Schnittchen und Rum mit Bill Murray – Warum ihr die wildesten Abenteuer nur beim Zug fahren erlebt

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Milena Glimbovski ist bekannt als Gründerin von Original Unverpackt, dem ersten verpackungsfreien Supermarkt. In ihrem ersten Buch erzählt sie, was es heute braucht, um verpackungsfrei zu leben. Nebenbei gibt sie uns viele Ratschläge zu Ernährung, Kosmetik, Wohnen und Reisen an die Hand. Hier erzählt sie, was ein Nachtzug nach Wien und ein Treffen mit Bill Murray mit dem Thema zu tun hat.

Aus: "Ohne Wenn und Abfall. Wie ich dem Verpackungswahn entkam.

Bill Murray hat mir ein Schinkensandwich gemacht, und ich, damals noch Veganerin, habe es gegessen. Das war auch das Ende meines Veganismus. Zu meiner Verteidigung: Ich war betrunken, und es war köstlich.

Was war passiert? Ich wollte nach Wien und mir den frisch eröffneten Unverpackt-Laden von Andrea Lunzer anschauen. Ich meide Fliegen, wegen Umwelt und so, und buchte mir sehr kurzfristig einen Liegeplatz in einem Nachtzug nach Wien. Mein Schlaf ist mir heilig, und zwölf Stunden Fahrt im Sitzen wollte ich mir nicht antun. Die Kabine hatte drei übereinandergestapelte Liegen mit Bettwäsche und allem Drum und Dran, war lächerlich teuer und der einzige noch verfügbare Platz im ganzen alten DDR-artig anmutenden Zug.

Ich war aber nicht die Einzige, die diese grandiose Idee hatte. Das Team vom Film "Grand Budapest Hotel", das gerade bei der Berlinale in Berlin Premiere gefeiert hatte, hatte keine Lust auf Fliegen, sondern wollte die Zeit gemütlich miteinander verbringen. Wer die Filme von Wes Anderson kennt, weiß, dass in fast jedem Film eine Zugsequenz vorkommt und dass einer von ihnen, "The Darjeeling Limited", sogar fast vollständig in einem Zug spielt. So nahm das "Grand Budapest Hotel"-Filmteam den Nachtzug nach Prag – den Zug, in dem ich auch war. Das Team hatte sich fast einen ganzen Waggon reserviert, nur eine Kabine war nicht belegt: meine. Die Geschichte nahm ihren Lauf.

Mit der Crew von Grand Budapest Hotel im Nachtzug

Eine Mitreisende erzählte mir begeistert im österreichischen Dialekt, ein Filmteam sei an Board und Büli Möhre sei auch dabei. Ich kannte keinen Büli Möhre, und Filmteams gibt es in Berlin zur Genüge. Dafür lohnte sich die Aufregung nicht. Und in dem Moment ging Bill Murray an unserer Abteiltür vorbei. Kurz darauf spazierte Wes Anderson rein, sagte Hallo und ging wieder. Mein Herz sackte in die Hose, und ich machte das einzig Vernünftige: Ich verschloss die Tür, verkroch mich auf meine Liege und fing an zu twittern.

Unter #nachtzugnachwien schrieb ich, was passiert war. Es konnte nicht sein, dass mein absoluter Lieblingsregisseur in meinem Zug saß und mir nicht entkommen konnte. Dass der Mann, der "The Royal Tenenbaums" (mehr als fünfmal geschaut, jedes Mal geheult), "Moonrise Kingdom" (nur zweimal), "Rushmore" (unendlich viele Wiederholungen) und "The Darjeeling Limited" gemacht hatte, hier rumlief und mit ihm wer weiß noch. Das Internet reagierte schnell und befahl mir, meine neue Schüchternheit abzustellen, rüberzugehen, Hallo zu sagen und nach einem Foto zu fragen. Fangirl sein kann ich. Also los.

So geisterte ich durch die Abteile, sagte Hallo, stellte mich vor, fragte nach einem Foto hier und da und hing einfach mit dem Filmteam rum. Während ich (innerlich) und das Internet ausrasteten, war es für die Anwesenden das Normalste der Welt. Fans sind sie gewohnt und auch, dass man sich mit ihnen mal einen Zugwaggon teilen muss.

Während ich (innerlich) und das Internet ausrasteten, war es für die Anwesenden das Normalste der Welt.

Ich stellte fest, dass neben Bill und Wes auch Jeff Goldblum an Bord war, Tony Revolori, der Darsteller vom Lobby-Boy, die Freundin von Wes und viele andere. Auch der Produzent war dabei – er ging herum und schenkte Rum aus. Was man halt so macht als Produzent. Und ich tat, was ich so tue, ich trank mit. Neben den Drinks hatte die Assistenz der Crew auch an Schnittchen gedacht und Brote und Belag besorgt. Leider gingen die Drinks irgendwann aus, und der Schaffner hatte nur eine Art kleinen Kiosk mit tschechischem Bier. Uns war aber nach Wein. Man entwickelt Ansprüche, sobald man mit Hollywood unterwegs ist. Der Assistent und ich verließen bei einem längeren Stopp den Zug und zogen durch den Dresdner Hauptbahnhof, auf der Suche nach einem nicht zu schäbigen Wein. Wir kehrten erfolgreich von unserer Mission zurück, und die Fahrt konnte weitergehen.

Rum mit dem Produzenten und Schnittchen mit Bill Murray

Von Berlin nach Prag beträgt die Fahrtzeit etwa fünf Stunden, und diese fünf Stunden verbrachte ich damit, wie die anderen von Abteil zu Abteil zu wandern, mich dazuzugesellen und eine gute Zeit zu haben. Irgendwann wurde es ruhiger, es war ja schon spät, und ich setzte mich auf den Boden im Gang. In dieser Nacht war bereits so viel passiert, dass ich kurz allein sein musste, Energie sammeln und durchatmen. Als ich gerade so mit Atmen beschäftigt war, kam Bill Murray aus dem privaten Catering-Abteil mit dem Alkohol und den Schnittchen. Er sah mich, ging zurück und kam wieder raus, mit einem Sandwich. Er drückte es mir in die Hand und ging kommentarlos weiter. Er ist ein großartiger Schauspieler, und er war in echt genauso zynisch drauf wie in seinen Filmen. Was im Fernsehen leicht funktioniert, ist im realen Leben anstrengend, aber genauso unterhaltsam. Die Nacht zog sich hin, die Leute wanderten umher, man unterhielt sich, aber eine Gentlewoman schweigt und genießt – und vergisst, weil sie die richtige Menge getrunken hat, und so verrät sie nichts weiter.

In Prag stiegen die Reisenden aus, man verabschiedete sich und wünschte sich noch ein schönes Leben. Ich ging dann endlich völlig aufgewühlt zu Bett. Am nächsten Tag googelte ich, was das Zeug hielt, ich wollte herausfinden, wo das Team sich jetzt aufhielt, und stellte fest, das Bill Murray schon wieder in Berlin war. Er hatte sich nachts Prag zeigen lassen und war am nächsten Morgen direkt wieder zurück nach Berlin zur Pressekonferenz von "Monuments Men" geflogen. Er war nur für die Zugfahrt mitgekommen. Einfach so.

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Slow Traweling ist das neue Fliegen

Das ist nur eine von vielen Geschichten, die mir beim Zugfahren passiert sind. Ich fahre gern Zug, auch wenn es oft etwas teurer ist. Doch das sind mir das Erlebnis, die Ruhe, der reduzierte Stress und natürlich das gute Gewissen wert. "Slow Traveling" ist das neue Fliegen. Es gibt ein ganzes Buch mit dem Titel "Slow Travel: Die Kunst des Reisens", das sich dem Thema widmet, und ich kann es jedem, der eine längere Zugfahrt vor sich hat, empfehlen. Das langsame Reisen, zu Fuß, mit dem Auto oder in meinem Fall mit dem Zug, führt dazu, dass die Reise bereits mit dem Weg beginnt. Wer in einen Flieger steigt und in Barcelona aussteigt, ist plötzlich in Spanien. Aber der hat auch verpasst, welche Länder dazwischenliegen, welche Sprachen gesprochen werden und wie die Landschaft sich langsam verändert.

Das langsame Reisen, zu Fuß, mit dem Auto oder in meinem Fall mit dem Zug, führt dazu, dass die Reise bereits mit dem Weg beginnt.

Ostern 2015 habe ich mir ein Interrail-Ticket geschenkt und bin wieder mit dem Zug über Prag und Wien nach Venedig gefahren, von da nach Verona, habe Julia Capulets Brust getätschelt, was mir Glück in der Liebe bringen sollte, und von dort weiter nach Genua. Da holte ich mir eine Erkältung und reiste weiter, an der Küste Frankreichs entlang, bis ich in Barcelona ankam. Bis auf einen Marokko- und einen Israel-Urlaub habe ich Europa noch nie verlassen, und trotzdem habe ich die wildesten Abenteuer erlebt. Wenn ich mit Europa fertig bin, widme ich mich der Welt, und wer weiß, wer mir da alles begegnet?

Auszug aus: Milena Glimbovski: "Ohne Wenn und Abfall. Wie ich dem Verpackungswahn entkam.", das am 5. Oktober 2017 bei Kiepenheuer & Witsch erscheint. Alle Rechte vorbehalten.

Buchtitel: © KiWi, Milena Glimbosvki: © Matze Hielscher
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