Zwei Stunden flanieren durch Mitte

© Ilona Hartmann

Was fällt euch zum Stichwort Berlin-Mitte ein? Genau: Zu schick, zu teuer, zu touristisch und überhaupt. Und wer will sich schon freiwillig durch das ganze Gewusel schlagen, um am Ende bei einer Café-Kette überteuerte Heißgetränke zu frustschlürfen? Eben.

Das Gute ist: Mitte kann auch ganz anders. Fernab von Touri-Schwärmen hat sich im Scheunenviertel ein kleines Stück bunte Alt-Berliner Lebenskultur gehalten. Auf unserer zweistündigen Schlenderroute könnt ihr einen Blick werfen in Galerie-Schaufenster, lauschige Hinterhofidylle, versteckte Parks und munkelige grüne Ecken, die so gar nicht nach Hauptstadzentrum aussehen. Los geht's! Eine Karte zum Angucken, Ausdrucken und Mitnehmen gibt's hier.

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Wir starten bei der Volksbühne. Die wurde 1890 erbaut und war das erste Theater Berlins – der ideale Ausgangspunkt für eine geschichtsträchtige Spazierroute also. Bevor es richtig losgeht, bedarf es natürlich einer sommerlichen Stärkung: Wir gehen von der Volksbühne einige Schritte Richtung Süden und biegen in die Hirtenstraße ein, von wo wir uns bis zur Max-Beermann-Straße schlängeln.

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Spätestens dort kommen euch zahlreiche Menschen mit Eis in der Hand entgegen – die waren alle bei Cuore di Vetro. Dort, so wird gemunkelt, gibt es das beste Eis der Stadt. Die Kugel Schokoladensorbet, die mir Dean über den Tresen reicht ist jedenfalls in einem Wort magnifico.

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Während wir uns am kühlen Glück laben, können wir vom Eisladen nach links schon mal weiterspazieren in die Mulackstraße. Hier im Scheunenviertel, einst Arbeiterghetto, finden sich viele Shops und Boutiquen bekannter und unbekannter Designer – ideal zum Stöbern. In der Mulackstraße 15, wo heute das angesagte Restaurant The Klub Kitchen ist, war einst die Stammkneipe Marlene Dietrichs, wo in den 1930ern Unterwelt und Oberschicht Berlins aufeinandertrafen.

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Ich hingegen treffe zufällig meine Bekannte Bente, die bei Starstyling, einem Laden für ausgefallen bedruckte Kleidung, arbeitet – untypisch für Berlin blitzen und funkeln bunte Folienprints. Wer kauft hier so ein? "Viele Stammkunden – und das ein oder andere bekannte Gesicht aus der Berliner Clubszene". Fresh!

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Eigentlich könnten wir den halben Tag beim Shop-Hopping in der Mulackstraße verbringen, aber das wäre schade, denn wir haben auf unserer Route noch so einige Perlen und Geschichtenerzähler zu besuchen. Deshalb weiter über die Gormannstraße in die Linienstraße, denn von dort seht ihr sie schon von weitem: Das seit 1990 besetzte Haus Linie 206, das erst vor Kurzem geräumt wurde.

Wir bleiben auf der Linienstraße und wagen uns kurz unterhalb des wuseligen Rosenthaler Platzes noch tiefer hinein nach Alt-Berlin. Wem es nach einem hervorragenden Kaffee dürstet, kann an der Ecke zur Ackerstraße einen Abstecher in die Röststätte machen und dort in den Genuss der köstlichen hausgerösteten Kaffeemischung kommen.

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Als nächstes biegen wir ein in die Kleine Auguststraße: Ein schmales, rosenumranktes Gässchen, wie man es in Mitte kaum noch sieht. Weiter geradeaus folgt die Joachimstraße, wo wir um die Ecke in der Gipsstraße auf das Café Altes Europa stoßen: Hier weht noch der Geist der großen Dichter und Denker aus vergangenen Tagen und an der Grünfläche der Gipsinsel lässt sich herrlich draußen essen und trinken.

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Wir werfen einen kurzen Blick hinein in die Sophie-Gips-Höfe, wo Milch und Honig zwar nicht fließen, aber an der Wand stehen: 1997 wurde dort der Schriftzug des Konzeptkünstlers Lawrence Weiner angebracht – eine Anspielung auf die Zukunft des prosperierenden Bezirks Mitte.

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Wir folgen der Gipsstraße wieder nach Norden und biegen nach links in die Auguststraße. Vorbei am berühmten Clärchens Ballhaus kann man hier vor allem eins sehr gut: In die Galerien reinlugen, die Tür an Tür stehen. Schließlich gelangen wir zur Oranienburger Straße mit dem bekannten Wandstencil an der Brandwand des einstigen Kunsthaus Tacheles. Wir verstehen die Frage nicht und biegen nach links ab.

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Hier auf der Oranienburger Straße wird der touristische Trubel schon deutlich spürbarer. Kleine Fluchten bieten jedoch die zahlreichen Hinterhöfe: In den Heckmann-Höfen fühlen wir uns gleich ein bisschen wie in Italien.

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Und es wird noch besser: Der Krausnickpark steht auf keinem Stadtplan und ist immer noch ein kleiner Geheimtipp. Das Eisentor an der Oranienburger Straße 19/20, ein Stück hinter der Synagoge, ist der einzige Ein- und Ausgang und führt euch direkt hinein in die grüne Oase.

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Wieder raus in die gleißende Sonne und ab nach rechts: Kurz nach dem Monbijouplatz biegen wir ein in die Große Hamburger Straße. Hier warten gleich mehrere sehenswerte Bauwerke: Das St.Hedwig-Krankenhaus mit seiner nordisch anmutenden Backsteinfassade, der jüdische Friedhof und die Sophienkirche, wo 1964 Martin Luther King eine Predigt hielt. Am Nachbargebäude: Zahllose Einschusslöcher.

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Wir durchqueren den Kirchhof und sind schon fast am Ziel: Hier in der Sophienstraße wartet unsere Endstation und wiederum noch mehr ruhige, fast dörfliche Idylle. Bei Balzer, der ältesten Bäckerei in Berlin gibt's sogar Ehemänner für 1,50 Euro.

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Wer nicht schon bei Balzer in den Kuchenrausch verfällt, der ist jetzt gleich am Ziel: Für unsere letzte Station wagen wir uns noch einmal in einen schattigen Hinterhof und besuchen Barcomi's Deli.

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Geschafft! Bei einem Stück des köstlichen, stadtbekannten New York Cheese Cake, einer Tasse Kaffee oder einem Bagel beschließen wir unsere Spazierrunde. Von wegen Mitte ist schitte – die große, schnelle Stadt hat einen ihren weichen Kern. Und hier seid ihr mittendrin.

Grade erst warmspaziert? In Lichtenberg oder Moabit lässt sich's auch fein flanieren.

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