Kater Blau, Bushido und Berlin Tag & Nacht – Tour-Guide Tom zeigt uns, was Touristen in Berlin sehen wollen

© Clint Lukas

Samstag, 14.45 Uhr. Die Sonne kämpft mit ruppigen Wolkenbergen. Ich treffe Tom in der Kulturbrauerei. Er ist Mitte dreißig und wirkt nett, aber abgeklärt. Muss er wohl sein: Seit 2005 ist er an die viertausend Touren für BERLIN ON BIKE gefahren.

„Wohin geht’s heute?“, frag ich.
„Nach Kreuzberg. Mal schauen, welchen Weg wir nehmen. Ich werd dann ein bisschen was über Punks und Streetart und Migranten erzählen.“
„Fährst du denn immer unterschiedliche Routen?“
„Kommt auf die Gruppe an. Wenn ich den restbesoffenen Herrenabend aus Dänemark dabei habe, nehm' ich eher Seitenstraßen, wo nicht soviel Verkehr ist.“

Ich schnapp mir ein Fahrrad und stelle mich unauffällig zum Sammelpunkt. Wie es aussieht, besteht meine Gruppe aus einer niedersächsischen Schulklasse sowie zwei 50-jährigen Ehepaaren aus dem Südwesten. Während Tom das Sicherheitsbriefing macht, vor Straßenbahnschienen und Glasscherben warnt, wischen die Teenies genervt auf ihren Smartphones herum.

„Gibt es oft Unfälle?“, hab ich im Vorfeld gefragt.
„Eigentlich selten. Aber wenn, dann immer mit Schulklassen.“

Punks, Streetart und Migranten

Daran denke ich nun, als die Kolonne startet. Und siehe da: Wir sind noch nicht mal alle aus der Kulturbrauerei raus, da fährt eine Schülerin auf der Knaackstraße gegen ein parkendes Auto. Tom wirft mir einen Blick zu, in dem das ganze Dilemma des Menschseins liegt. Nach einer kurzen, tränenreichen Szene bleibt einer der Lehrer mit dem Girl und der Hälfte der Klasse zurück, um auf die Bullen zu warten. So ist unser Konvoi gleich übersichtlicher.

Wir passieren den Kollwitzmarkt, wo ich fünf Jahre lang Currywurst verkauft habe, überqueren die Prenzlauer Allee. Halten vor einem unsanierten Haus in der Immanuelkirchstraße. Tom beschreibt die Gegend, wie sie vor 25 Jahren ausgesehen hat. Die beiden Ehepaare hören gebannt zu, einen wohliges Gruseln auf den Gesichtern. Als wir kurz darauf den Märchenbrunnen erreichen und Tom die Teilnehmer dazu auffordert, sich mit ihren Lieblingsfiguren zu fotografieren, meldet sich einer der Schüler zu Wort:

„Ey, walla, wann kommen wir endlisch ins Ghetto?“
„Was für ein Ghetto?“, fragt Tom.
„Kreuzberg! Da wo Bushido wohnt.“
„Bald“, sagt er und schwingt sich auf seinen Sattel.

Wir fahren auf Wein- und Mollstraße durch das Plattenbauviertel, kommen am Rathaus Mitte vorbei. Da drin liegt seit acht Wochen unser Antrag für den Kitagutschein. Schräg gegenüber ist der Laden, in dem ich ein Jahr lang gekocht habe. Berlin fühlt sich schon sehr heimatlich an. Wird schwer für Tom, mir da noch was Neues zu zeigen.

Am Straußberger Platz führt er uns die Stasi-Prachtbauten vor, erzählt vom 17. Juni. Dann geht es endlich auf der Holzmarktstraße Richtung Ghetto. An der East Side Gallery legen wir den letzten Stop auf der sicheren Seite der Spree ein.

„Was war’n desch für’n Open Air dahinde?“, fragt eine der schwäbischen Ehefrauen.
„Das ist ein Club“, sagt Tom. „Kater Blau.“
„Isch des au mit Open Air?“
„Ja, wenn man da rein kommt, ist das auch mit Open Air.“
„Gell, Klaus“, sagt sie zu ihrem Mann. „Da kehre ma nachher mal ei!“

Mit der Schulklasse ins "Ghetto", mit dem schwäbischem Ehepaar ins Kater Blau

In dem Moment fängt es zu schütten an. Tom verteilt Regencapes. Eine Schülerin wird trotzdem klitschnass, weil sie es dazu benutzt, ihre Handtasche einzuwickeln. Nachdem wir über die Oberbaumbrücke sind, hört der Regen bereits wieder auf. Im kleinen Park an der Falckensteinstraße zeigt Tom uns einen der Schriftzüge, die mit Feuerlöscher an die Wand gesprüht wurden. Wie auf Bestellung ist der Boden mit Scherben gepflastert.

„Und was isch mit dem ganze Müll hier?“, fragt die Kater-Blau-Frau.
„Was soll damit sein?“
„Bleibt des alles so liege?“
„Ja“, sagt Tom. „Ich denke, das bleibt so.“
„Des isch Berlin“, raunt sie ihrem Mann ehrfurchtsvoll zu.

Über die Cuvrystraße geht’s runter zum Görlitzer Park. Als sie die fliegenden Händler an den Eingängen sehen, kriegen die Schüler leuchtende Augen.
„Ey, Digger, isch glaub hier drehen die Berlin Tag & Nacht“, sagt einer.
„Wohnt hier Bushido?“, fragt ein anderer. Ein Ehemann, der sich bis jetzt in Schweigen gehüllt hat, beugt sich zu Tom: „Ist das jetzt West oder Ost?“

Ist das jetzt West oder Ost?

Wir fahren weiter. Über Lausitzer Platz und Muskauer Straße zur Markthalle Neun. Hier entlässt Tom seine Schützlinge in eine viertelstündige Pause.

„Was magst du an deinem Job?“, frag ich.
„Na, zuerst mal sitze ich nicht acht Stunden in einem Büro rum. Und ich kann mir meine Touren selbst einteilen. Klar sind nicht alle Teilnehmer super schrill spannend.“
„Und was kannst du gar nicht leiden?“

Er will gerade antworten, als sich einer der Ehemänner heranpirscht.
„Sag mal, du kommst aber auch nicht von hier, oder?“, fragt er. Tom verneint, nennt seinen Herkunftsort.

„Und wie hat’s dich hierher verschlagen?“ Tom gibt eine höfliche Antwort.
„Und warum bist du hier hängen geblieben?“ Ich warte, bis der Ehemann weg ist.

„Wie oft hast du dieses Gespräch schon geführt?“, frag ich.
„Was hab ich gesagt, wie viele Touren ich schon gefahren bin?“
„Um die 4000.“
„Na, siehst du. Das Gespräch führe ich so ein oder zweimal pro Tour.“
„Und wie ist das mit Anfeindungen? Radfahrer sind in Berlin ja nicht sehr beliebt. Werdet ihr oft von anderen Verkehrsteilnehmern angepöbelt?“
Tom nickt. „Aber nicht, wie du denkst. Autofahrer und Fußgänger sind eigentlich ziemlich kulant. Die sehen ja, dass wir eine Touri-Gruppe sind. Richtig haten tun eigentlich nur die anderen Radfahrer.“

Irgendwie überrascht mich das nicht. Als die Gruppe wieder vollständig ist, dringen wir weiter nach Westen vor. Tom zeigt uns den Gemischtwarenladen mit Revolutionsbedarf Ecke Waldemarstraße, führt uns über die Naunystraße zum Trinkteufel. Hier habe ich einige böse Gelage erlebt.

Autofahrer und Fußgänger sind eigentlich ziemlich kulant. Richtig haten tun eigentlich nur die anderen Radfahrer.

Auch den unteren Legiendamm kenn ich gut, weil hier mein Klavierlehrer wohnt. Doch dann fahren wir den trockengelegten Kanal hoch zum Engelbecken und der Kitzel des Unbekannten befällt mich. In über elf Jahren bin ich noch nie hier gewesen. Staunend folge ich der Gruppe über den Bethaniendamm zur Thomaskirche und dem Baumhaus an der Mauer. Verrückt, wie sich manche Teile erst nach so langer Zeit ins Gesamtbild fügen.

Seit unserem Start sind jetzt mehr als drei Stunden vergangen. Als wir in der vorabendlichen Stimmung über die Schillingbrücke zurück nach Friedrichshain fahren, wirken sogar die Schüler irgendwie andächtig. Tom führt die Karawane gemächlich an, zählt seine Schäfchen an jeder Kreuzung mit raschem Blick. Ein Fahrradkurier setzt sich kurz neben ihn: „Kannst du deiner dämlichen Gruppe mal sagen, dass sie ordentlich fahren sollen?“ Doch auch davon lässt Tom sich nicht aus der Ruhe bringen.

Am Platz der Vereinten Nationen machen wir zum letzten mal Halt. Ich erfahre, dass die beiden Hochhäuser ein S und ein U für Sowjetunion bilden. Trotzdem fragt der Lehrer der Klasse, ob wir jetzt wieder im Osten sind.

Endlich erreichen wir die Kulturbrauerei. Ich bin völlig erschöpft. Die Gruppe applaudiert und zerstreut sich dann langsam. Während Tom sich seine Privatsachen anzieht, hole ich uns ein Feierabendbier.

„Hast du morgen auch eine Tour?“, frag ich.
„Ja, mit dem Katholischen Landfrauenverband. Das wird bestimmt lustig.“
„Aber jetzt sag doch mal ehrlich: Nerven die Leute nicht manchmal?“
Tom hebt die Schultern. „Ist doch egal. Nach der Tour seh ich sie sowieso nie mehr wieder. Das ist der Vorteil daran, nicht in einem Büro mit den immer gleichen Kollegen zu sitzen.“

Wir trinken das Bier aus und verabschieden uns.

„Danke, dass du mir eine neue Ecke gezeigt hast“, sag ich.
„Da nicht für“, sagt er und tippt sich an seinen Helm. Dann fährt er nach Hause. Natürlich mit dem Fahrrad.

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