Lockdown Diaries – Wie Kulturschaffende am Theater mit der großen Krise umgehen

Was machen eigentlich all die Menschen, die sonst das kulturelle Leben in unseren Städten bereichern, jetzt mit ihrer – unfreiwillig – neu gewonnen Zeit? Was tun Schauspieler*innen und Tänzer*innen, die für gewöhnlich auf der Bühne stehen, aber momentan quasi "arbeitslos" sind? Theatersäle werden zu den letzten Orten gehören, die irgendwann, wenn das hier alles vorbei ist, wieder öffnen können. Wann das sein wird, kann im Moment niemand voraussagen. Genau deshalb sind die Theater, insbesondere die Privattheater, jetzt auf unbürokratische und schnelle Hilfsmaßnahmen angewiesen, weil es sonst zu einem massiven Theatersterben kommen kann. 

Wir wollen uns nach fünf Wochen Lockdown einen persönlichen Überblick der Lage der Kulturschaffenden am Theater in den Großstädten verschaffen, andererseits aber auch versuchen, ein positives Bild für die Zeit nach Corona zu zeichnen. Welche Alternativen gibt es für Kulturschaffende derzeit? Was lässt sie hoffen? Worauf freuen sie sich jetzt schon am meisten, wenn das alles vorbei ist? Und welche positiven Veränderungen birgt so eine Krise? Sylvana, Lili und Alina haben mit uns gesprochen.

Sylvana Seddig, Ensemble-Mitglied an der Volksbühne Berlin

Sylvana Seddig | © Jeanne Degraa

Sylvana Seddig arbeitet an der Volksbühne in Berlin, die – wie alle Theater momentan – auf unbestimmte Zeit geschlossen bleibt. Normalerweise steht Sylvana abends als Schauspielerin und Tänzerin auf der Bühne. Manchmal spielt sie auch am Thalia Theater in Hamburg oder dem Schauspiel in Köln. Momentan ist das alles nicht mehr möglich. Was bedeutet das für sie? "Da ich festes Ensemble-Mitglied der Volksbühne Berlin bin, habe ich das große Glück keine existentiellen Nöte zu haben, sodass ich diese Zeit gerade als sehr kreativ und aufregend begreifen darf. Da bin ich sehr privilegiert und versuche, mein Möglichstes zu tun, um etwas Leichtigkeit in mein Umfeld und die Welt zu bringen", erzählt uns Sylvana. 

Ein guter Punkt, denn wer eine Festanstellung hat, kann sich bis dato noch über Wasser halten. Wer allerdings kein festes Engagement hat, für den sieht die Lage doch schon ernster aus. Aber Sylvana fehlt die Bühne, der regelmäßige Kontakt und Austausch mit ihren Kolleg*innen bei den Proben und mit dem Publikum, denn das alles ist existenziell für das Theaterspielen und gehört zu ihrem Beruf. "In der Tat war mir nie so bewusst, wie sehr mein Beruf auf menschlicher Nähe gründet. Ich habe gemeint, dass die inhaltliche Arbeit, die Auseinandersetzung mit Gedanken, Texten eine ebenso wichtige Rolle spielt. Aber ohne zwischenmenschliche, körperliche Nähe existiert das Theater im traditionellen Sinne nicht".

Ohne zwischenmenschliche, körperliche Nähe existiert das Theater im traditionellen Sinne nicht.
Sylvana Seddig, Schauspielerin

Auch privat stellt eine Ausnahmesituation wie diese Künstler*innen vor Unsicherheiten und neue Herausforderungen. "Vielleicht haben wir als Kreative oder auch speziell als Schauspieler*innen sowieso recht viel Erfahrung mit wenig Geld, vielen Absagen, Ablehnung und einer Ungewissheit und Unplanbarkeit. Das trägt vielleicht gerade zu einer gewissen Depressions- und Angstresistenz bei", findet Sylvana. "Sobald materieller Konsum wieder möglich ist, muss Kulturkonsum aber auch wieder möglich sein. Sonst kommt es zu einer Disbalance, die ich auf politischer und gesellschaftlicher Ebene für sehr gefährlich halte."

Doch Sylvana ist keine Skeptikerin, sie sieht auch Chancen für die Theater in der Krise: "Vielleicht wird ein bisschen weniger produziert werden, was ich aber persönlich eher eine positive Entwicklung fände. Wenn die Stadttheater nicht ganz so viele Premieren wie bisher pro Spielzeit rausbringen und dafür die Proben- und Entwicklungszeit verlängert wird, wäre das etwas, was sicherlich zu anderen Ergebnissen führen und der Umsetzung komplexerer Stoffe gerecht werden würde.“ Und weiter: „Im Grunde begreife ich diese Zeit der Pandemie als immense Chance, sich unabhängig zu machen. Unabhängig von der Idee, wir seien nur Künstler, wenn der Spielplan es uns vorgibt. Unabhängig vom Beifall und der Bestätigung. Unabhängig von Erfolg. Unabhängig vom Konsum von Kulturgütern und Dingen." Zur Zeit arbeitet Sylvana an vielen neuen Projekten, zum Beispiel an einem Hörspiel mit Henri Hüster, das im Homestudio produziert wurde, und am 26. April im Deutschlandfunk Radio zu hören sein wird. Außerdem feilt sie an einem Soloprojekt, das "Tanz on Demand" heißen soll. Ob der Antrag dafür von der Krise beeinflusst sein wird, weiß sie noch nicht. Man muss sich anpassen. Umdenken. Sylvana tut es.

Lili Wanner, Kostümbildnerin aus Hamburg

Lilli Wanner, Kostümbilderin

Lili Warner ist Kostümbildnerin und arbeitet produktions- und wechselweise an verschiedenen Theatern, hauptsächlich im deutschsprachigen Raum. Ihre letzte Produktion hat Ende Januar Premiere in Wien gefeiert. Danach sollte es eigentlich für die nächste Produktion nach Augsburg gehen. Doch dann kam Corona. Lili ist es gewohnt, immer wieder sehr intensive Arbeitsphasen zu haben, in der probefreien Zeit geht es etwas entspannter zu. "Daher hat mir zum Beispiel nicht so sehr die Tagesstruktur gefehlt, die jemand mit '9 to 5'-Job vielleicht vermisst. Ich bin es sowieso gewohnt, mir den Alltag zu Hause und die Zeit für Recherche oder Entwürfe selbst einzuteilen", erzählt uns Lili. Dennoch ist die aktuelle Situation natürlich alles andere als Alltag.

Wir fragen sie, ob sie sich Sorgen macht. „Ich hatte zu Beginn der Corona-Zeit schon viele Ängste. Die kamen, glaube ich, sehr durch das Ohnmachtsgefühl der ganzen Situation gegenüber. Keiner hat Vergleichswerte, kann in irgendeiner Form die Dauer abschätzen. Ich habe gemerkt, ich plane und koordiniere extrem gerne (kommt wahrscheinlich durch das viele Reisen im Job). Das geht jetzt nicht und hat mich am Anfang total verunsichert." In dieser Spielzeit wird es wahrscheinlich keine Aufführungen mehr geben, doch als Kostümbildnerin plant Lili schon weit im Voraus und hofft auf die nächste, die im September beginnt: "Ich bin zuversichtlich, dass meine nächste Spielzeit im Großen und Ganzen so stattfindet wie geplant. Da hat es sehr geholfen, dass ich mit einigen Häusern in den letzten Wochen – schon während der Schließzeiten – verhandelt habe. Solche positiven Signale sind von den Häusern gerade wahnsinnig wichtig." Wenn Lili das so erzählt, dann klingt es zumindest ein bisschen so, als rechnen die Theater damit, dass sie schon bald wieder proben können. 

Wie wird es sich anfühlen, zum ersten Mal wieder in einem vollbesetzten Zuschauerraum zu sitzen? Ohne Sicherheitsabstand, mit den üblichen Hustern im Publikum.
Lili Wanner, Kostümbildnerin

"Ich hoffe einfach, dass es nicht mehr zu lange dauert, bis zumindest Proben im kleinen Kreis erlaubt sind, damit wir endlich loslegen können. Mir fehlen einfach die Menschen! Einige Theater haben ja auch Online-Proben gestartet, das macht aber logischerweise nur einen sehr begrenzten Zeitraum über Sinn", ergänzt sie. Auf die Frage, worauf sie sich am meisten freut, wenn sie wieder ihrer Arbeit als Kostümbildnerin nachgehen darf, antwortet Lili, dass sie jetzt "schon sehr gespannt darauf ist, wie es sich anfühlen wird, zum ersten Mal wieder in einem vollbesetzten Zuschauerraum zu sitzen. Ohne Sicherheitsabstand, mit den üblichen Hustern im Publikum. Ob da ein Misstrauensgefühl bleibt oder die Freude, dass man es wieder darf, überwiegt?", fragt sich Lili.

Bis dahin will sie sich ihrem liegengebliebenen Papierkram widmen, handarbeiten, lesen, joggen, wahrscheinlich ihre Steuer eher fertig machen als sonst. "Aber ich finde es absolut bescheuert, aus dieser Zeit ein Selbstoptimierungs-Camp zu machen. Ich hab' neulich eine Werbe-E-Mail bekommen, da lautete die Überschrift 'Jetzt schon an den After-Lockdown-Body denken‘ – sowas macht mich wirklich wütend!"

Alina Wolff, Schauspielerin am Hans Otto Theater in Potsdam

Hans Otto Theater Potsdam | Schauspielerin Alina Wolff

Alina Wolf ist ebenfalls Schauspielerin und hat ein festes Engagement am Hans Otto Theater in Potsdam. "Dank fester Anstellung verdiene ich meine unüppige Monatsgage. Noch.", erzählt sie uns. Einen Tag, bevor sie und ihre Kolleg*innen im März die Premiere von Philipp Löhles "Die Mitwisser" feiern wollten, musste das Theater schließen. Sechs Wochen haben sie geprobt, konnten dann aber nicht mehr auf die Bühne. Seitdem ist Alina, wie all ihre Schauspielkolleg*innen, zu Hause.

Wie hat sie die letzten fünf Wochen erlebt? "Als sehr aufwühlend, aber auch als große Einkehr zur Ruhe. Ein bisschen Weltuntergangsstimmung ist auch dabei. Mir ist nie langweilig, dennoch packt mich manchmal der Rappel und die Sehnsucht nach wieder richtig Arbeiten, Spielen und Proben ist groß", antwortet sie. Deshalb vertreibt sie sich momentan die Zeit hauptsächlich mit Texten. "Wir machen so kleine Online-Lesungen, die an leeren Orten im Theater aufgezeichnet werden. Heute habe ich Texte von Wolfgang Borchert auf einem fahrbaren Personenlift auf der großen Bühne gelesen. Und ich versuche meinen Körper, meinen Geist beweglich zu halten, damit das Handwerk nicht verloren geht."

So eine Krise schafft auch Raum für Neues, Ungeahntes. Hoffentlich denken wir alle darüber nach, wie wir leben und miteinander umgehen wollen.
Alina Wolff, Schauspielerin

Bei aller Wehmut, sieht Alina die freien Abende auch als ein Geschenk an, weil sie die eben sonst nicht hat. Am liebsten würde sie dennoch gleich morgen wieder auf die Bühne zurückkehren und spielen, denn ihr fehlt das Unmittelbare. „Der Austausch mit den Kollegen, dem Publikum. Den ursprünglichen Theatermoment kann man nur gemeinsam just in den Momenten in einem Raum erleben. Das muss wiederkommen.“ Wir sprechen darüber, ob man in so einer erzwungenen Pause auch irgendetwas Positives sehen kann? Kann das Theater aus der Krise lernen? Vielleicht sogar Neues erschaffen? Ja, vielleicht. „Vielleicht reden wir über neue Theaterformen? Maskentheater? Isoliert spielen in Glaskästen? Hoffentlich ganz bald wieder mit aller Nähe inklusive Kämpfen, Schlammschlachten und Knutschereien“, antwortet Alina.

Aber die Gefahr, dass die ohnehin schon angeschlagenen Theater mit großen Schäden aus dieser Krise gehen, umtreibt sie ebenso. "Hoffentlich wird unsere einzigartige Kulturlandschaft nicht zu stark bedroht danach, da Länder und Kommunen zum Sparen gezwungen sein werden. Es soll kein neues Theatersterben geben!" und weiter „ich solidarisiere deshalb sehr mit allen freischaffenden Künstlern und Kulturschaffenden. Sie brauchen dringendste Unterstützung. All mein Respekt und Hochachtung vor ihrem langen Atem". Doch was können wir alle tun, um die Vielzahl an Theatern zu retten, die unsere Städte so bunt, so vielfältig und attraktiv machen? „Selbst aktiv werden“, sagt Alina. „So eine Krise schafft auch Raum für Neues, Ungeahntes. Und hoffentlich denken wir alle darüber nach, wie wir leben und miteinander umgehen wollen.“ Oder um es mit Wolfgang Borcherts Worten zu sagen: "Was morgen ist, auch wenn es Sorge ist, ich sage: Ja!"

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