Und plötzlich war es weg – Die Geschichte hinter vier geklauten Fahrrädern

© Julia Knörnschild

Auch Gastautorin Eva kann ein Lied über geklaute dDrahtesel singen – ein trauriges, nach Kettenöl schmeckendes Lied, denn mittlerweile wurde ihr schon zum vierten Mal, seit sie in Berlin lebt, ihr Fahrrad geklaut. Ihre Geschichte in Rädern hat sie für uns aufgeschrieben:

Das erste Mal passierte es in meinem ersten Sommer in Berlin. Es war ein lauer Abend im Frühsommer, als ich ein wenig betrunken, aber vor allem leicht, frei und beschwingt aus einer Bar trat, mit festen Umarmungen neue Freunde verabschiedete und mich dann meinem Fahrrad zuwandte, um zurück nach Hause zu fahren. Nur war da kein Fahrrad mehr. Erst hielt ich mich angesichts der zahlreichen Gläser Wein für unzurechnungsfähig, ging die einzelnen Ständer ab, starrte mit zusammengekniffenen Augen ins Halbdunkel und leuchtete mit der Taschenlampe meines Handys über ein Rädermeer aus Edelstahl, Gummigriffen und rostigen Klingeln. Schließlich ließ ich ernüchtert den Arm sinken. Es war weg. Mitsamt Schloss und allem, keine Spur mehr von meinem schönen alten Hollandrad mit dem verwitterten Korb, das ich vor einigen Jahren bei einem Garagenhändler in meiner Heimatstadt gekauft und mit in die große Stadt genommen hatte. Und dabei hatte ich es extra hier an diese überfüllten Ständer gekettet, weil ich sie für besonders sicher gehalten hatte, so, wie man Restaurants als gut einschätzt, in denen viele Menschen sitzen.

Das erste Rad: Heimatgefühle

So fühlte sich das also an, wenn einem das Fahrrad gestohlen wurde – nämlich beschissen. Jemand hatte mir etwas weggenommen. Es war das erste Mal, dass mir als verwöhntem Einzelkind aus behütetem Elternhaus mein Besitz abhanden kam. Einer, der mir viel bedeutete – nicht nur als Transportmittel, sondern auch emotional: mit diesem Rad war ich in zwei Welten gefahren, in der alten und der neuen Heimat, auf Landstraßen genauso wie im Berliner Stadtverkehr. Während ich fluchend in den nächsten Nachtbus stieg und mir dabei unangenehm provinziell vorkam, erinnerte ich mich wehmütig an die Wege, die ich mit diesem ersten treuen Rad bestritten hatte – zur Wohnung meines damaligen Freundes, durch den Wald, nachts, bei strömendem Regen, in praller Sonne zum Badesee und barfuß und mit sandigen Knien wieder zurück. Jemand hatte mir ein Stück Erinnerung geklaut und verscherbelte sie nun für 40 Euro auf einem Flohmarkt in Polen. Ich beschloss grimmig, mein Herz fortan nicht mehr an Dinge zu hängen, die mir so leicht abhanden kommen konnten.

Das zweite Rad: Schnelle Liebe

Ziemlich schnell hängte ich mein Herz dann allerdings an Niklas, der in seiner Freizeit gerne alte Rennräder auseinander schraubte und sich aus den Einzelteilen nach und nach ein neues, sehr elegantes, sehr schönes Rad gebaut hatte. Ich war fasziniert, sehr verknallt und sehr schnell im Besitz eines eigenen Vintage-Rennrades, das durch Niklas’ Feinschliff zu einem besonderen Unikat wurde. Wir rasten irrwitzig ohne Helm über den Berliner Asphalt und gerieten mehr als einmal in brenzlige Situationen, was gleichzeitig auch metaphorisch auf unsere dreimonatige Romanze zutraf. Mein türkisfarbenes Rennrad, Baujahr 1982, wurde mir dann am hellichten Tag auf der Bergmannstraße entwendet, als ich es kurz angeschlossen an eine Hauswand lehnte, um etwas einzukaufen. Niklas unterdessen wurde mir von Tessa, Baujahr schätzungweise höchstens 1994, entwendet, als er vermutlich lässig an einer Wand im Club lehnte und zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr auf meine Nachrichten reagierte. Genaueres entzog sich meiner Kenntnis und nach dem ersten Zorn über den Verlust von schönem Rad und Mann befand ich beides für einen Wink des Schicksals und ging sicherheitshalber einige Wochen lang jeden Weg zu Fuß.

Das dritte Rad: Jahre hinter Glas

Das änderte sich allerdings schlagartig, als ich umzog und plötzlich zu den Wohnungen meiner Freunde nicht mehr zwanzig, sondern eher fünfzig Minuten hätte gehen müssen. Als vielbeschäftigte Studentin mit Nebenjob schien es mir nur vernünftig, mir wieder einen fahrbaren Untersatz zuzulegen und zwar möglichst einen, der mir weder emotional noch materiell das Genick brechen würde. Zu groß das Risiko, wieder enttäuscht zu werden und zu schmal das Budget, um noch mehr Geld in immer weitere luxuriöse Räder zu stecken. Bei einem Fahrradflohmarkt kaufte ich für so etwa 90 Euro das erstbeste Vehikel, das stabil, aber unter keinen Umständen zu gut oder gar hochwertig aussah, klebte zur Unterstreichung der Uncoolness einen „Wir sind Helden“-Sticker auf das Oberrohr und radelte damit fortan meiner Wege. Das ging lange gut und ich hatte bis kurz vor Ende meines Studiums mit diesem in Fachkreisen „City Bike“ genannten Rad einen soliden, dreigängigen Begleiter mit wohltönender Klingel. Bekanntschaften, Freunde, Seminararbeiten kamen und gingen während dieser Zeit in dreimonatigem Wechsel, nichts davon berührte oder beschäftigte mich sonderlich – dazu passte auch mein aussageloses, völlig egales Fahrrad. Mal kam der Sattel abhanden, ein andermal zerstörten Glasscherben den Mantel des Reifens, aber ich nahm diese alltäglichen Blessuren hin wie Mückenstiche oder nicht ganz kühles Bier. Erst, als plötzlich das Ende meines Studiums nahte, löste ich mich aus dieser lethargischen Welt unter der Glasglocke.

Ich tat, was mich lange Zeit verfolgte und mit schlechtem Gewissen gegenüber meiner guten Erziehung strafte: Ich ließ mein Fahrrad absichtlich klauen.

Dann allerdings wurde plötzlich alles ernst und ich in Windeseile erwachsen. Ich hatte ein Praktikum in einer dieser angesagten Kreativagenturen ergattert, worauf ich heimlich unheimlich stolz war und verbrachte die wenigen Wochen zwischen Studienende und Praktikumsbeginn mit intensiven Vorbereitungen auf die sechs Monate Vollzeithipsein. Ich musste unbedingt lässiger aussehen, durfte nicht mehr studentisch und unerfahren wirken, ich brauchte dingend neue Schuhe, neue Haare, neue Interessen, Freunde, Lieblingsfilme, alles. Logisch, dass da auch mein unauffälliges Mutti-Fahrrad nicht mehr zu meinem zukünftigen Ich passte.

Ich tat dann, was mich lange Zeit verfolgte und mit schlechtem Gewissen gegenüber meiner guten Erziehung strafte: Ich ließ mein Fahrrad absichtlich klauen. Dazu stellte ich es einfach unangeschlossen und beiläufig vor das Café, in dem ich mich an einem Sonntag Mittag mit einem jungen Typen verabredet hatte. Mit ihm versuchte ich gerade so etwas wie eine „komplizierte Geschichte“ zu haben, denn, so stellte ich mir vor, machten das bestimmt auch alle in dieser Agentur und es ließe sich wunderbar in der Kaffeepause davon erzählen, wie „lose“ dieses „Ding“ sei, das man gerade mit „diesem Typen“ habe. Als ich nach dem Treffen ausgelaugt, genervt und müde nach Hause wollte und mein Rad wie geplant nicht mehr am Platz stand, fand ich mich in erster Linie unfassbar bescheuert. Immerhin hatte ich auf der halbstündigen Bahnfahrt zurück Zeit, die Nummer des Typen zu löschen.

Das vierte Rad: Schöne neue Welt

Am ersten Praktikumstag erschien ich also gänzlich ohne Rad, dafür hatte ich mein ganzes Geld in ein Monatsticket investiert. Weil ich vor lauter Arbeiten allerdings nicht wirklich zum Geld ausgeben kam, sah mein Kontostand nach drei Monaten zumindest wieder so einladend aus, dass ich spontan einer Kollegin ihr selten gefahrenes Zweitrad abkaufte und ihr dafür nicht viel mehr als ein Wochengehalt und einen selbstgebackenen Mohnkuchen schuldig war. Das Rad unterdessen war fast wie neu, silberfarben, leichtgängig, stilvoll und ein wenig zu schön, um es wirklich im rauen Berliner Alltagsverkehr zu fahren. In Ermangelung von Alternativen tat ich es dennoch, behutsam, umsichtig, mittlerweile sogar mit Helm – und fühlte mich damit zum ersten Mal auf eine gute Art und Weise vernünftig, erwachsen und unverwundbar.

Das fünfte Rad: Und was kommt jetzt?

Geklaut wurde mein viertes Rad trotzdem. Es fiel mir einigermaßen schwer, nach all den schicksalhaften Verstrickungen und Querverbindungen, die es zwischen mir, meinem Leben und meinen Fahrrädern gegeben hatte, kein Omen darin zu sehen. „Beruhige dich“, sagte ich mir, „das ist Berlin, vor dem Fahrradschieber sind alle Räder gleich, es hätte jeden treffen können.“ Ohne Rad fühlte ich mich nackt den Wirren des ÖPNV ausgeliefert und überhaupt wünschte ich jedem einzelnen meiner Fahrraddiebe, er möge bis ans Ende seines Lebens tagtäglich in einen Hundehaufen treten. Im Traum erschienen mir abwechselnd verflossene Liebschaften und Fahrräder, an die einen dachte ich mit Unbehagen, an die anderen mit seufzender Wehmut. Wer mir also ein neues Fahrrad schenken möchte: Ich wäre dann jetzt bereit für ein neues Kapitel.

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