Warum wir in der Schule über Depressionen reden müssen

© Joshua Rawson-Harris | Unsplash

Ich weiß nicht, wie es euch geht – aber wenn ich mich an meine Schulzeit zurückerinnere, dann fällt mir ehrlich gesagt auf, an wie viele Sachen ich mich nicht erinnere. Klar, vom heimlichen Schuleschwänzen oder dem ersten Kuss beim Flaschendrehen auf der Klassenfahrt in der Siebten wird man wahrscheinlich noch seinen Enkelkindern erzählen, aber dazwischen gab es ja noch die ein oder andere Unterrichtsstunde, von der vielleicht nicht ganz so viel hängengeblieben ist. Über den Körperbau des Regenwurms, den ich in Bio irgendwann mal auswendig lernen durfte, habe ich auf jeden Fall schon länger nicht mehr nachgedacht – manche Dinge spielen in unserem Alltag vielleicht einfach eher selten eine Rolle.

Psychische Erkrankungen spielen in unserem Alltag eine immer größere Rolle

Ein Thema, das in unserem Alltag hingegen definitiv eine Rolle spielt, sind psychische Erkrankungen. Egal, ob als Angehörige, Freunde oder selbst Betroffene, in meinem Umfeld kenne ich fast niemanden, der nicht schon mal mit Depressionen, Angststörungen oder anderen psychischen Krankheiten in Berührung gekommen ist. Mittlerweile ist es für mich nichts Ungewohntes mehr, wenn mir jemand erzählt, dass er eine Therapie macht, wegen einer Depression krankgeschrieben wurde oder CBD-Öl gegen seine Panikattacken nimmt. Trotzdem existiert in unserer Gesellschaft noch immer ein großes Stigma – und in der Schule darüber gesprochen wurde bei uns nie.

Dabei steigt die Zahl der psychischen Erkrankungen unter Jugendlichen in den letzten Jahren kontinuierlich an. Und die meisten Fälle gibt es dabei in Berlin: Bei einer Studie im Jahr 2016 lag der Anteil der Berliner Jugendlichen, die an Depressionen leiden, rund 28 Prozent über dem bundesweiten Durchschnitt.

An deutschen Schulen gibt es Kurse über Verkehrssicherheit, über Alkohol, HIV und Verhütung, es gibt selbst einen Tag der Zahngesundheit, doch über Stresserkrankungen­ wie die Depression gibt es gar keine Aufklärung oder niederschwellige Hilfsangebote. Ganz im Gegenteil: Psychische Krankheiten werden oftmals totgeschwiegen.
Online-Petition an den bayrischen Kultusminister

Vor ein paar Tagen hat eine Gruppe bayrischer Jugendlicher eine Petition gestartet, die sich an den bayrischen Kultusminister Michael Piazolo richtet. Die Schüler*innen hatten zuvor einen 60-minütigen Dokumentarfilm über Depressionen bei Jugendlichen gedreht – bei den Dreharbeiten sei ihnen aufgefallen, wie wenig ihre Altersgenossen über das Thema wissen und wie wenig Platz es im Schulunterricht findet. Mit ihrer Petition rufen sie nun den bayrischen Kultusminister dazu auf, für eine Einbindung des Themas in den Lernplan zu sorgen. Sie fordern auch eine bessere Ausbildung von Lehrkräften zum Thema Depressionen und konkrete Maßnahmen gegen die Stigmatisierung psychischer Krankheiten.

Eine solche Reform sollte wohl auch für Berliner Schulen eine Überlegung wert sein. Die bayrischen Schüler sind nicht die ersten, die es für notwendig halten, im Schulunterricht mehr Aufmerksamkeit für psychische Erkrankungen zu schaffen: In England soll ein eigenes Unterrichtsfach für "Mental Health" sogar Pflicht werden. Dort sollen Schüler*innen lernen, psychische Probleme bei sich selbst und bei ihren Klassenkameraden zu erkennen und mit ihnen umzugehen.

Wenn wir Depressionen ernst nehmen wollen, müssen wir in der Schule damit anfangen

Natürlich spricht man in der Schule neben der Anatomie des Regenwurms auch über viele sehr, sehr nützliche Dinge. Und es ist ja auch gut, dass wir in der Grundschule lernen, wie man sich richtig die Zähne putzt und im Sexualkundeunterricht mal gezeigt bekommen, wie man ein Kondom über einen Holzdelfin zieht. Aber wäre es nicht mindestens genauso wichtig, dass auch über psychische Krankheiten mehr aufgeklärt und gesprochen wird? Wie sollen die Berührungsängste und Vorurteile, mit denen dieses Thema immer noch behaftet ist, aus unserer Gesellschaft verschwinden, wenn in der Schule kein Wort darüber verloren wird, was der Unterschied zwischen dem ersten Liebeskummer und einer echten Depression ist? Wenn wir wollen, dass psychische Erkrankungen endlich in der gesamten Gesellschaft besser verstanden und ernstgenommen werden, warum fangen wir dann nicht schon in der Schule damit an?

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