11 Bücher, die ihr 2016 gelesen haben solltet

© Giulia Bertelli | Unsplash

Ständig und überall werden zum Jahresende Listen veröffentlicht. Beispielsweise mit Serien, die man dieses Jahr staffelweise gesehen haben sollte oder voller Musik, an der es 2016 kein Vorbeikommen gab. Aber was ist denn eigentlich mit der literarischen Speerspitze des ausklingenden Jahres? Wir finden: Zwischen den anstehenden Feiertagen muss mal Zeit für ausgiebiges Binge-Reading sein. Deshalb stellen wir euch an dieser Stelle elf literarische Perlen vor, denen ihr euch zwischen Rotkohl-Gelage, Mistelzweig-Bussis und Geschenke-Rückgabe widmen solltet.

1. Benjamin von Stuckrad-Barre – "Panikherz"

© Kiepenheuer & Witsch

Vielleicht die größte Überraschung des Jahres – Benjamin von Stuckrad-Barres entwaffnend ehrliche und extrem mutige Autobiografie, in der er von Alkohol über Drogen bis hin zu Essstörungen keinen seiner schwächsten Momente auslässt. Ein reflektierteres, sprachlich virtuoseres und witzigeres Buch hat das Genre der deutschsprachigen Popliteratur selten hervorgebracht. Absolute Pflichtlektüre.

2. Roger Willemsen – "Wer wir waren"

© S. Fischer Verlag | Wikimedia Commons

Wie sehr Roger Willemsen als intellektuelle und charismatische Instanz fehlt, kann an dieser Stelle kaum zum Ausdruck gebracht werden. Sein letztes, jetzt posthum veröffentlichtes Buch ist die längere schriftliche Version einer Rede, die er im Sommer 2015 hielt. Seine Kritik der Dauerdigitalisierung aus der Sicht der Nachgeborenen ist typisch Willemsen: rhetorisch überaus scharfsinnig, inhaltlich eindringlich und dabei nie kulturpessimistisch.

3. Elena Ferrante – "Meine geniale Freundin"

© Suhrkamp

Elena Ferrantes Meine geniale Freundin ist der erste Teil einer Tertralogie über zwei rivalisierende Freundinnen, die im Neapel der 50er Jahre versuchen Armut, Camorra und regressiven Geschlechtsverhältnissen zu entkommen. Unter anderem dank seiner exzellenten Figurenpsychologie wurde diesem politisch-historischen Panorama der italienischen Gesellschaft dieses Jahr zu Recht sehr viel Anerkennung zuteil.

4. Jonathan Safran Foer – "Hier bin ich"

© Kiwi | Jeff Mermelstein

Elf Jahre mussten sich Fans von Alles ist erleuchtet und Extrem laut und unglaublich nah in Geduld üben, bis Jonathan Safran Foer mit Hier bin ich endlich seinen dritten Roman ablieferte. Foer seziert die Krise eines amerikanischen, jüdischen Mittelstand-Paares, das über die Liebe zu seinen Kindern die Liebe füreinander verloren hat. Eingeschworene Fans erstgenannter Bücher könnte der Trennungsroman irritieren, alle anderen dürfen sich auf ironische und schlagfertige Dialoge freuen.

5. John Fante – "1933 war ein schlimmes Jahr"

© Wikimedia Commons | Aufbau Verlag

1933 war ein schlimmes Jahr – wider Erwarten geht es in diesem im Original bereits 1985 und dieses Jahr auch auf Deutsch veröffentlichten Roman von John Fante nicht um das Deutsche Reich, sondern um einen jungen Mann mitten in der amerikanischen Wirtschaftskrise. Der hat schiefe Zähne, abstehende Ohren, krumme Beine, ABER einen linken Arm, der ihn zum Baseball-Star machen soll. Also genau der Stoff, aus dem der amerikanische Traum gebaut ist. So einfach macht es Fante dem Leser und sich dann aber natürlich doch nicht und wechselt stattdessen meisterlich zwischen leicht und melancholisch, pathetisch und ironisch.

6. Margarete Stokowski – "Untenrum frei"

© Rowohlt

Mal erzählt Margarete Stokowski in Untenrum frei aus ihrer eigenen Biografie, mal fundiert sie ihre Überlegungen mit Simone de Beauvoir, immer geht es um die immer noch vorherrschenden Unterdrückungsmechanismen unserer von Geschlechter-Gleichberechtigung oftmals noch weit entfernten Gesellschaft. Dabei behält sie sich einen kolumnenhaft-leichten Ton bei, der das Buch auch für all jene Leser empfehlenswert macht, die nicht in Genderstudies bewandert sind. Stokowskis Fazit: bei alltäglichen Ungerechtigkeiten viel öfter mal die „Poesie des ,Fuck you‘“ bemühen und bloß nie die Klappe halten. Word.

7. Cynthia d'Aprix Sweeney – "Das Nest"

© Klett Cotta | Lisa Whiteman

Die ehemalige Werbetexterin Cynthia d'Aprix Sweeney beschreibt in ihrem ersten Roman Das Nest vier Geschwister der New Yorker Mittelschicht, die sich plötzlich mit dem Ausbleiben ihrer fest eingeplanten väterlichen Erbschaft konfrontiert sehen. Sweeney gelingt eine bitterböse und rasante Story über eine dysfunktionale Familie und die lieben Geldsorgen, deren Leinwand-Adaption man schon während des Lesens vor dem inneren Auge sieht.

8. Emma Cline – "The Girls"

© Hanser Literaturverlage | Megan Cline

Die 27-jährige Schriftstellerin Emma Cline wählte als Inspiration für ihren Debütroman die Hippiekommune rund um Charles Manson, der 1969 seine Anhängerinnen zu den Morden an sieben Menschen anstiftete. Dabei konzentriert sich Cline nicht auf die Figur von Manson, sondern liefert vielmehr eine atmosphärisch dichte und psychologisch feinsinnige Coming-of-Age-Geschichte der Protagonistin Evie Boyd, die vom unverstandenen Teenager zur fanatistischen Marionette wird.

9. Saša Stanišić – "Fallensteller"

© Katja Sämann | Random House

Der gebürtige Bosnier und Wahl-Hamburger Saša Stanišić behandelt in seinem 12 Geschichten umfassenden Erzählband Fallensteller voller sprachlicher Brillanz und Verve existenzielle Themen, durch die sich der rote Faden des Reisens zieht. Dabei beweist er stets viel Einfühlungsvermögen und Detailverliebtheit für seine teils grotesken Figuren und nimmt den Leser mit in fremde Lebenswelten.

10. Heinz Strunk – "Der goldene Handschuh"

© Heinz Strunk | Rowohlt

Dass Heinz Strunk das Humoristische beherrscht wie kaum ein zweiter, ist u. a. dank seiner kongenialen (und viel zu wenig beachteten) Sendung Fleischmann TV oder seiner Fraktus-Veröffentlichungen hinlänglich bekannt. Aber wer hätte gedacht, dass er auch einem ernsten Thema, wie dem Leben des Serienmörders Fritz Honka, feuilletontauglich gerecht wird? Für Strunk hagelte es nach diesem erbarmungslosen und empathischen und oft auch erbarmungslos-empathischen Roman verdiente Begeisterung von Kritikern und Lesern.

11. Kate Tempest – "Worauf du dich verlassen kannst"

© Rowohlt | Twitter

Kate Tempests aktuelles Album Let Them Eat Chaos rangiert in musikalischen Bestenlisten auf den obersten Rängen, aber auch das Romandebüt der ausgewiesenen Alleskönnerin gehört sicherlich zu den Highlights des fast vergangenen Jahres. Die Helden in Worauf du dich verlassen kannst, vier junge Londoner ohne Perspektive, erinnern an die Figuren in Tempests Lyrics, die nun endlich die ausführliche Biografie erhalten, die ihnen gebührt. Und genau wie Tempests Songs ist ihr erstes Buch poetisch, detailverliebt und sprachgewaltig.

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