Schluss mit lustig – Warum die BVG ihre Kampagne #weilwirdichlieben besser beenden sollte

© Kerstin Musl

Die BVG-Kampagne #weilwirdichlieben ist witzig, keine Frage. Die pointierten Beiträge, die seit der Lancierung des Hashtags von der namhaften Agentur GUD.berlin erstellt werden, sind humorvoll, radikal, sarkastisch und schrecken nicht davor zurück, die Berliner Verkehrsbetriebe mächtig auf den Arm zu nehmen. Alle paar Monate erscheinen zudem Videos, die aus dem – auf dem Agenturmarkt ebenfalls renommierten – Haus Jung von Matt stammen, und mit viel Kreativität die schrullig-deftigen Hauptstadt-Attitüden von "Ist mir egal" bis zu "Ist mir scheißegal" irgendwo zwischen Retro-, Glamour- und Fuck-off-Chic abbilden. Gut drei Jahre ist es nun her, dass die BVG ihre Kampagne gestartet hat. Es ist höchste Zeit zu fragen, was seitdem passiert ist, wie und vor allem ob sich die Kampagne ausgezahlt hat.

Zuallererst einmal – und damit wird das Gros der Berliner übereinstimmen – hat sich das Image der Berliner Verkehrsbetriebe nachhaltig verbessert. Die BVG ist von Twitter über Facebook bis hin zu Instagram auf allen relevanten sozialen Plattformen berüchtigt wie beliebt – und definitiv auf der Höhe der Zeit. Auf Facebook hat die Kampagne annähernd 250.000 "Gefällt mir"-Angaben, dazu kommen über 50.000 Follower auf Instagram sowie 280.000 auf Twitter.

Es geht um Personenbeförderung, nicht darum, beliebt zu sein

Was bedeutet das aber? Nach dem Berliner Betriebe-Gesetz besteht die "Aufgabe der BVG [in der] Durchführung von öffentlichem Personennahverkehr für Berlin mit dem Ziel kostengünstiger und umweltfreundlicher Verkehrsbedienung". Platt und pragmatisch gesagt geht es im Wesentlichen um die Personenbeförderung und nicht darum, beliebt zu sein. Es stellt sich unweigerlich die Frage, was sich abgesehen vom Image an den Berliner Verkehrsbetrieben verbessert hat und ob diese Verbesserungen der Image-Kampagne zuzuschreiben sind.

Unterhaltsam wie aufklärend ist dabei der Podcast Talking Digital bei W&V, der von Sachar Klein und Timo Lommatzsch kuratiert wird und bei dem die BVG-Sprecherin Petra Reetz Ende vergangenen Jahres zu Gast war. In der im Oktober 2017 veröffentlichten Folge wurde unter anderem auch die Frage nach dem Nutzen der Kampagne #weilwirdichlieben gestellt, den Reetz auf vielfältigen Gebieten sieht.

Vandalismus und Fahrgastaufkommen

So gingen – bedingt durch die nun eingesetzte "Gegenliebe der Berliner" ihren öffentlichen Verkehrsmitteln gegenüber – laut Reetz die Vandalismus-Zahlen um mehr als die Hälfte zurück. Das stimmt so nicht. Richtig ist, dass sich die durch Vandalismus verursachten Kosten in den letzten zehn Jahren halbiert haben, die Summe mit vier Millionen Euro pro Kalenderjahr seit 2012 aber in etwa gleichgeblieben ist.

Richtig ist, dass sich die durch Vandalismus verursachten Kosten in den letzten zehn Jahren halbiert haben, die Summe mit vier Millionen Euro pro Kalenderjahr seit 2012 aber in etwa gleichgeblieben ist.

Auch die Erhöhung des Fahrgastaufkommens kann nur schwer nachweislich mit einem Erfolg der Kampagne begründet werden. Fakt ist, dass mittlerweile mehr als eine Milliarde Menschen – Berliner wie Touristen gleichermaßen – die BVG nutzen. Dass allein im vergangenen Jahr 35 Millionen Fahrgäste mehr gezählt wurden als 2016, mag an dem verbesserten Image liegen. Viel wahrscheinlicher erscheint es jedoch, dass die erhöhte Nutzung der BVG auf den anhaltenden Tourismus-Boom ebenso wie die stetig zunehmende Einwohnerzahl zurückzuführen ist. Zudem verzichten viele junge Menschen beispielsweise aus ökologischen Gründen auf ein eigenes Auto und ziehen die öffentlichen Verkehrsmittel vor.

Provisorische Dixie-Klos für Busfahrer

Bliebe die Behauptung, dass die BVG für potenzielle Arbeitnehmer attraktiver geworden wäre. Das ist natürlich schwer zu überprüfen. Und selbst wenn es wahr wäre, wäre es spannend zu sehen, ob Anspruch und Wirklichkeit auch nach einer Anstellung übereinstimmen. In einer seiner jüngsten Kolumnen widmete sich der (ansonsten unmögliche) B.Z.-Autor Gunnar Schupelius der Dixie-Toilette am Hagenplatz in Grunewald, die Busfahrer seit 15 Jahren statt einer ordentlichen Toilette im Winter wie im Sommer notdürftig nutzen müssen – und auch andernorts sieht es nicht besser aus. In einem Gespräch mit einem BVG-Mitarbeiter war von abgenutzten, spartanisch eingerichteten und wenig einladenden Pausenräumen, einer chaotischer Arbeitsplanung sowie einer stark fluktuierenden Personaldecke die Rede – Sorgepflicht und Wertschätzung, die Pfeiler eines guten Betriebsklimas, sehen anders aus.

Busfahrer müssen an vielen Haltestellen provisorische Dixie-Klos aufsuchen, gleichzeitig können 3,5 Millionen Euro für die Bespaßung der sozialen Netzwerke locker gemacht werden.

3,5 Millionen Euro kostet die Kampagne alljährlich, was etwa 0,5 Prozent der Fahrgeldeinnahmen entspricht. Das erscheint auf den ersten Blick wenig. Aber: 3,5 Millionen Euro nur für ein gutes Image? Bezahlt aus unseren Geldern, den Gelder der Fahrgäste, die in den meisten Fällen nur von A nach B wollen? Bei einem Betrieb, der quasi konkurrenzlos ist, weil er eine öffentliche Anstalt in Monopolstellung darstellt? Das erscheint doch heftig.

Zumal andernorts die Baustellen nicht abreißen. Das geht bei den provisorischen Toiletten für die Busfahrer los, die auch anderswo in Berlin anzutreffen sind, das betrifft die dauerhaft kaputten Aufzüge und Rolltreppen, die permanenten Störungen im Betriebsablauf (#defekteWeichen, #Signalstörung), die prekäre Sicherheitslage auf zahlreichen Bahnhöfen und endet bei den zahlreichen verirrten Touristen, die lieber einen vernünftigen Ansprechpartner auf den Bahnsteigen bräuchten als einen lustigen Tweet zur Fashion Week.

© Redaktion

Ein kaputtgespartes System

Die BVG ist natürlich nicht an allem Schuld. Über Jahre wurden die Berliner Verkehrsbetriebe systematisch kaputtgespart. Das rächt sich nun. Wer aufmerksam die Zahlenspiegel der vergangenen Jahre sichtete, wird bemerkt haben, dass zwar das Fahrgastaufkommen gestiegen, gleichzeitig aber die Flottengröße von Bus, Tram und U-Bahn altersbedingt geschrumpft ist und Neuinvenstitionen viel zu lange verschleppt wurden. Die Tatra-Bahnen aus Ostzeiten als eiserne Reserve zu bezeichnen, hat etwas Nostalgisches, ist aber letztlich nur ein Armutszeugnis. Ebenso wie die Fahrkartenautomaten in der Tram, die auch im Jahr 2018 ausschließlich Münzen schlucken. Ich schäme mich regelmäßig in Grund und Boden, wenn ich Touristen erklären muss, dass sie weder mit Scheinen noch einer EC- oder Kreditkarte weiterkommen und im Falle einer Kontrolle einfach Pech hätten.

All diese Unzulänglichkeiten mit einer hübschen Kampagne gerade zu bügeln und mit Berliner Schnoddrigkeit abzutun, fühlt sich trotzdem irgendwie verkehrt an. Es fühlt sich falsch für mich an, einen Fahrschein zu kaufen in dem Wissen, dass ein Teil der Einnahme in den Social-Media-Spaß fließt bei einem Unternehmen, das so viel mehr dringliche Baustellen zu meistern hat. Deshalb ist es höchste Zeit, die Kampagne zu beenden. Es war eine schöne Zeit, doch schöner wäre es, wenn der Fortschritt nicht nur in den sozialen Netzwerken gelebt, sondern in der Realität sichtbar wird – und auf die kommt es schließlich an.

Das mit einer hübschen Kampagne quasi gerade zu bügeln und mit Berliner Schnoddrigkeit abzutun, fühlt sich einfach verkehrt an.
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