Saisonal, regional, Marktlokal: Bodenständige Küche und leckere Drinks im Restaurant der Markthalle Neun

© Marina Beuerle

Kennt ihr den Film Herr Lehmann? Darin betrinkt Christian Ulmen in der Markthallenkneipe im damaligen West-Berlin – kurz vor dem Fall der Mauer – regelmäßig sein Leben. Die Kulisse wurde für den Kultstreifen zwar in einem Kölner Filmstudio nachgebaut, das Original in Berlin gibt es aber immer noch und es erstrahlt seit Mai diesen Jahres in einem neuen, extrem gemütlichen Licht.

Angefangen hat zunächst alles mit einem Pop-up, für das eine Gruppe von Freund*innen mit übrig gebliebenen Lebensmitteln des Gemüsestands Von Beet & Baum Menüs gezaubert hat. Das lief so gut, dass die fünf Freund*innen alles auf eine Karte gesetzt und ihr Konzept weiterentwickelt haben. Das Marktlokal war geboren. Dem traditionsreichen Restaurant der Markthalle Neun wurde mit frischer dunkelgrüner Farbe, vielen Pflanzen und einer prall gefüllten Bar endlich neues Leben eingehaucht. Und was für eins!

© Marina Beuerle

Über dem Eingang der früheren "Restauration" prangen noch immer die türkisgrünen Buchstaben, ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Drinnen erwartet uns ein großer Gastraum mit dunkler Holzvertäfelung und einem sehr langen Bartresen. Wir platzieren uns an einem der Tische unter dem Porträt eines Freundes der Crew, das als nackiger Blickfang an der Wand über das Geschehen im Lokal wacht. Die vielen frisch gezapften Biere, die hier täglich über den Tresen wandern, dürften ihm dabei nicht entgehen.

Ausgeschenkt wird frisch gebrautes Bier von Heidenpeters, die im Keller der Markthalle Bier brauen. Wir sind Fans von dem leichten Hellen und dem fruchtigeren IPA. Nebenbei stillen wir unseren Durst mit der sehr leckeren, hauseigenen Rhabarberlimo – den Aperol Spritz und seinen trendigen Verwandten, den Limoncello Spritz, heben wir uns für den Besuch auf der Terrasse bei wärmeren Temperaturen auf.

© Marina Beuerle
© Marina Beuerle

Neben den frischen Getränken sind wir natürlich zum Essen hergekommen. Die Karte im Restaurant wechselt alle zwei bis drei Wochen – je nachdem, was die Saison und Region gerade so hergibt. Die regionalen Zutaten kommen alle von Händler*innen aus der Markthalle Neun und werden zu raffinierten Kreationen verarbeitet. Zu einer ganzen Hand voll Snacks wie Knoblauchbrot und Salzgurken für den kleinen Hunger oder vielversprechenden Vorspeisen, die sich perfekt zum Teilen eignen, stehen immer drei Hauptgerichte sowie zwei Desserts auf dem Menü. Dazu meistens ein kleines Gericht, das nicht auf der Karte steht, wie der Salat aus geröstetem Kürbis und Stracciatella-Käse mit frittierten Grünkohlchips. Tipp: Unbedingt immer beim Service nachhaken!

Wir skippen heute den Salat und entscheiden uns für das Kalbstatar mit selbst eingelegten Salzgurken und Kapern als Barfood Deluxe, das durch die Zitronenmayo einen super frischen Touch bekommt. Nicht weniger lecker sind die frittierten Fleischkroketten mit mariniertem Krautsalat und hausgemachtem Senf, von dem wir gerne noch mehr gehabt hätten. Die Joppiesauce, die in verführerischer Begleitung der wahnsinnig leckeren und dicken Fritten aus brandenburgischen Kartoffeln daherkommt, lenkt uns aber schnell davon ab.

© Marina Beuerle
© Marina Beuerle

Danach gibt es für uns als Hauptgang die Lachsforelle mit einem Schaum aus Muschel-Velouté (eine Art luftige Bechamelsauce), Kartoffelcrème mit Olivenöl und Zitrone sowie orangener Bete und frischem Dill. Es schmeckt einfach nur fantastisch! Dazu bestellen wir die würzig eingelegte Aubergine, von der wir gerne sofort das Rezept hätten. Passend zum Fisch gibt es auch eine feine Auswahl an Weinen, darunter einige tschechische und sehr leckere Naturweine.

Für den süßen Hunger steht das Bio-Schokoladensorbet von Rosa Canina und ein Sticky Toffee Pudding zur Auswahl. Wir befriedigen unsere Gelüste dieses Mal allerdings lieber mit einem viel zu leckeren Gin Basil Smash und einem Whiskey Sour mit fruchtiger Note. Wer davon vielleicht den ein oder anderen zu viel getrunken hat (soll ja mal vorkommen), kann samstags zwischen 12 und 15 Uhr für ein saftiges Katerfrühstück mit Fisch und Fritten wiederkommen. Oder sonntags zum stilechten Schweinebraten, den hier schon Herr Lehmann gerne genüsslich am Vormittag verspeist hat.

© Marina Beuerle

Unser Fazit: Im Marktlokal trifft Bodenständigkeit auf hochwertige Lebensmittel und ein junges Team, das aus dem Gastraum ein Wohnzimmer gemacht hat. Wir fragen uns bei Kerzenlicht und Musik zu späterer Stunde, welche Geschichten der alte Tresen wohl so erzählen könnte und halten fest: Das Marktlokal eignet sich perfekt, um noch mehr Geschichten zu schreiben. Die Chancen, dass sie mit weniger Tragik als bei Herr Lehmann enden, stehen dank des filmreifen Essens und der guten Drinks auf jeden Fall sehr gut.

Unbedingt probieren: Frisch gezapftes Helles, die Fritten, die Empfehlung des Hauses

Veggie: Immer ein Hauptgericht und mehrere Vorspeisen sind fleischlos

Besonderheit des Ladens: Der sehr lange Holztresen und die unglaublich netten Mitarbeiter*innen

Mit wem gehst du hin: Mit Freund*innen zum Essen und für Drinks, mit der Familie zum Sonntagsbraten

Für Fans vom: BRLO Brwhouse und ORA

Preise: Bier 0,5 Liter 4,50 Euro, Vorspeisen zwischen 5 und 13 Euro, Hauptspeisen zwischen 15 und 23 Euro

Marktlokal | Pücklerstraße 34, 10997 Berlin-Kreuzberg | Dienstag bis Freitag: ab 17 Uhr; Samstag: ab 12 Uhr; Sonntag: ab 17 Uhr | Mehr Infos

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