"Was raten Sie uns Menschen für das neue Jahr?" – Ein Interview mit einem Bärtierchen

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Zuletzt zeigte sich das schwindende Jahr im Interview zwar einsichtig, aber dieses 2016 unkommentiert und unreflektiert entkommen zu lassen wie einen Brandstifter, der seine leeren Benzinkanister über den Zaun wirft und das Weite sucht, das geht trotzdem nicht.

Statt in Bitterkeit und Wehklagen zu verfallen, haben wir uns aber einen Interviewpartner ausgesucht, der dank seiner großen Lebenserfahrung und Abgeklärtheit vielleicht der Einzige ist, der nach diesen turbulenten zwölf Monaten noch etwas Sagenswertes zu sagen hat. Die Rede ist von einem 1,5 Millimeter großen und mehrere Millionen Jahre alten Bärtierchen. Es war so freundlich, uns in Sachen Gegenwart Rede und Antwort zu stehen:

Verehrtes Bärtierchen, verzeihen Sie, wenn ich gleich ganz unverblümt mit dieser Frage einsteige, aber: Sie sind selbst für Ihre Spezies außergewöhnlich langlebig – wie alt sind Sie genau?
Nun, ich wurde an einem kalten Januarmorgen im Trias geboren, das dürfte so etwa 250 Millionen Jahre her sein. Gleich nach meiner Geburt wurde ich von einem unaufmerksamen Titanosaurus übertrampelt, aber glücklicherweise sind wir Bärtierchen da nicht zimperlich. Normalerweise, da haben Sie ganz recht, werden wir nicht so alt. Aber ich betreibe seit ein paar Millionen Jahren sehr diszipliniert Frühsport, das scheint sich auszuzahlen. Ansonsten reise ich viel auf dem Planeten herum und bin sozusagen Zeitzeuge von fast allem.

Während dieser 250 Millionen Jahre haben Sie sicherlich allerhand erlebt. An welche Erlebnisse erinnern Sie sich besonders?
Da könnte ich Jahrtausende erzählen! Einschneidend war natürlich der Einschlag des Kometen, der das Aussterben der Dinosaurier zur Folge hatte. Unglücklicherweise befand ich mich zum Zeitpunkt des Impakts im Mexiko-Urlaub und bekam diesen Planetenkrümel mitten auf den Kopf. Derart aufgewühlt hielt ich es für besser, mich einige Zeit in Kryptobiose zu begeben, um mich anständig von der unsanften Begegnung zu kurieren. Als ich mich wieder zum Aufwachen bereit fühlte, hatte gerade ein gewisser Hernán Cortés beschlossen, Mexiko zu erobern und vorbei war es mit der Ruhe. Seither bin ich mal hier, mal dort und wenn es mir zu bunt wird, igle ich mich für ein paar Jahrzehnte ein, das reicht meistens, bis das Schlimmste vorüber ist.

Kryptobiose, was ist das genau? Klingt nach einem komplizierten Verfahren.
Im Grunde ist es ganz einfach. Wir Bärtierchen verfügen über eine äußerst komfortable Fähigkeit, die uns unangenehme, ja lebensfeindliche äußere Umstände unbeschadet überleben lässt. Kryptobiose bedeutet, dass wir unseren Stoffwechsel in eine Art Stand-By-Zustand versetzen. Wir werden rund und hart wie ein Sandkorn. So können ziemlich lange aushalten, mindestens ein paar Jahrzehnte. Man kann uns einfrieren und wieder auftauen, uns ins All schießen oder in einen Vulkan werfen – in diesem Brückenzustand zwischen Leben und Tod sind wir nahezu unzerstörbar. Und natürlich bekommt man von allem nichts mit, was sonst so da draußen passiert. Wie Flugmodus für den Organismus, sehr angenehm.

Biologisch gesehen bin ich der größte Drückeberger der Evolution. Aber als Mensch die Möglichkeit zur Einflussnahme zu haben ist ein großes Privileg, auf das ich ziemlich neidisch bin.

Was empfehlen Sie einem verzweifelten Exemplar der Spezies Homo sapiens, der sich angesichts der Großlage selbst gerne eine Weile lang in einen todesähnlichen Zustand befördern würde?
Wie ist denn die Großlage? Wissen Sie, ich habe lange Zeit unter hygienisch unzumutbaren Bedingungen im Bart eines Neandertalers gelebt, war bei den Kreuzzügen dabei, bei der Pestepidemie von 1347 und der Atombombenabwurf auf Hiroshima war auch nicht gerade angenehm mitzuerleben. Sie müssen also schon präziser werden, wo genau Homo sapiens dieser Tage der Schuh drückt.

Naja, wir leben zwar im historischen Vergleich so komfortabel wie noch nie, aber auf politischer und menschlicher Ebene scheint der Lerneffekt aus der Geschichte nicht in dem Maße stattgefunden zu haben, wie wir lange dachten. Es ist, als hätte jemand im Drehbuch beschlossen, dass von nun alles den Bach heruntergeht.
Verstehe, das klingt durchaus unerfreulich. Die bittere Wahrheit ist allerdings auch: Historisch betrachtet geht tatsächlich in regelmäßigen Abständen alles den Bach herunter. Auf Zeiten von Wachstum und Wohlstand folgen stets Perioden von Regress, Revolution oder Zerstörung. Das können Kriege sein, Epidemien, Naturkatastrophen, damit einhergehende Fluchtbewegungen und so weiter. Die Vorstellung, dass sich der moderne Mensch im Laufe seiner Entwicklung aus diesem Muster gelöst hat und die Lernkurve nur noch nach oben zeigt, ist leider illusorisch. Mich überrascht das nun allerdings nicht, offen gesagt.

Was soll das denn heißen? Sollen wir uns zurücklehnen und dem Untergang harren, weil er unvermeidlich im Lieferumfang enthalten ist?
Natürlich nicht. Aber es hilft, sich in größerem Kontext klarzumachen, dass diese Phasen dazugehören, bei all ihrer Grausamkeit. Was nicht bedeutet, dass man sie hinnehmen soll, im Gegenteil. Eben weil auch immer wieder die Gegenbewegung folgen muss, kann man nicht früh genug anfangen, Gegengewichte in die andere Seite der Waagschale hineinzuwerfen. Ich bin nur ein einfaches Bärtierchen und biologisch gesehen der größte Drückeberger der Evolution. Wäre ich als Mensch vielleicht auch. Aber als solcher die Möglichkeit zur Einflussnahme zu haben, die ist ein großes Privileg, auf das ich ziemlich neidisch bin.

Ob wohl damals jemand 'Fuck you, 1918!' auf eine Pferdekutsche gesprüht hat? In meiner Erinnerung jedenfalls nicht.

Also nichts mit „Fuck you, 2016“?
Das ist eine sehr einfache Art, mit dem ganzen Elend eben gerade nicht umzugehen. Ein logischer Mechanismus und eine psychologisch durchaus wirksame Vermeidungsstrategie, um Distanz zwischen sich und das Erlebte zu bringen. „Es ist ein schlechtes Jahr, das nächste wird ganz bestimmt besser“ – damit hält sich der Mensch in schweren Zeiten ja ganz gern über Wasser. 1918 zum Beispiel wütete zusätzlich zum Ersten Weltkrieg die Spanische Grippe in Europa und mit Gustav Klimt, Egon Schiele und Claude Debussy starben in diesem Jahr gleich drei Schlüsselfiguren der Kunstszene – ob damals wohl jemand „Fuck you, 1918!“ auf eine Pferdekutsche gesprüht hat? In meiner Erinnerung jedenfalls nicht.

Damals gab es noch gar keine Spraydosen.
Pffft.

Sind Sie Optimist?
Ich fürchte, ja. Optimismus ist auf eine Art sehr unsexy, er wirkt zuweilen naiv und wird oft als zwanghaft positive und ziemlich nervige Eigenschaft empfunden. In meinen 250 Millionen Lebensjahren habe ich allerdings beobachtet, dass es die einzige Art ist, wie man nicht verrückt wird. Mir persönlich ist das natürlich alles herzlich egal. Aber als Mensch würde ich versuchen, meinen Optimismusmuskel so gut zu trainieren, dass er noch die nächsten paar Jahrzehnte durchhält. Das als meine bescheidene Empfehlung am Rande.

Haben Sie zum Abschluss einen Rat an alle Menschen, die sich jetzt trotzdem mit flauem Gefühl im Magen an ihrem Sektglas festhalten?
Diese Sekttrinkerei habe ich nie verstanden, frisches kühles Meerwasser aus dem Marianengraben ist so viel köstlicher! Aber gut, ihr Menschen steht zu solchen Anlässen eben auf Perlwein und erbauliche Lebensweisheiten, nicht wahr? Ich bin kein großer Freund von Pathos, deswegen halte ich mich gerne an die unprätentiösen Worte von Jupiter Jones: "Kopf hoch und Arsch in den Sattel". Und jetzt entschuldigen Sie mich, ich muss noch sehr kleine Wunderkerzen besorgen.

Vielen Dank, verehrtes Bärtierchen. Und: Prost Neujahr!

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