Weinende Hipster & hungernde Foodies: So sähe Berlin aus, wenn alle Trends plötzlich verschwänden

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Berlin im September 2018. Es ist viel passiert im vergangenen Jahr und wer länger nicht in der Stadt war, reibt sich verwundert bis entsetzt die Augen: Irgendetwas sieht hier anders aus. Denn seit einem ungewöhnlichen Regierungsbeschluss, der Ende 2016 nach massiven Bürgerprotesten in Windeseile durchgepeitscht wurde, hat sich das Stadtbild und der Alltag der Berliner grundlegend verändert. In eben jenem Beschluss wurde festgehalten, dass mit sofortiger Wirkung in den Stadtteilen Mitte, Kreuzberg, Neukölln und Friedrichshain alle kursierenden Trends aus dem Bereich Lifestyle, Mode, Technik und Ernährung einzustellen und neue trendähnliche Strömungen aus dem In- und Ausland strikt zu ignorieren seien. Zu laut war die Kritik aus großen Teilen der Stadtbevölkerung geworden, man könne nicht noch einen Street-Food-Market, nicht noch einen Kakteensale und nicht noch 1 weiteren verballhornte Radio- oder Bankenwerbeslogan ertragen.

Seit Jahren schon wurde erst im Feuilleton, dann in den sozialen Netzwerken und zuletzt auf den Straßen danach verlangt, dass es ein Ende haben müsse mit: Superfoods, Birkenstocks und Filterkaffee.

Damit soll, ähnlich wie der seit längerem schon bestehenden Umweltzone, verhindert werden, dass durch ein Übermaß an grassierenden Trends die ureigene Berliner Lebensart und der authentische Stil der Hauptstadt verwässert, ja am Ende gar ausradiert werden. Seit Jahren schon wurde erst im Feuilleton, dann in den sozialen Netzwerken und zuletzt auf den Straßen lautstark danach verlangt, dass es jetzt aber endlich ein Ende haben müsse mit: Superfoods, insbesondere Chia-Samen, Getränken in Einmachgläsern, Streetfood, Craft Beer, Pop-Up-Stores und -Galerien, Birkenstocksandalen im Allgemeinen, Birkenstocksandalen an Männerfüßen im Speziellen, euterartig herabhängenden Turnbeutelrucksäcken, Sukkulenten, handgebrühtem Filterkaffee, Kurzhaardackeln, alles aus Kupfer und natürlich dem sprachlichen Phänomen, „ein“ als „1“ zu schreiben. Ferner wurden rückwirkend bereits integrierte Trends wie Vollbärte, Fixie-Fahrräder, der Männerdutt und Hornbrillen zur roten Liste hinzugefügt, um den kollektiven stilistischen Backshift nach 2010 zu verhindern.

Wer Sukkulenten streicheln will, muss jetzt bis nach Leipzig fahren. – © Stocksnap
Weinende Männer kriechen barfuß mit zusammengekniffenen Augen über den Boden, in der Hoffnung, auch ohne Nerdbrille noch die ein oder andere Gojibeere zu finden.

Die Szenen, die sich nun seit Inkrafttreten der Verordnung auf den Straßen Berlins abspielen, sind nur als dramatisch zu bezeichnen. Dort, wo noch vor wenigen Monaten Daluma den jungen, detoxwilligen Superfoodjüngern ihr täglich Brot in Form von Green Smoothies aushändigte, sind Türen und Fenster zugenagelt. Weinende Männer kriechen barfuß, ihrer Birkenstocks beraubt, mit zusammengekniffenen Augen über den Boden vor der Eingangstür, in der Hoffnung, auch ohne Nerdbrille noch die ein oder andere Gojibeere zu finden. Im Weinbergpark nebenan treffen sich vom Retox deutlich gezeichnete Frauen, die untergehakt im Takt wiegend mit leisen Stimmen „We Shall Overcome“ singen.

Sag zum Abschied leise Hummus. – © Milena Zwerenz

Auch die Zahl der Verkehrsopfer ist rapide gestiegen – nicht nur wissen die Fixie-Fahrer von einst nicht mehr, wie man eine normales Rad mit Bremse und Gangschaltung bedient, auch kommt es durch den Wegfall der Cafés, die Flat White anbieten, bei den vornehmlich jungen Konsumenten zu akuten Entzugserscheinungen bis hin zu Sekundenschlaf am Steuer oder Lenker. Die von Jugendsprache befreite Bannerwerbung lesen jetzt noch weniger Passanten als zuvor und die Werbetexter versuchen zwar, Ersatz für die beliebte 1 zu finden, sind aber im Grunde einfach nur ver2felt.

Seit Chiasamen offiziell als Vogelfutter deklariert wurden, nutzen immer mehr findige Händler diese rechtliche Grauzone.

Doch es regt sich auch Widerstand: Rund um den Kotti sprießen plötzlich Fachhandlungen für Tierfutter aus dem Boden. Seit Chiasamen offiziell als Vogelfutter deklariert wurden, nutzen immer mehr findige Händler diese rechtliche Grauzone, um gleich das "graue Gold" kiloweise an die ausgehungerten Puddingjunkies auszuhändigen – natürlich zu schwindelerregenden Preisen, aber schwindelig ist den hungrigen Käufern ohnehin schon. Zudem sind aufgrund des Dackel-Embargos viele verzweifelte Haustierhalter auf den altbewährten Wellensittich umgestiegen und trösten sich so gleich doppelt, indem sie mit ihrem neuen gefiederten Freund vom gleichen Futter essen. Ja, es ist eine einsame, kalte Zeit angebrochen in der Stadt.

Kilopreis: Fragt nicht. © Larry Jacobsen | FlickrCC BY 2.0

Ob auf der Torstraße, im Bergmannkiez oder der Weserstraße: Besonders die junge Berliner Bevölkerung zwischen 20 und 35 ist sichtlich getroffen. Blass, ausgehungert, übermüdet – wer so sonst nur Montagmorgen aus dem Berghain torkelt, bestimmt nun das Straßenbild. Gestandene Männer müssen plötzlich beim Bierkauf wieder den Ausweis zeigen, weil der abrasierte Vollbart sie wieder genauso unerwachsen aussehen lässt, wie sie sich heimlich fühlen. Junge Frauen versuchen sich mithilfe von Hypnose von kupferfarbenen Accessoires wieder auf schnödes Silber umzugewöhnen und bei therapeutischen Lamaspaziergängen über das Tempelhofer Feld versuchen die Teilnehmer, die Trennung von Gürteltaschen zu verarbeiten. Diese wurden in großflächigen Sammelaktionen konfisziert und den ursprünglichen, rechtmäßigen Trägern wieder zugeführt: Campingtouristen aus Thüringen, Drogendealern im Görli und amerikanischen Familienvätern über 50.

Scharenweise fliehen Berliner nach Leipzig.

Erfolglos, denn scharenweise fliehen Berliner und mitsamt ihnen viele Schlüsselfiguren der Kreativen- und Kunstszene nach Leipzig. Viele stürmen dort zumeist vom Hauptbahnhof direkt in den nahegelegenen Baumarkt, um sich in der Gartenabteilung gierig an Sukkulenten zu reiben. Anstatt wie gehofft zu einer Rückbesinnung auf den originären Berliner Stil zu bewirken, hat sich aufgrund des Trendverbots die Stadt genau jenes Stilelements entledigt, das eigentlich so prägend für die Außenwirkung der Stadt als ein Zentrum des Zeitgeistes gewesen war: Die neugierigen Bewohner, die schnell und freudig Strömungen erkennen, aufgreifen und adaptieren, modifizieren und wieder ersetzen. Denn eine Abkehr von ihnen bedeutet gleichzeitig auch ein Verschließen vor dem Einfluss verschiedener Kulturen und zukunftsorientierten Lebensentwürfen. Und das ist nun, so viel Verständnis man für Trendüberdrüssige, Streetfood-Skeptiker und Kapselkaffeekonsumenten haben mag vor allem 1: Ganz schön schade. Und Birkenstocks sind leider wirklich sehr bequem.

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