Warum wir auch während einer Pandemie gegen Rassismus auf die Straßen gehen müssen

© Koshu Kunii | Unsplash

Am Wochenende standen auf dem Alexanderplatz 15.000 Menschen, auf dem Jungfernstieg waren es 14.000, am Kölner Rheinufer rund 10.000 und in München kamen sogar 25.000 Menschen zusammen, um sich für die Rechte Schwarzer Menschen stark zu machen. Nun sorgen diese Zahlen für zwei Gefühle: solidarischen Kampfgeist und Fassungslosigkeit. Während die einen jubeln, dass nach dem Tod von George Floyd und den darauffolgenden Protesten in den USA eine weltweite Protestwelle gegen Rassismus entsteht, befürchten andere eine zweite Coronawelle. Denn die Proteste fallen mitten in die Pandemie. Auch bei uns in der Redaktion waren wir uns uneins. Gehen wir auf die Straße, oder lieber nicht. Franzi war in Hamburg vor Ort und findet:

Ja, es muss sein.

Es gibt viel berechtigte Kritik daran, aktuell auf die Straße zu gehen. Die Eine sagt: Während einer Pandemie sind Menschenansammlungen unverantwortlich. Großveranstaltungen seien deswegen ja auch verboten. Ja, aber eine Demonstration ist eben kein Spaßevent. Und ein gesellschaftliches Aufbegehren gegen Ungerechtigkeit lässt sich nicht in den Terminplan eintragen. Die Stimmung auf die Straße zu bringen kann nicht dann gemacht werden, wenn es gerade nicht regnet, alle frei haben –  oder Corona vorbei ist. Denn dann wurde das Momentum verpasst, die gemeinsame Kraft nicht gebündelt und eine Chance vertan.

Viele sagen auch: Warum jetzt, wenn es in den USA aufkocht? Warum nicht früher, warum brauchte es den Tod eines Afroamerikaners, um zu begreifen, was los ist? Ob nicht alle einfach nur "mitmachen" wollen, weil das Thema gerade en vogue ist. Es ist schwer zu erklären, warum gerade jetzt eine weltweite Protestwelle entsteht. Obwohl Rassismus nicht nur ein amerikanisches Problem ist, obwohl im Februar neun Menschen in Hanau aus rassistischen Motiven getötet wurden. Warum jetzt? Ich denke, man kann da der Pandemie tatsächlich für danken. Durch die Wochen zuhause, haben wir uns als Gesellschaft wieder mit sozialen Themen auseinandersetzen müssen. Ablenkungen in Form von Urlaub, Partys, ja sogar Büroalltag, sind weggefallen. Viele haben sich mit sich selbst und dem Land, in dem wir leben, intensiv beschäftigt. Ungerechtigkeit war dabei ein begleitendes Thema – es wurde sich empört über die unzureichende Bezahlung und Wertschätzung von Pflegekräften, die soziale Vereinsamung alter Menschen und jetzt eben auch (endlich) über ein tief verwurzeltes Problem: Rassismus. Auf einmal wird über Dinge gesprochen, die längst hätten stattfinden müssen. Die Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus im Unterricht und die Aufnahme von Anti-Rassismus-Themen in den Lehrplan, strukturelle Veränderungen in der Polizei und Platzmachen für diverse Stimmen in den Medien. Vielleicht brauchte es diese Pandemie, um eine seit Jahrhunderten währende Krankheit beginnend zu bekämpfen.

Das Recht auf Freiheit

Es ist unbequem eine Maske beim Supermarkteinkauf tragen zu müssen. Unangenehmer ist es allerdings, sich aufgrund seiner Hautfarbe nicht in bestimmte Stadtteile zu trauen.

Viele Stimmen gegen die Demonstrationen sprachen davon, dass man sich über die Corona-Regel-Gegner*innen aufgeregt hätte, die demonstrieren gegangen sind. Es jetzt aber auf einmal okay sei, mit noch mehr Menschen auf die Straße zu gehen. Und genau das ist es, denn dieser Vergleich hinkt. Bei den Anti-Corona-Demos ging es darum, sich möglichst provokant gegen die "von oben" gemachten Regeln aufzulehnen. Es wurde bewusst eng beieinander gestanden, die Masken heruntergezogen und sogar an den Händen gehalten. Und das alles, weil es unbequem ist, eine Maske beim Supermarkteinkauf tragen zu müssen. Unangenehmer ist es allerdings, sich aufgrund seiner Hautfarbe nicht in bestimmte Stadtteile zu trauen. Ständig im Beruf und im Privatleben Vorurteilen und verletzenden Fragen zu begegnen. Angst haben zu müssen, Gewalt zu erfahren, ohne diese zu provozieren oder nur, weil man Schwarz ist. Auf der Straße angestarrt, bepöbelt oder geschlagen zu werden. Das Auflehnen gegen Corona-Regeln, die gemacht wurden, um Menschenleben zu retten, mit dem Auflehnen gegen den tief verwurzelten Rassismus zu vergleichen – geht nicht. Denn dieser beraubt Menschen tagtäglich ihrer Freiheit – und das auch ohne Pandemie.

Wir leben in einer ungewissen Zeit – und vielleicht ist das gut so. Vor ein paar Wochen habe ich geschrieben, dass ich Zukunftsangst habe und nicht das Gefühl, dass wir aus dieser Krise irgendwie positiv herauskommen werden. Dieses Gefühl hat sich in den letzten Tagen gewandelt. Als ich auf dem Jungfernstieg kniete, um mich herum tausende andere Menschen, schweigend – da habe ich wieder Hoffnung gefühlt. Dass 2020 das Jahr sein kann, in dem wir uns verändern. In dem wir vorangehen, Dinge anpacken und ändern. Als Gesellschaft wachsen und toleranter, diverser und sozialer werden. Und, dass es Corona gebraucht hat, um das zu erreichen.

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