Wer hat Angst vorm Kollwitzplatz?

© Clint Lukas

Die Kolumne „Cool trotz Kind“ ist für alle Eltern da draußen. Und für die, die es werden wollen. Autor Clint erklärt, wie ihr auch mit Kind euer Gesicht wahren könnt. Vor euch und der Welt. In dieser Folge erfahrt ihr, wie man sich auf dem Spielplatz verhält.

Ein Kind kann ein echtes Handicap sein. Nicht etwa, weil sich mit dessen Ankunft das ganze Leben verändert. Sondern weil die Eltern plötzlich so komisch werden. Sie sind nervlich derart zerrüttet, dass sie anfangen, von sich selbst in der dritten Person zu reden.

„Die Mama hat dir eine Flasche Urmöhrensaft gekauft. Soll der Papa dir den Deckel aufdrehen?“

Hallo? Geht’s noch? Merkt ihr nicht, dass ihr die Kontrolle über euer Leben verloren habt? Und hört endlich auf, immer ungefragt von euren Kindern zu erzählen! Euer Gegenüber interessiert sich vielleicht gar nicht dafür. Vor allem, wenn er selbst ein Kind hat, das ihm 24 Stunden am Tag an der Backe hängt. Da kann es ganz angenehm sein, mal das Thema zu wechseln. Unter Erwachsenen. Damit es mal für ZWEI Minuten nicht um die verflixte Plage geht.

Hört endlich auf, immer ungefragt von euren Kindern zu erzählen!

Cool trotz Kind. Es ist möglich. Aber man muss ein paar Regeln beherzigen. Nehmen wir wieder was Leichtes: der Gang auf den Spielplatz. Ich weiß ja nicht, wie’s euch geht. Ich hab ihn lange gehasst. Inzwischen hat sich die Lage etwas entspannt, weil meine Tochter fast drei ist und in der Kita gelernt hat, mit anderen Kindern umzugehen. Auf dem Spielplatz kann ich also im Hintergrund bleiben und sie einfach machen lassen.

Aber noch vor einem Jahr war das anders. Da musste ich ihr ständig hinterherrennen. Damit sie nirgendwo runterfällt. Und kein anderes Kind vermöbelt. Oder vermöbelt wird. Wenn man aber an seinem Kind klebt, kommt man automatisch in Berührung mit einer ganz heiklen Spezies: anderen Eltern. Andere Eltern sind ruhelose Wesen aus einer Zwischenwelt. Sie suchen ständig Kontakt, aber das Verzwickte ist, dass man das Wort nicht direkt an sie richten kann.

Andere Eltern sind ruhelose Wesen aus einer Zwischenwelt

Eine typische Situation sieht so aus: Meine Tochter spielt mit ihren Buddelsachen. Ich stehe daneben und versuche, einen unbefangenen Eindruck zu machen. Auftritt des anderen Kindes. Es setzt sich dazu und greift nach einer der Schaufeln.
„Oskaaar…“, erklingt dann eine mehlig-sonore Stimme. „Hast du das Mädchen gefragt, ob du ihre Schaufel nehmen darfst?“

Oskar stiert vor sich hin.

„Man muss immer erst fragen, bevor man was nimmt. Das ist sonst unhöflich. Nein, NEIN, du brauchst jetzt nicht weinen. Leg die Schaufel zurück. Und dann nochmal von vorn.“
„Liebling“, muss ich meine Tochter jetzt fragen. „Darf der Junge eine von deinen Schippen haben?“ Woraufhin sie genauso stiert.

Dann wirkt es manchmal, als würde der andere Vater direkt zu einem sprechen. Man darf sich davon nicht täuschen lassen.

„Der Oskar will jetzt immer allein aufs Klettergerüst. Gell, Oskar? Aber wenn der Papa nicht aufpasst, fällst du andauernd runter. Da musst du noch ein Stück wachsen. Frag mal das Mädchen, wie alt sie ist. Na, Kleine, wie alt bist du denn?“

Wenn ich kein Stoffel sein will, muss ich dann für sie antworten. Aber ich mach' es immer ganz leise. Und warte darauf, dass der Kosmos in einem Feuerwerk der Fremdscham implodiert.

Will man solchen Situationen aus dem Weg gehen, kann man sich natürlich einen Spielplatz aussuchen, der wenig besucht wird. Ich hätte da einige Tipps auf Lager. Die behalte ich aber für mich. Dummerweise hat meine Tochter ihren eigenen Willen. Meine Menschenscheu interessiert sie nicht im geringsten. Diese Lektion musste ich gleich nach der Geburt lernen: Die eigenen Allüren kann man sich ganz schnell abschminken.

Die eigenen Allüren kann man sich ganz schnell abschminken

Samstag. An diesem Tag arbeitet meine Frau als Gemüseverkäuferin auf dem Kollwitzmarkt. Natürlich besuchen wir sie hin und wieder. Dabei plaudere ich gern mit ein paar alten Kollegen (hab selbst fünf Jahre auf diesem Markt gestanden).

„Spielplatz?“, hör ich dann meine Tochter.
„Ach, nö. Lass uns doch später in die Rehberge gehen.“
„Spielplatz?“
„Da sind so viele Menschen. Und die sind alle verrückt.“
„Spielplatz?“
„Hör zu, du darfst auch ein bisschen mit meinem Handy spielen. Und ich hol dir nachher ein ganz großes Eis.“
„SPIELPLATZ!“
„Is ja gut, schrei mich nicht an!“

Und dann stehe ich da. Selbstverständlich hab ich keine Buddelsachen eingepackt. Das käme ja von vornherein einer Kapitulation gleich. Aber die Hoffnung, dass meine Tochter sich die Schippe eines anderen Kindes ausborgen kann, OHNE dass ich mit dem Wahnsinn antichambrieren muss, ist auf dem Kollwitzplatz leider hinfällig

„Ähm, nein…“, sagt eine Mutter mit leidender Miene. „Sorry, aber wir haben diesen Monat schon dreimal was verloren.“
„Okay“, sag ich.
„Alle sagen immer, dass sie die Sachen zurückbringen. Aber am Ende bin ich jedes Mal die Gelackmeierte und muss suchen.“
„Kein Problem.“
„In der Husemannstraße gibt's einen Spielzeugladen. Da kann man auch mit Kreditkarte zahlen.“

Ich versuche dann, meiner Tochter das Spiel mit Stöcken und Steinen ans Herz zu legen. Nichts zu machen. Sie steuert sofort den nächsten Supergau an. Eltern mit glasigem Blick und hysterischer Aura. Kumpelhafte Eltern, die den Aufenthalt auf dem Spielplatz nutzen, um Kontakte zu knüpfen. Wie gesagt, ich hab mittlerweile das Glück, im Hintergrund bleiben zu können. Ich setz mich dann an den Zaun und schaue nur zu.

Der Kollwitzplatz als Fegefeuer der Eitelkeiten

Und dabei ist es mir aufgegangen: Der Kollwitzplatz ist gar kein Spielplatz. Sondern ein Hofstaat. Ein Hotspot der Poser. Das „Who is who“ von Prenzlauer Berg. Die Eltern decken sich beim Weingut-Ausschank mit Schorle und Spritz ein und dann geht das Taxieren los. Wie teuer war der Kinderwagen? Was für ein Tragesystem nutzen die anderen? Wie gut hat der Papa seine Tochter im Griff? Sogar die Kinder scheinen sich gegenseitig zu mustern.

Der Kollwitzplatz ist gar kein Spielplatz. Sondern ein Hofstaat. Ein Hotspot der Eitelkeiten.

Ich hab mich als Vater noch nie so gescannt gefühlt. Freilich lockert sich die Stimmung mit steigendem Alkoholgehalt. Wenn die Eltern am Nachmittag auf die andere Straßenseite ins Kollberg wechseln. Dann heißt es nur zum Marktschluss nochmal Zähne zeigen. Weil da die Händler ihre LKW für den Abbau holen.

„Ähem“, hat sich letzte Woche ein Vater an den Marktleiter gewandt. „Könnten Sie denen sagen, dass sie wegfahren sollen? Die nehmen uns die Sicht auf unsere Kinder.“
Geht ja nicht an, dass man sich wegen der arbeitenden Bevölkerung zwischen Spielplatz und mondänem Komasuff entscheiden muss.

Meine 3-Schritte-Anleitung, um trotz dieser Widrigkeiten gelassen zu bleiben: Erstens, geht nicht auf den Kollwitzplatz. Falls das nicht zu vermeiden ist, oder ihr auf einem ähnlich strapaziösen Spielplatz landet: Zweitens, seht es als Chance, euren Kindern zu zeigen, dass ihr auch in Krisensituationen die Nerven behaltet. Und drittens, wenn Markt-LKWs euch die Sicht rauben: Nehmt Bier und Wein einfach mit auf den Spielplatz. Das ist okay, wirklich. Alkoholismus ist eine Krankheit wie jede andere auch (Depressionen, Burnout etc.) und die Öffentlichkeit sollte endlich lernen, adäquat damit umzugehen. Auf jeden Fall trefft ihr auf dem Kolle auf Gleichgesinnte.

TIPP DES TAGES: Keine Zeit auf den Spielplatz zu gehen? Einfach mal das Kindermädchen schicken.

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