Lesevergnügen #23: 11 Neuerscheinungen, die euch durch den Sommer(urlaub) bringen

© Wiebke Jann

Im Sommer scheint immer alles möglich – Kino unter freiem Himmel, in den Sonnenaufgang raven, mit den Liebsten auf den hiesigen Gewässern treiben. Was uns im Sommer aber auch große Freude bereitet, ist den ganzen Tag am See, am Meer oder im Park zu liegen und zu lesen. Gut, dass pünktlich zur Draußen-Saison viele Autor*innen auch ihre neuesten Werke in die Bücherregale gezaubert haben.

Mit Candice Carty-Williams erlebt ihr, wie ein Schicksalsschlag fünf Geschwister fester denn je zusammenschweißt, Helene Hegemann erzählt in 15 morbiden Kurzgeschichten von unterdrückter Gewalt und Heinz Strunk ein etwas anderes Sommermärchen, das ganz leise an Thomas Manns "Tod in Venedig" erinnert. Welche Bücher in eurem (Hand)Gepäck für den Sommer nicht fehlen sollten, verraten wir euch hier.

Sybille Berg: "RCE#reichtumfueralle" - Teil zwei der dystopischen Trilogie

Es braucht gerade mal zwei Zeilen, und schon erkennt man, dass es sich bei "RCE" um den Nachfolger des 2020 erschienen Romans "GRM" handelt – die Dekonstruktion unserer Realität beginnt bei Berg eben schon beim Satzbau. Anders als der Vorgänger liest sich "RCE" allerdings nicht ganz so dystopisch, sondern lässt bei genauem Lesen sogar ein bisschen Utopie durchschimmern. Während sich das Gros der Gesellschaft mit dem neuen "perfekten" System abgefunden hat, wenige in absurdem Reichtum und viele unter miesesten Bedingungen ihr Dasein pflichten, alles unhinterfragt überwacht wird und Kinder ihre eigenen Eltern aus der Wohnung klagen – für das Wohl der Gesellschaft –, sitzen irgendwo in einem abhörsicheren Bunker fünf Hacker*innen, die unerbitterlich dafür kämpfen, die Welt wieder zu einer besseren zu machen.

Erschienen im KiWi Verlag | 704 Seiten | 26 Euro | Mehr Info

© KiWi | © Rowohlt Verlag

Heinz Strunk: "Ein Sommer in Niendorf"

Roth ist Jurist und Schriftsteller, in seinen besten (50er) Jahren und zieht sich nach Niendorf zurück, um ein neues Buch zu schreiben – eine Abrechnung mit seiner Familie. Doch statt sich aufs Schreiben zu konzentrieren, verbringt Roth seine Zeit, zunächst ungewollt, immer häufiger mit dem örtlichen Strandkorbverleiher, dem zufälligerweise auch das hiesige Spirituosengeschäft gehört. Zu den beiden ungleichen Männern, die sich immer weiter annähern, gesellt sich irgendwann auch die Freundin des Ladenbesitzers zu der ungleichen Runde. Alles andere als eine Traumfrau, schafft sie es dennoch, das Interesse des Schriftstellers zu wecken – es beginnt eine Sommergeschichte. "Ein Sommer in Niendorf" ist ein Sommermärchen, das in Strunkscher Marnier von Zynismus, Selbstkapitulation und jeder Menge gutem Humor gespickt ist. Sehr unterhaltsam und perfekt für einen entspannten Tag am See.

Erschienen im Rowohlt Verlag | 240 Seiten | 22 Euro | Mehr Info

Mirna Funk: "Who Cares"

Eigentlich sollte man ja im Jahr 2022 davon ausgehen, dass Debatten um Geschlechterungleichheit längst passé sind. Turns out: Sind sie leider nicht. Das erlebt auch die Autorin Mirna Funk aus Berlin immer wieder und hat mit "Who Cares!" deshalb ein flammendes Plädoyer geschrieben, dass Frauen dazu ermutigen soll, frei und selbstbestimmt zu leben. In sechs starken Essays zu den Themen Karriere, Liebe, Sex, Geld, Kinder und Körper nimmt Mirna Funk Stellung zu aktuellen feministischen Debatten, rechnet schonungslos mit ihnen ab und stellt mutige Gegenentwürfe auf, für die sie mitunter viel Gegenwind erhält. Ihr Appell: Eigenständige Frauen dürfen nicht darauf warten, dass sich gesellschaftlichen Strukturen zu ihren Gunsten ändern, sondern müssen aus eigener Kraft handeln. Nur Selbstwirksamkeit wird Frauen auf Dauer zu Freiheit verhelfen.

Erschienen im dtv | 112 Seiten | 10 Euro | Mehr Info

© dtv | © KiWi Verlag

Helene Hegemann: "Schlachtensee"

Dass Helene Hegemann ein literarisches Ausnahmetalent ist, hat sie nicht zuletzt mit ihrem 2018 erschienenen Roman "Bungalow" bewiesen. Rund vier Jahre später kommt sie nun zurück und zwar mit einer Kurzgeschichten-Sammlung. "Schlachtensee" heißt das neue Werk, in dem sie 15 verschiedene, zum Teil dystopisch-morbide Geschichten erzählt. Mal verliebt sich ein Junge in einen anderen Jungen – während sie von einer Horde Wildschweine umzingelt sind. Oder eine Frau ist auf dem Weg zu ihrer Familie in Österreich – und verpasst immer wieder ihren Ausstieg. Das Badezimmer wird zum Schauplatz des Endes einer toxischen Beziehung. All jene Geschichten eint, dass ihre gebeutelten Protagonist*innen durch eine Welt gehen, in der jene Gewalt am gefährlichsten ist, die unterdrückt wird.

Erschienen im KiWi Verlag | 272 Seiten | 23 Euro | Mehr Info

Candice Carty-Williams: "People Person"

Eines der besten Bücher, die wir in den letzten Jahren gelesen haben, war definitiv das Erstlingswerk von Candice Carty-Williams "Queenie". Rund zwei Jahre später liefert die 33-Jährige aus South London ihren neuen Roman "People Person" ab, der uns nicht minder begeistert. Cyrill Pennigton wird von den Leuten geliebt. Er ist witzig, extrovertiert und gerne unter Leuten. Was er allerdings nicht so gerne ist: ein Vater. Doch das ist ein Problem, bedenkt man, dass er fünf Kinder von vier verschiedenen Frauen in die Welt setzt. Sie wachsen ohne ihren Vater auf und kennen einander nur flüchtig. Bis ein Schicksalsschlag die Halbgeschwister einander näherbringt. Ein schönes, zeitgemäßes und humorvolles Familienportrait.

Erschienen im Orion Verlag (englische Version), deutsche Ausgabe erscheint am 06.09. 2022 im Blumenbar Verlag | 368 Seiten | 15.99 Euro | Mehr Info

© Orion | © Diogenes Verlag

Irene Vallejo: "Papyrus. Die Geschichte der Welt in Büchern"

Dieses Buch wird euch in jeder Buchhandlung ins Auge springen, denn ein Buch, das sich mit der Geschichte der Welt in Büchern beschäftigt, hat natürlich auch ein angemessenes Äußeres. Ein feiner Papierumschlag, mit goldener Prägung ist es also, der dieses wundervolle Buch umhüllt. 2019 erschien "Papyrus. Die Geschichte der Welt in Büchern" auf Spanisch, erhielt mehrere Preise und ist jetzt auch als deutsche Übersetzung erhältlich. Die junge Autorin aus Saragossa nimmt die Leser*innen mit auf eine Reise durch die beeindruckende Geschichte des Buchs und geht dabei zurück bis zur ersten Bibliothek in Alexandria und dem Untergang des Römischen Reichs. Historische Ereignisse paarem sie mit spannenden Charakteren, die sich der Kraft der Bücher mit ihrem Leben verschrieben haben – ein wundervolles Buch für alle, die Bücher lieben.

Erschienen im Diogenes Verlag | 752 Seite | 28 Euro | Mehr Info

Nadja Niemeyer: "Gegenangriff. Ein Pamphlet"

Ein Gedankenspiel: Was wäre, wenn sich – ganz Animal Farm like – die Tierwelt zusammentun, eigene Gesellschaften bilden würde, mit dem Ziel, den Homo Sapiens auszurotten? Nicht zum Spaß, sondern dem "übergeordneten Interesse des Naturschutzes" zuliebe. Dann würden Ratten die Stromkabel in New York zerbeißen und einen riesigen Stromausfall erzeugen. Maulwürfe schon unter der Erde die Ernte zerstören. Nadja Niemeyer hat dieses Gedankenspiel in ihrem Buch "Gegenangriff. Ein Pamphlet" gewagt und mit erstklassigem Zynismus, den wir sonst vor allem von Sibylle Berg kennen, als mögliche neue Realität zu Papier gebracht. Ein großartiges Buch, das die Doppelmoral der Gesellschaft im Hinblick auf einen ökologischen Wandel schonungslos ans Licht bringt.

Erschienen im Diogenes Verlag | 176 Seiten | 18 Euro | Mehr Info

© Diogenes Verlag | © dtv

Claudia Schumacher: "Liebe ist gewaltig"

Juli wächst in einer perfekten Familie auf. Die Eltern sind Rechtsanwält*innen. Sie lebt mit ihren Geschwistern und den Eltern in einem netten Haus. In der Schule ist sie Klassenbeste. Doch hinter der perfekten Fassade wird es düster, denn die Familie wird von roher Gewalt beherrscht. Der Vater schlägt. Nicht nur Juli, sondern auch ihre Geschwister – und die Mutter. Doch diese verheimlicht und verleumdet die Gewalt ihres Mannes vehement. Je älter Juli wird, desto mehr beginnt sie dagegen anzukämpfen. Doch dieser Kampf für das Ende der Gewalt ist lang und schwer, vor allem, wenn die eigene Mutter einem Wahnvorstellungen einredet, statt der brutalen Wahrheit ins Auge zu sehen. "Ein starkes, sprachgewaltiges, erschütterndes, psychologisch kluges Debüt", beschreibt Benedict Wells das erste Buch "Liebe ist gewaltig" von Claudia Schumacher. Worte, die einem literarischen Ritterschlag gleichen – unbedingt lesen.

Erschienen im dtv | 376 Seiten | 22 Euro | Mehr Info

Carla Kaspari: "Freizeit"

Franziska ist im Leben angekommen. Gerade kommt sie nach zwei Jahren Paris zurück. Von ihrem Partner hat sie sich einvernehmlich getrennt. Sie hat ihr Studium abgeschlossen, einen guten Job mit stabilem Einkommen. Ein gesundes Umfeld. Doch irgendetwas fehlt. Zwischen Großstadt-Lifestyle und Landleben, gemäßigtem Drogenkonsum und Social-Media-Auftritten, scheint ihr die Leichtigkeit abhanden gekommen zu sein. In ihrem Romanmanuskript hält sie ihre Beobachtungen fest und wird plötzlich von einem Kapitel ziemlich überrollt. Carla Kaspari schafft es in "Freizeit", eine Bubble so pointiert und scharf zu skizzieren, dass wir uns beim Lesen manchmal selbst ertappt fühlen.

Erscheint am 07.07.2022 im KiWi Verlag | 304 Seiten | 15 Euro | Mehr Info

© KiWi Verlag | © Piper Verlag

Nadine Pungs: "Nichtmuttersein"

Spätestens, wenn der 30. Geburtstag ansteht, hallt einer Frau in unserer Gesellschaft eine Frage immer wieder nach: "Und, wie sieht es mit Kindern aus?". Antwortet eine Frau darauf, dass Kinder in ihrer Zukunftsplanung keine Rolle spielen, stößt sie zumeist auf Unverständnis. Es gilt als unnatürlich, als egoistisch, das Muttersein zu verweigern. Eine jener Frauen ist Nadine Pungs, die in ihrem Sachbuch "Nichtmuttersein" mit Müttern und Nichtmüttern über Ängste und Hoffnungen spricht. Sie erzählt davon, wie schwierig es ist, akzeptiert zu werden und was es mitunter für ein Kampf sein kann, die Selbstbestimmung des Körpers zu verteidigen. Ein Plädoyer dafür, dass man auch ohne Kinder wunschlos glücklich sein kann – eine wichtiges Buch, das, gerade mit Blick auf die neuesten und ziemlich rückständigen Entwicklungen in den USA, auch 2022 sehr relevant ist.

Erscheint am 28.07.2022 im Piper Verlag | 240 Seiten | 18 Euro | Mehr Info

Ferdinand von Schirach: "Nachmittage"

Seinen letzten Erzählband "Kaffee und Zigaretten" haben wir in der Redaktion binnen weniger Tage verschlungen – und dann war die Enttäuschung natürlich groß, dass es jetzt wieder Warten heißt, bis ein neuer Erzählband von Ferdinand von Schirach herauskommt. Diesen Sommer hat mit "Nachmittage" das Warten ein Ende. Diesmal führen uns die Geschichten der Protagonist*innen von Oslo nach Berlin, Tokio, Zürich und um die halbe Welt. Es geht um gute und schlechte Entscheidungen, den Zufall, um Kunst und Kultur, die Einsamkeit und natürlich um die Liebe.

Erscheint am 24.08.2022 im Luchterhand Verlag | 176 Seiten | 22 Euro | Mehr Info

© Luchterhand Verlag

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