: an die Menschen, mit denen ich unterwegs war, an den wunderschönen Sonnenaufgang, an das "einer geht noch" und an den strahlend blauen Himmel an diesem kalten Wintervormittag, der mir auf Heimweg ein letztes Hochgefühl bescherte. Diese Erinnerung ist wertvoll, einfach weil es ein Abend der besten Sorte war. Sie ist es aber auch, weil es seitdem so still geworden ist auf den Tanzflächen. Bis sich das ändert, wird es wohl noch eine Weile dauern.

Zeit mit Freund*innen

Natürlich gibt es in dieser Krise Probleme, die viel schwerer wiegen, das ist klar – obwohl man nicht vergessen sollte, dass hinter jeder geschlossenen Clubtür eben auch Existenzen um ihr Überleben kämpfen. Anstatt darüber zu diskutieren, ob sich die jungen Menschen nicht mal ein paar Monate zusammenreißen können, könnten wir auch einfach anerkennen, dass uns gerade eben allen etwas fehlt. Dazu gehören auch unbeschwerte Abende mit unseren Freund*innen.

Und ehrlich gesagt: Ich verstehe alle 16-Jährigen, die traurig sind, weil ihnen diese Zeit gerade gestohlen wird. Ich vermisse zwar weder Vodka Energy noch David Guetta, aber es ist gut, dass es diese Zeit gab.

© Kerstin Musl

Tom fehlt es, den ganzen Tag in der Sonne zu tanzen

Puh, natürlich wäre es schön, mal wieder morgens bei den ersten Sonnenstrahlen aus einer dunklen, stickigen und lauten Höhle zu kriechen, aber irgendwie fehlt mir das gar nicht so. Seit Jahren bin ich eher der Day-Dancer (Anglizismen aus der Hölle), gehe also tagsüber in den Club bis spät abends, dann nach Hause.

Gerade im Winter hat das natürlich so seine Vorteile: Kaum bzw. keine endlosen Wartezeiten in der Kälte, keine überfüllten Dancefloors, ein "Sorry, du kommst nicht rein – ist nicht dein Abend" gibt’s auch wirklich nie zu hören. Dass mir das Nachtleben fehlt, wird sich eher im Frühling bemerkbar machen. Ob die Clubs dann geöffnet haben oder kleine Open-Airs mit Hygienekonzept überhaupt möglich sind? Schwer zu sagen.

Schnell einen Crémant besorgen, mit der S-Bahn an den Arsch von Erkner fahren, durch den Wald zu einem halblegalen Rave stapfen, den ganzen Tag in der Sonne tanzen

Was aber klar sein dürfte: Die Unbeschwertheit wird erstmal fehlen. Sich am Samstagmorgen zusammen zu telefonieren, schnell einen Crémant besorgen, mit der S-Bahn an den Arsch von Erkner fahren, durch den Wald zu einem halblegalen Rave stapfen, den ganzen Tag in der Sonne tanzen – schwer vorstellbar.

Unbeschwertheit und spontan sein

Gleiches gilt natürlich auch erstmal für die Clubs, über Festivals will ich erst gar nicht nachdenken, das ist zu frustrierend. Gleichzeitig denke ich mir aber auch, dass es eigentlich ganz andere Probleme gibt. Während wir uns über mangelnde Freizeitaktivitäten beschweren, liegen andere schwer erkrankt im Krankenhaus oder müssen die letzte Hürde des Erwachsenwerdens – das Abi – ohne wirklich vernünftige Vorbereitung hinter sich bringen. Dass wir als Erwachsene einige Zeit auf die Feierkultur verzichten müssen, sollte nun wirklich nicht unsere größte Sorge sein.

© Ipse

Insa möchte mal wieder das Gefühl von Freiheit und "kein Ende finden können" haben

Es ist längst hell geworden draußen, aber die Bässe wummern weiter. Ich kann nicht mehr, die Beine sind müde, aber ich will nicht gehen, sondern bleiben. Nur noch dieser eine Track. Noch einmal dieses Kribbeln im Bauch spüren und dabei in die zufriedenen Gesichter der anderen schauen, die dicht gedrängt neben mir tanzen. Komm', wir bestellen uns noch einen letzten Sekt auf Eis. Der Tag morgen ist ja eh gelaufen. Was soll's.

Nach beinahe einem Jahr ohne Partys, fällt es immer schwerer, sich an Nächte wie diese überhaupt zu erinnern. Oder besser: daran, wie sich das angefühlt hat. Das Gefühl von Freisein und kein Ende finden können. Von der Verbindung mit anderen, von Nähe und Rausch. Verblasst. Dabei waren einige meiner schönsten Tage Nächte. Wirklich wahr. Sie haben mir Energie genommen, aber auch viel gegeben.

Tanzen, Nähe, Rausch

Der Sog der Nacht, die Lust am Feiern und der Drang nach Rausch: Für die einen sind das schlechte Angewohnheiten, für die anderen liegt genau darin der Reiz. Sich selbst zu spüren, einfach mal abschalten, in Gemeinschaft sein. Doch der Raum, wo man all das in einem safe space ausleben kann, ist nicht mehr da. Der Club ist geschlossen. Unklar, wie lange noch. Was das für viele Menschen – sowohl vor als auch hinter den Kulissen – langfristig bedeutet, ist noch gar nicht absehbar.

Das Gefühl von Freisein und kein Ende finden können. Von der Verbindung mit anderen, von Nähe und Rausch. Einige meiner schönsten Tage waren Nächte.

Ja, es geht gerade nicht anders. Da gibt es keine Wiederrede. Aber auch ich wünsche mir, dass wir die individuellen Sehnsüchte, Gefühlslagen und Herausforderungen der Jungen in der sozialen Isolation nicht gegen die richtigen und jetzt dringend nötigen Maßnahmen ausspielen. Das bringt uns nämlich nicht weiter. Menschen haben verschiedene Bedürfnisse, Menschen haben das Recht auf Rausch. Punkt.

Niemand weiß, wann und an welchen Orten wir in Zukunft noch zusammen feiern werden. Aber ich würde so gern mal wieder die Nacht zum Tag machen. Mit wummernden Bässen, Sekt auf Eis, mit müden Beinen und Kribbeln im Bauch.

Pierreversion
© Pablo Lütkenhaus

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