Schäm dich, BVG! Bei dir muss sich dringend etwas ändern

© Kerstin Musl

Vor einigen Tagen wollte ich zum Flughafen fahren, um meine Freundin zurück in Berlin zu begrüßen. Es sollte nach Tegel gehen. Von unserem vergnügten Büro in Prenzlauer Berg aus fuhr ich zunächst mit der U-Bahn zur Schönhauser Allee und dann mit der Ringbahn zum Bahnhof Beusselstraße, wo ich in den Expressbus TXL umsteigen wollte. Meine Reise endete auf der S-Bahnbrücke. Insgesamt 40 Minuten stand ich in der glühenden Nachmittagssonne und musste einen Bus nach dem anderen an mir vorbeiziehen lassen, denn die von der BVG eingesetzten Fahrzeuge waren allesamt knüppeldicke voll. So voll, dass einige der Fahrer nicht einmal mehr anhielten, sondern gleich durch donnerten.

Allein die BVG sollte ein schlechtes Gewissen plagen

Kurzerhand rief ich mir ein Taxi und ließ drei völlig verzweifelte Touristen mitfahren. Am Ende übernahm ich die Rechnung. "Das geht doch nicht", sagte einer der Mitreisenden, "das finde ich nicht fair." Ich antwortete ihm, dass allein die BVG ein schlechtes Gewissen plagen sollte. Wie kann man nur auf einer gerade von Touristen hochfrequentierten Linie einen so dünnen Takt planen? Was wirft das für ein Licht auf die Stadt, die offensichtlich nicht einmal in der Lage ist, die An- und Abreise zu den Flughäfen auf die Reihe zu bekommen?

Wie kann man nur auf einer gerade von Touristen hochfrequentierten Linie einen so dünnen Takt planen? Was wirft das für ein Licht auf die Stadt, die offensichtlich nicht einmal in der Lage ist, die Anreise zu den Flughäfen auf die Reihe zu bekommen?
© Kerstin Musl

Mich hat das schwer getroffen. Es ist schließlich seit Monaten bekannt, dass immer mehr Flüge von Tegel und Schönefeld abgehen und dort auch wieder landen, dass die Flughäfen in höchstem Maße ausgelastet sind, dass sich die Situation durch den Beginn der Ferien noch mehr zuspitzt. Wie kann man nur so ignorant sein und alles beim Alten belassen? Die einzige vernünftige Erklärung hierfür ist, dass die BVG nicht anders kann. Die Kapazitäten scheinen restlos erschöpft zu sein.

Es wäre gerade noch akzeptabel, hätte es sich hierbei um einen einmaligen Vorfall gehandelt. Doch Pustekuchen. Die BVG hat ein strukturelles Problem. Es gibt zu wenig Fahrer bei Bus und Tram, der gesamte Fuhrpark ist hoffnungslos veraltet, der (Aus-)Bau neuer Linien nimmt viel zu viel Zeit in Anspruch. Und das alles bei anhaltend hohen Ticketpreisen. Dass es auch anders geht, hat Melanie Berger im Tagesspiegel am Beispiel der Wiener Linien vorgeführt.

Günstige Ticketpreise, dichterer Takt, Neu- und Ausbau von (U-Bahn-)Linien

Seit nunmehr sechs Jahren gibt es in der österreichischen Hauptstadt das Jahresticket für gerade einmal 365 Euro. In Berlin kostet es satte 728 Euro für den Tarifbereich AB und damit ungefähr doppelt so viel. Die BVG versucht durch die Kampagne #weilwirdichlieben das eigene Image aufzupolieren und mehr Kunden zu gewinnen. Warum sie damit besser aufhören sollte, habe ich in diesem Artikel festgehalten. Die Wiener Linien haben solch eine Kampagne überhaupt nicht nötig. Durch den geringen Satz sind die Zahlen von ganz allein in die Höhe geschnellt: 2012 gab es noch 373.000 Jahresticket-Inhaber, mittlerweile schwören 780.000 Wiener auf ihre öffentlichen Verkehrsmittel. Doch nicht nur an den Preisen wurde geschraubt. Auch die Infrastruktur wurde angepasst, der Takt verdichtet und der Neu- und Ausbau von Linien sukzessive gefördert. Auch das macht sich in den Zahlen bemerkbar: Es werden deutlich mehr Wege mit den öffentlichen Verkehrmitteln zurückgelegt als hierzulande.

Das Schwarzfahren wurde durch sehr hohe Strafen zunehmend eingedämmt. In Berlin versuchen die Menschen zu tricksen, was das Zeug hält. Mit Mitte 30 noch an der Uni eingeschrieben? Viele werden antworten, dass sie das allein wegen des Semestertickets machen. Und denkt mal jemand an die Azubis, die eh von ihrem schmalen Lohn einen großen Teil abdrücken müssen, um überhaupt zu ihrer Ausbildungsstätte zu gelangen?

© Felix Kayser

Die BVG muss die Initiative ergreifen

Nun könnte man meinen, dass die BVG an der Lage nicht Schuld sei. Schließlich ist der Berliner Senat für die Bewilligung von Zuschüssen und überhaupt die Finanzierung der Berliner Verkehsbetriebe als öffentlich-rechtliches Unternehmen verantwortlich.

Klar ist jedoch: In den vergangenen Jahren wurde die Unterfinanzierung von der BVG geschluckt. Dabei muss die BVG-Führung endlich die Initiative ergreifen, ihrerseits sagen: Nein, so geht es nicht weiter. Wir brauchen neue Fahrzeuge, wir brauchen finanzielle Anreize für unsere Fahrer, wir brauchen mehr (Sicherheits-)Personal auf den Bahnhöfen und in den Bahnen. Wir müssen in den Ausbau investieren, neue Linien installieren und Takte nachhaltig (!) verdichten.

Erst wenn der Druck von allen Seiten zunimmt, wird auch in der Politik das längst überfällige Umdenken einsetzen. Und dann kann der rot-rot-grüne Senat auch nicht mehr damit kommen, dass kein Geld da wäre. Das ebenfalls stark verschuldete Wien hat es geschafft, dann wird Berlin es allemal schaffen. Es wäre ein wichtiges Zeichen für die Verkehrswende und eins für die Berliner, die von ganz allein damit anfangen werden, ihre BVG zu lieben, ganz ohne flotte Sprüche und nette Collagen, dafür mit Bussen, die sie und ihre Gäste zuverlässig zum Flughafen chauffieren. Denn darauf kommt es an.

Das verschuldete Wien hat es geschafft, dann wird Berlin es allemal schaffen.
Weiterlesen in Stadt
Sags deinen Freunden: