Keine Lobby, keine Perspektive? Die Kultur in der Corona-Krise

Alvaro Soler in der Barclaycard | © Julius Hatt for Budde Music

Von: Michaela Danner

Ein ganz normaler Montagmorgen in der Corona-Krise. Ich durchforste die aktuellen Ausgaben der politischen Talk Shows und mir zeigt sich das mittlerweile gewohnte Bild: wieder kein Gast aus der Kulturbranche. Kein*e Musiker*in, kein*e Künstler*in, keine Kulturpolitiker*in. Es macht mich traurig, dass Kultur in diesen Zeiten in der Öffentlichkeit keine Rolle zu spielen scheint. In guten Zeiten reißen sich die Politiker*innen darum, in Bayreuth in der ersten Reihe zu sitzen, in Zeiten wie diesen aber, in denen es bei vielen Künstler*innen ums Überleben geht, wird es plötzlich ganz still um das Thema Kultur. Prädikat: nicht systemrelevant.

Das Verbot von Großveranstaltungen betrifft uns alle. Was uns früher Spaß bereitet, uns inspiriert hat, ist heute nicht mehr möglich. Für mich als freischaffende Musikerin im Live-Sektor bedeutet die Corona-Krise nicht nur das Fehlen dieses unersetzbaren Live-Erlebnisses, bei dem eine echte Beziehung zwischen Künstler*in und Publikum entsteht. Es bedeutet auch: keine Jobs, kein Einkommen, keine Perspektive. Bis Ende August sicher, bis zum Ende des Jahres viel wahrscheinlicher. Langsam frage ich mich: Hat die Kultur vielleicht gar keinen Platz mehr in dieser 'neuen Realität', von der überall die Rede ist?

Prädikat: nicht systemrelevant

Ich bin keine Corona-Leugnerin, keine Verschwörungstheoretikerin. Das Verbot von Großveranstaltungen war für mich nicht nur nachvollziehbar, sondern eine logische und wichtige Konsequenz in dieser Pandemie. Denn Gesundheit soll und muss an erster Stelle stehen. Aber auch die Menschen, die ihre Arbeit und damit ihre Lebensgrundlage verloren haben, die nicht mehr wissen, wie sie zwischen Homeschooling und Homeoffice klarkommen sollen und denen jegliches Freizeitangebot und jegliche Zerstreuung fehlt, sollte man nicht ignorieren. Denn das schlägt auf die Psyche. Und zur Gesundheit gehört nicht nur der Körper, sondern auch der Geist.

Nur wie soll die Kulturbranche, die zu einem Großteil aus Freiberuflern*innen und Kleinunternehmer*innen besteht, diese ungewisse Zeit überstehen? "Wir können nicht ausgefallene Umsätze ersetzen. Das Geld hat kein Land in dieser Welt", so Wirtschaftsminister Peter Altmaier. Für Betriebskosten hat die Bundesregierung das Geld, nicht aber für Umsätze. Aber genau das ist es, was ein*e freiberufliche*r Künstler*in gerade aufgrund des Arbeitsverbotes braucht, damit das Unternehmen nicht zugrunde geht. Denn Betriebskosten gibt es kaum oder gar nicht. Sein*ihr Kapital ist er oder sie selbst, weshalb die Bazooka der Regierung, die Corona-Soforthilfen, für freiberufliche Künstler*innen auch völlig am Ziel vorbeischießt. Das ist, als würde man einem*r Schiffbrüchigen einen Rettungsring aus Gold zuwerfen und stolz verkünden, wie sicher er damit an Land schwimmen kann.

Liegt es daran, dass die Kultur keine Lobby hat?

Aber einige von uns werden es nicht ans rettende Land schaffen. Sie werden auf dem Weg untergehen, wenn ihnen nicht mit adäquaten Mitteln geholfen wird. Dabei ist das offensichtliche Desinteresse der Medien und der Politik an der Kultur- und Kreativbranche für mich nicht ganz nachvollziehbar. An der fehlenden wirtschaftlichen Relevanz kann es nicht liegen. Immerhin hat diese Branche im Jahr 2018 rund 168,3 Milliarden Euro zur volkswirtschaftlichen Gesamtleistung in Deutschland beigetragen, was 3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmacht. Ungefähr 1,1 Millionen Beschäftigte arbeiten in der Kultur- und Kreativbranche, 265.000 davon als Freiberufler*innen und gewerbliche Unternehmer*innen.

Liegt es vielleicht daran, dass wir keine Lobby haben, so wie zum Beispiel die Automobilbranche? Denn wir machen das ja alles nur zum Spaß – und auch umsonst, wie man an den tausenden‚ kostenlosen Instagram- und YouTube-Konzerten im Internet sehen kann. Nicht, dass ich die ersten Wohnzimmerfestivals nicht auch für gut befunden hätte, die gelebte Solidarität der Künstler*innen für die Menschen, die zu Hause bleiben mussten. Doch langsam scheinen die kostenlosen Konzerte zur Gewohnheit zu werden. Frei nach dem Motto "Ach, sie sind Musiker! Und was machen sie beruflich?".

Wir brauchen ein Konjunkturprogramm, das über die bloße Grundsicherung hinausgeht. Einen Weg, der langfristig hilft, eine bunte Kulturlandschaft langsam wieder aufzubauen und zu sichern
Michaela Danner
Alvaro Soler in der König-Pilsener-Arena - Oberhausen © Julius Hatt for Budde Music

Um für unsere Branche etwas zu erreichen, ist es aber auch notwendig, vor der eigenen Tür zu kehren. Mir scheint, dass die Musikbranche eher von Einzelkämpfer*innen und gegenseitiger Konkurrenz als von Zusammenhalt geprägt ist. Vielleicht können wir eine solche Zeit als Chance nutzen, uns besser zu organisieren und eine Community zu generieren, die sich gegenseitig unterstützt und uns handlungsfähig macht. Denn eins ist klar: Wir brauchen ein Konjunkturprogramm, das über die bloße Grundsicherung hinausgeht. Einen Weg, der langfristig hilft, eine bunte Kulturlandschaft langsam wieder aufzubauen und zu sichern. Und das deutschlandweit einheitlich. Denn eine deutschlandweite Ausnahmesituation verlangt nach einer deutschlandweiten Lösung, keinem Flickenteppich, der die Künstler*innen im Süden unterstützt und die Musiker*innen im Norden am ausgestreckten Arm verhungern lässt. Wir brauchen Konzepte, die es ermöglichen, dass auch mit Corona Kultur stattfinden kann.

Wir brauchen eine deutschlandweite Lösung, keinen Flickenteppich

Womöglich können wir uns von der Gastronomie eine Scheibe abschneiden, in der die bekannten Gesichter für die kleineren einstehen. Denn ich würde mir wünschen, dass es auch bei uns noch mehr von denen gibt, die ihren Status in der Öffentlichkeit nutzen, um sich für ihre Kolleg*innen und ihr Team stark zu machen und für den Erhalt einer bunten Kultur in unserem Land zu plädieren. Menschen wie die Geigerin Anne-Sophie Mutter oder der Sänger Peter Maffay. "Je weniger relevant die Kunst und Musik im öffentlichen Leben ist, umso ärmer wird das Land der Dichter und Denker", warnt Mutter. "Und wenn wir aus der Krise rauskommen, dann kann man nicht einfach den Schalter umlegen. Die vielen Freiberufler, die inzwischen andere Jobs annehmen mussten, um zu überleben, sind dann weg. Verloren for ever."

Kultur hat eine ganz andere, nicht weniger wichtige, Aufgabe in unserer Gesellschaft: Sie lässt uns fühlen. Für mich ist das nicht weniger wert als gutes Essen, schöne Kleider oder ein neues Auto. Für mich ist das der Sinn des Lebens
Michaela Danner

Ich verlange keine Versprechen für Lösungen, die nicht gehalten werden können, keine Prophezeiungen über eine Zukunft, die niemand vorhersagen kann. Ich wünsche mir nur die Aufmerksamkeit und den Respekt für eine Branche, die die erste war, die in den Lockdown ging und für die es bis jetzt noch keine umsetzbare Perspektive gibt. Das ist weniger eine Frage der sofortigen Problemlösung als eine Frage der Kommunikation – und nicht der Ignoranz. Denn was wird das für eine Welt, wenn wir nur die Industrie aufrecht erhalten und unsere Kultur vergessen? Kultur ist nicht nur ein wichtiger Wirtschaftszweig. Kultur hat eine ganz andere, nicht weniger wichtige, Aufgabe in unserer Gesellschaft: Sie lässt uns fühlen. Für mich ist das nicht weniger wert als gutes Essen, schöne Kleider oder ein neues Auto. Für mich ist das der Sinn des Lebens. 

Alvaro Soler in der Barclaycard Arena | © Julius Hatt for Budde Music
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