Lesevergnügen #21: 11 Neuerscheinungen für den Winter, die wirklich lesenswert sind

© Wiebke Jann

Wenn es draußen kalt und ungemütlich wird, ist der Sehnsuchtsort vieler Menschen nicht etwa die türkische Riviera oder der Strand der Malediven (aus Gründen), sondern die heimische Couch. Eingepackt in eine gemütliche Decke, mit einem guten Glas Wein in der einen und einem spannenden Buch in der anderen Hand, lassen sich die trüben Wintermonate ziemlich gut überstehen. Wer im Sommer nicht nur der Sonne hinterhergerannt ist, sondern auch zum Lesen kam, der*die braucht vermutlich spätestens jetzt wieder ein bisschen Nachschub – und den liefern wir euch natürlich gern, denn der (non-)fiktionalen Erzählung sind auch in den vergangenen Monaten keine Grenzen gesetzt worden.

Helene Hegemann verrät in ihrem neuen Buch, was Christoph Schlingensief, Patti Smith und sie selbst miteinander verbindet, Ai Weiwei beschreibt seinen (künstlerischen) Werdegang in seiner ersten Autobiographie, Jardine Libraire und Amanda Eyre Ward verraten ihren Leser*innen die Vorteile des Nüchternseins und Andrej Gelassimow erzählt ein russisches Rap-Märchen. Welche Neuerscheinungen für den Winter außerdem auf eurem Lesestapel nicht fehlen sollten, verraten wir euch hier:

1. Imbolo Mbue: "Wie schön wir waren"

Was passiert, wenn westliche Profitgier und korrupte Regierungen auf ein dem Untergang geweihtes afrikanisches Dorf treffen? Imbolo Mbue kennt auf diese Frage in ihrem zweiten Roman nur eine Antwort: Widerstand. Während ein US-amerikanischer Ölkonzern das gesamte Ackerland von Kosawa aufgrund von Öllecks unfruchtbar gemacht hat und Kinder wegen vergifteten Trinkwassers sterben, warten die Bewohner*innen vergebens auf Aufräumarbeiten oder finanzielle Unterstützung. Da auch die korrupte Regierung nicht im geringsten daran denkt, die Interessen des Dorfes zu vertreten, beschließen die Bewohner*innen, selbst aktiv zu werden – jahrzehntelang. Mbues Roman erzählt die Geschichte aus dem Blickwinkel der Kinder, vor allem dem der jungen Thula, die so zur Revolutionärin wird. Ein fesselndes und gleichsam aufwühlendes Buch, das die Probleme unserer Gesellschaft zwischen westlicher Profitgier, Korruption und Kolonialismus unangenehm präzise und anschaulich widerspiegelt.

Erschienen im KiWi Verlag | 448 Seiten | 23 Euro | Mehr Info

© KiWi Verlag | © Ullstein Verlag

2. George Orwell: "1984" als Graphic Novel (illustriert von Fido Nesti)

George Orwell ist einer der erfolgreichsten und bekanntesten Autor*innen der Welt. Geht es irgendwo um Dystopien, dauert es meist nur wenige Minuten, bis sein Name und sein Meisterwerk "1984" ins Spiel kommen – nicht zuletzt, weil wir dem fiktionalen, totalitären Überwachungsstaat näher zu sein scheinen, als uns lieb ist. Rund 70 Jahre nachdem Orwell seinen Roman vollendet, greift sich Illustrator Fido Nesti die Geschichte und erzählt sie in seiner gleichnamigen Graphic Novel mit ausdrucksstarken Bildern und interessanten Stilmitteln – und gibt den Lesenden so eine neue Herangehensweise und Möglichkeit noch tiefer in die dystopische Materie einzusteigen. Ein wunderschön illustriertes Buch, das, so ansprechend die Zeichnungen auch sind, nichts von dem bedrückenden, melancholischen Gefühl wegnimmt, das die Geschichte beim Lesen immer wieder auslöst – egal, wie oft sie erzählt wird.

Erschienen im Ullstein Verlag | 224 Seiten | 25 Euro | Mehr Info

3. Helene Hegemann: "Patti Smith"

Die KiWi-Musikbibliothek zählt zu den schönsten Reihen, die in den vergangenen Jahren erschienen sind. In jedem Band schreiben bekannte Persönlichkeiten wie etwa Chilly Gonzales, Tino Hanekamp, Sophie Passmann oder Lady Bitch Ray einen sehr subjektiven Liebesbrief an Musiker*innen, die sie verehrt haben, von denen sie geprägt wurden und mit denen sie etwas ganz Besonderes verbindet. Helene Hegemann hat in ihrem Beitrag "Patti Smith" aber nicht nur über die Ausnahmekünstlerin, ihr Leben, ihr Werk und ihre erste gemeinsame Begegnung geschrieben, sondern auch über ihre Jugend zwischen Bochumer Platte und der Berliner Volksbühne. Emotional mitreißend verbindet sie persönlich Erlebtes mit der Musik Smith', erzählt vom Tod ihrer Mutter, die Eminem hörte. Von ihrem sich verändernden Vaterbild. Von den Wagner-Festspielen. Von der schillernden Persönlichkeit Christoph Schlingensief – und der besonderen Verbindung zwischen Christoph Schlingensief, Patti Smith und ihr selbst. Ein Buch, das so on point geschrieben ist, dass man die rund 100 Seiten in einem wegliest, und anschließend ein bisschen traurig zurückgelassen wird, weil der Spaß so schnell vorbei war.

Erschienen im KiWi Verlag | 117 Seiten | 10 Euro | Mehr Info

© KiWi Verlag | © Penguin Verlag

4. Ai Weiwei: "1000 Jahre Freud und Leid"

Ai Weiwei ist einer der aufregendsten Künstler*innen unserer Zeit. Der in Peking geborene Kurator und Konzeptkünstler beschreibt sich selbst auch als Menschenrechtler, wurde nach regierungskritischen Äußerungen während Protesten in China verhaftet, saß einige Zeit im Gefängnis und hatte bis 2015 Einreiseverbot. Er lebte bis 2019 in Berlin – drehte dort 2015 remote einen autobiographischen Kurzfilm, in dem er nicht nur Regie führte, sondern auch sich selbst an der Seite seines Sohnes, den er zu diesem Zeitpunkt nicht besuchen durfte, spielte. Inzwischen lebt Ai Weiwei in einer portugiesischen Kleinstadt und veröffentlicht jetzt seine Autobiographie, die in 14 Sprachen gleichzeitig erschien. Er erzählt vor dem Hintergrund seiner in China lebenden Familie von seinem künstlerischen Werdegang. Davon, wie bereits sein Vater als ehemals Vertrauter Maos und erfolgreicher Dichter während der "Kulturrevolution" gebrandmarkt und verbannt wurde. Wie er seine Familie zurückließ, um in den USA Kunst studieren zu können. Wie er allmählich in den Olymp der zeitgenössischen Künstler*innen aufstieg – und durch seine regierungskritischen Äußerungen in das Visier der chinesischen Regierung geriet. Ai Weiweis reichlich illustrierte Erinnerungen erzählen von einer vermutlich nie endenden Suche nach kreativer Freiheit, dem Kampf um Meinungsfreiheit und der Kraft, die Kunst auch in politischen Kontexten immer haben wird.

Erschienen im Penguin Verlag | 416 Seiten | 38 Euro | Mehr Info

5. Jardine Libraire & Amanda Eyre Ward : "Berauscht vom Leben. Die Freiheit, nicht zu trinken"

Egal ob Sober October oder Dry January, wer sich dazu entschließt (phasenweise), sich den alkoholischen Getränken abzuwenden, der findet mittlerweile nicht nur jede Menge Gelegenheiten, sondern auch immer mehr Gleichgesinnte. Neben nachhaltiger Lebensweise und einer bewussten Ernährung wird das Sober-sein in den Dreiklang des "gesunden" und modernen Lebens aufgenommen. Für immer nüchtern – was bedeutet das? Verzichtet man gleichsam nicht nur auf den Alkohol, sondern auch auf die ganzen netten Bekanntschaften, besonderen Momente, lustigen Abenteuer und übermütigen Erlebnisse? In ihrem gemeinsamen Buch sind Jardine Libraire und Amanda Eyre Ward, die sich beide für ein Leben ohne Alkohol entschieden haben, diesen Fragen auf der Spur und geben mit kleinen Anekdoten, Geschichten, Beobachtungen und Ideen Antworten auf sie. Wie kann man das Leben ohne Rausch (und Filmriss) in vollen Zügen genießen? Und welchen eventuell neuen Zugang zu sich und seinen Gefühlen findet man – ganz nüchtern betrachtet? Die beiden Frauen erzählen von ihren Erfahrungen und Durchbrüchen und das ganz ohne erhobenen Finger-weg-vom-Alkohol.

Erschienen im Diogenes Verlag | 400 Seiten | 18 Euro | Mehr Info

© Diogenes Verlag | © KiWi Verlag

6. Tobias Bamborschke: "Schmetterling im Winter. Gedichte, Gedanken und Spelunken"

"Der Wahnsinn hält mich warm. Der Teufel kommt und nimmt mich in den Arm. Ich hab' endlich keine Träume mehr. Ich hab' endlich keine Hoffnung mehr. Hab' endlich keine Emotionen mehr. Ich hab' keine Angst vor’m Sterben mehr". Vermutlich erkennen die meisten von euch diese Zeilen wieder – was sich wie Lyrik liest, wird in halb melancholischer Manier üblicherweise von Tobias Bamborschke, dem Lead-Sänger der Band Isolation Berlin, ins Mikro geweint. Dass in dem Sänger auch ein feingeistiger Lyriker steckt, hat er bereits 2017 mit seinem ersten Gedichtband "Mir platzt der Kotzkragen" unter Beweis gestellt. Nun dürfen wir uns auf sein zweites Buch mit viel Melancholie, Distanzlosigkeit, Zerbrechlichkeit und lakonischem Witz freuen. In seinen Gedichten führt er uns in zwielichtige Parks, nimmt uns mit auf scheußliche Straßen und skurrile S-Bahn-Fahrten und gibt uns mit seiner humorvoll-pointierten Bildsprache das Gefühl, dass selbst Alltägliches zu großer Kunst werden kann. Falls ihr den Wahlberliner lieber singend als dichtend erlebt, solltet ihr euch das im Oktober diesen Jahres neu erschienene Isolation-Berlin-Album "Geheimnis" anhören.

Erschienen im KiWi Verlag | 128 Seiten | 14 Euro | Mehr Info

7. Ronya Othmann: "Die Verbrechen"

Ronya Othmann wurde 1993 in München geboren und hat mit ihrem Roman "Die Sommer" Wellen geschlagen. Sie erhielt verschiedene Literatur- und Lyrikpreise, bis August des vergangenen Jahres schrieb sie gemeinsam mit Kollegin Cemile Sahin für die taz die Kolumne "OrientExpress" und seit diesem Jahr schreibt sie für die FAS die Kolumne "Import Export". Ende Oktober veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband. "Die Verbrechen" heißt der wortgewaltige und langersehnte Gedichtband Othmanns. Die Gedichte behandeln menschenverachtende Verbrechen, das Glück, Fremdheitsgefühle und Heimweh. Die Worte sind dabei so schön und rein, dass sie einen auch nach dem Lesen noch lange nicht loslassen.

Erschienen im Hanser Verlag | 112 Seiten | 20 Euro | Mehr Info

© Hanser Verlag | © Blumenbar Verlag

8. Andrej Gelassimow: "RussenRap"

Denkt man an glorreiche und erfolgreiche Rap-Geschichten, ist es garantiert nicht Russland, was einem als erstes in den Sinn kommt. Und trotzdem beschreibt Andrej Gelassimow in seinem Roman "RussenRap" ein Rap-Märchen, das im Russland der 1990er Jahre spielt. Protagonist*innen des Märchens sind Tolja und seine Freund*innen, deren Jugend, ebenso wie die ihrer Vorbilder aus den USA, im Zeichen von Drogenkonsum und Drogenhandel, Armut und Kriminalität steht. Um aus der Armut zu entkommen, beginnt auch Tolja zu rappen – und das ziemlich erfolgreich. Als er auf seinem ersten großen Konzert die schöne Lena kennenlernt, scheint alles perfekt. Doch während Tolja sich dem Ruhm und den Drogen hingibt, setzt Lena alles daran, ihn aus diesem Sumpf zu befreien. Gelassimow erzählt vom glorreichen Aufstieg eines Rappers, der dem des erfolgreichen russischen Superstars Basta nicht unähnlich ist, und rückt damit die gesamte russische Rapszene in wohlverdientes Scheinwerferlicht.

Erschienen im Blumenbar Verlag |  352 Seiten | 22 Euro | Mehr Info

9. Maria Tumarkin: "Gewissheiten"

Maria Tumarkin kann nicht nur wunderbar schreiben, sondern vor allem auch hervorragend zuhören. Neun Jahre ist sie als Zuhörerin gereist und hat schicksalshafte Geschichten gesammelt. Von Familien, die über den Suizid ihres Kindes sprechen – und darüber, wie sie damit leben. Von einer Anwältin, die gegen koloniale Mächte in der Justiz kämpft. Von einer Großmutter, die sich gezwungen sah, ihren eigenen Enkel zu entführen. Tumarkin verwandelt diese Schicksale in wunderschöne Essays. Sie schreibt über traumatisierende Erlebnisse, über die Vergangenheit und sucht Worte, für etwas, das mit Sprache kaum auszudrücken ist. Die bewegenden Geschichten hinterlassen Spuren bei den Leser*innen, sie führen uns an dunkle Orte der Vergangenheit und lassen sie mit unserer Gegenwart verschmelzen.

Erschienen im Hanser Verlag | 256 Seiten | 24 Euro | Mehr Info

© Hanser Verlag | © Piper Verlag

10. Timur Vermes: "U"

Timur Vermes neuer Roman "U" beginnt so alltäglich, wie die meisten Tage unseres Lebens: mit einer Bahnfahrt. Doch für die junge Lektorin Anke Lohm sollten die letzten fünf U-Bahn-Stationen, bis sie bei ihrer Freundin ankommt, ganz anders werden, als sie erwartet. Außer ihr ist nur noch ein anderer junger Mann im Abteil, doch als dieser bereits aufsteht, um bei der nächsten Station auszusteigen, wird Anke allmählich etwas schmerzlich bewusst: Hätte der nächste Halt nicht längst kommen müssen? Die Minuten vergehen, in denen in Anke die Angst und Gewissheit, dass mit dieser Bahnfahrt etwas gehörig schiefläuft, hochkommt. Spannend und fesselnd erzählt Vermes von einer Irrfahrt durch den Untergrund. Nach dieser Lektüre überlegen wir wohl alle zwei Mal, in welches Schicksal uns die nächste U-Bahn-Fahrt stürzen kann.

Erschienen im Piper Verlag | 160 Seiten | 15 Euro | Mehr Info

11. Rachel Cusk: "Der andere Ort"

Es ist bereits der achte Roman, den die Kanadierin Rachel Cusk veröffentlicht. Und ebenso wie die vorangegangenen, versucht auch dieser das Verhältnis zwischen Männern und Frauen zu ergründen. Diesmal lädt die Protagonistin einen berühmten Maler in ihr Haus an einer abgelegene Küste ein, damit dieser sie malen kann. Sie erhofft sich von diesem heißen Sommer, dass der Künstler ihre wahre Persönlichkeit entdeckt, das Geheimnis ihrer selbst zu lüften vermag. Doch der Maler hat ganz andere Pläne – und weigert sich, sie zu malen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann genießt er die Zeit an der Küste, ein etwas zu großes Interesse des Malers an der Tochter scheint sie auch zu verzeichnen. Doch wie soll sie nur mit dieser Situation umgehen, die so gar nicht ihrer Vorstellung entspricht? Soll sie sich der Situation ergeben oder ihre Interessen durchsetzen? Cusk schafft mit diesem Buch ein interessantes Kammerspiel, das die Verhältnisse zwischen männlichem Privileg und weiblichem Schicksal unangenehm konsequent auslotet.

Erschienen im Suhrkamp Verlag | 205 Seiten | 23 Euro | Mehr Info

© Suhrkamp Verlag

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