Systemrelevant: Wir zeigen Frauen, die unser System am Laufen halten

© Miguel Bruna | Unsplash

Jetzt, in der Krise, zeigt sich, dass viele Bereiche des öffentlichen sowie sozialen Lebens unverzichtbar sind und dass Menschen, die in sogenannten systemrelevanten Berufsgruppen arbeiten, dringender denn je gebraucht werden. Wenn wir von systemrelevanten Berufen reden, sollten wir aber auch darüber sprechen, dass diese Jobs mehrheitlich von Frauen ausgeübt werden. Genau genommen machen sie 75 Prozent aller Beschäftigten in diesem Bereich aus. Frauen übernehmen einen Großteil der gesellschaftlichen Care-Arbeit, sie kümmern sich in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Kitas, Sozialeinrichtungen und Supermärkten um die Versorgung und Pflege von Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Und nicht selten sind sie dabei alleinerziehend, übernehmen parallel zum Job auch noch die Erziehungsarbeit, die Betreuung und zur Zeit den Unterricht der eigenen Kinder.

All diese systemrelevanten Berufe erhalten leider nicht das gesellschaftliche Ansehen, das ihnen gebührt, und sie werden oft unterdurchschnittlich bezahlt. Stichpunkt: Gender Pay Gap. Die "Diskrepanz zwischen gesellschaftlicher Unverzichtbarkeit und tatsächlicher Entlohnung", so betont es auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin in einer aktuellen Untersuchung, sei in Krisenzeiten besonders offensichtlich. Wir wollen dazu beitragen, dass diese Frauen nachhaltig und dauerhaft die Sichtbarkeit und gerechte Entlohnung bekommen, die sie verdienen. Wir möchten wissen, wer diese Frauen sind. Wir wollen ihnen zuhören. Wie geht es ihnen gerade? Welche Sorgen treiben sie aktuell um? Und was brauchen und wünschen sie sich für die Zukunft? Hört ihnen zu, denn sie haben einiges zu sagen. 

Wir haben mit 11 Frauen in systemrelevanten Berufen gesprochen und werden euch diese Woche jede von ihnen vorstellen. Den Anfang unserer Serie machen Katha, Nicole und Janine. Danke, dass ihr da seid und danke für eure Offenheit!

Katha, 34 Jahre alt, Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivmedizin

Katha, 34, Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivmedizin
Würden Menschen sich rücksichtsvoller verhalten, wenn sie wüssten, was es heißt als Patient*in auf einer Intensivstation zu liegen?

Wie geht es dir gerade?
Mir geht's gut, bisschen Mindfuck, wie allerdings vermutlich bei jeder*m gerade. Vieles fühlt sich anstrengend an, aber genauso herausfordernd. Ich versuche pragmatisch zu denken, als ob man da jetzt durchmüsste, weil danach etwas Besseres auf uns wartet. Am wichtigsten ist es für mich gerade, mir meinen Humor bei der ganzen Sache zu bewahren.

Woran denkst du, wenn du dich auf den Weg zur Arbeit machst?
Ich fahre mit dem Rad zur Arbeit, währenddessen höre ich Musik, um den Kopf so frei wie möglich zu bekommen. Auf dem Weg frage ich mich aber oft, ob Menschen sich rücksichtsvoller verhalten würden, wenn sie wüssten, was es heißt als Patient*in auf einer Intensivstation zu liegen.

Wie sieht dein Tagesablauf normalerweise aus?
Eigentlich nicht viel anders als im Moment auch. Ich arbeite schon immer im Schichtdienst, das bin ich gewohnt. Bisher arbeite ich auch noch nicht mehr als ich müsste, weil ich denke, dass unsere Station noch recht gut organisiert ist. Ich kann nicht für alle Krankenhäuser sprechen und weiß, dass es anderswo auch schlechter organisiert ist. Wir bekommen viel Unterstützung von Pflegepersonal aus anderen Fachbereichen und Normalstationen. Dass diese nicht in ein paar Tagen zum Intensivpersonal weitergebildet werden können, ist klar. Trotzdem können durch Umstrukturierungen die Arbeitsabläufe durch nichtfachliches Personal immens unterstützt werden. 

Was hat sich jetzt in der Krise verändert und wo liegen derzeit die großen Herausforderungen im Job für dich?
Ich arbeite schon seit mehr als zehn Jahre auf einer infektiologischen Intensivstation. Ich liebe meinen Job und gehe sehr gerne zur Arbeit. Auch in Zeiten wie diesen gehe ich sehr gerne dort hin. Ich bin im Umgang mit Patient*innen mit Infektionskrankheiten geübt, auch in Schutzausrüstung zu arbeiten, kenne ich. Deswegen hat sich meine Arbeit an sich kaum verändert. Dennoch ist unsere Station jetzt eine komplett neue Intensivstation. Das Patientenklientel und der Krankheitsverlauf sind neu für alle. Einerseits ist das herausfordernd und spannend, andererseits fehlen auch einfach viele Dinge, um alles richtig umsetzen zu können – hauptsächlich Fachpersonal und Materialien. Da gehen die politischen Vorstellungen und die Realität leider weit auseinander. Ich muss meine Arbeitsabläufe so umstrukturieren, dass ich so wenig Schutzausrüstung wie möglich pro Schicht verbrauche. Meine eigene Sicherheit am Arbeitsplatz hat höchste Priorität, dennoch trage ich in gleichem Maße die Sicherheit für meine zu betreuenden Patient*innen.

Welche Sorgen hast du?
Natürlich sorge ich mich um meine nächsten Angehörigen am meisten. Ich mache mir aber auch Sorgen, wie es wird, wenn zu viele Patient*innen intensivmedizinische Betreuung benötigen, es aber einfach nicht genügend Kapazitäten dafür gibt. Ich glaube, vielen ist einfach nicht bewusst, was es heißt als Patient*in auf der Intensivstation zu liegen. Es ist eine absolute Extremsituation für den*die Patient*in, ebenso wie für die Angehörigen. Die Situation ist oft sehr kritisch und es geht einfach um Leben und Tod und nicht darum, ob ein gebrochener Knochen wieder verheilt oder nicht. Dass neue Bettplätze geschaffen werden, reicht leider einfach nicht aus. Es braucht fachliches Personal für Intensivpatient*innen und das kann man meiner Meinung nach nicht binnen drei Tagen erlernen.

Was wünschst du dir für die Zukunft in deinem Job?
Ich wünsche mir Antikörper und natürlich mehr Geld. Mehr Geld habe ich mir aber auch schon davor gewünscht. Und Antikörper wünscht sich, glaube ich, jede*r – und sei es einfach nur zur Erleichterung und Gewissheit.

Nicole, 42 Jahre alt, Verkäuferin/ Kassiererin

© Anna Shvets | Pexels
Es gibt Kunden, die null Verständnis haben und uns natürlich die Schuld an den fehlenden Artikeln geben.

Wie geht es dir gerade?
Gesundheitlich geht es mir gut. Aber ich habe derzeit einen erhöhten Stressfaktor.

Woran denkst du, wenn du dich auf den Weg zur Arbeit machst?
Mir gehen viele Dinge durch den Kopf. Wie werden die Kunden heute drauf sein? Haben wir Toilettenpapier, Mehl und Desinfektionsmittel im Regal? Schaffe ich es heute, die vielen Stunden bei der Arbeit durchzuhalten, mich anschließend mit meiner Tochter an die vielen Hausaufgaben zu setzen und alles ohne Druck und Stress fertig zu stellen?

Was hat sich jetzt in der Krise verändert und wo liegen derzeit die größten Herausforderungen im Job für dich?
Der Unterricht fehlt und so muss man derzeit als Elternteil auch die Rolle des Lehrers übernehmen. Da fühlt man sich zeitweise überfordert – gerade, wenn man ausgepowert von einer langen Schicht nach Hause kommt. Leider gibt es auch Kunden im Geschäft, die null Verständnis haben und sich mächtig aufregen und uns natürlich die Schuld an den fehlenden Artikeln geben. Da wird leider lautstark diskutiert und man hört so einige Kraftausdrücke.

Wie kann man euch unterstützen?
Unterstützen kann man Menschen, die in systemrelevanten Berufen arbeiten, am besten mit Verständnis, einem Lob oder Dankeschön – und das tun wirklich auch sehr viele Kunden derzeit. Ich bin überrascht, wie viele es davon doch in Berlin gibt. Das gibt einem Auftrieb für die ganze Mühe und den Stress, den wir derzeit haben. Überwältigt waren wir, als eine Kundin neulich am Wochenende zwölf Tulpensträuße kaufte, dann anschließend damit zurück kam und jeder einzelnen Kassiererin einen Strauß als Dank überreichte. 

Was wünschst du dir für die Zukunft für deinen Beruf ?
Vielleicht überdenkt der ein oder andere durch diesen Artikel ja auch nochmal alles und zeigt demnächst etwas mehr Verständnis, wenn er einkaufen geht und eben momentan nicht alles wie gewohnt im Regal findet. Das ist mein Appell an die etwas "schwierigeren" Kunden. Aber, wir schaffen das! 

Janine, 30 Jahre alt, Examinierte Pflegefachkraft (Altenpflegerin)

Janine, 30 Jahre alt, Examinierte Pflegefachkraft (Altenpflegerin)
Ich wünsche mir, dass, wenn diese Krise vorbei ist, wir nicht wieder in Vergessenheit geraten.

Wie geht es dir gerade?
Jetzt gerade bin ich müde davon, auf der Arbeit ständig ein Lächeln auf dem Gesicht zu haben. Für die Bewohner und Kollegen Ruhe auszustrahlen und zu versuchen, diese ungewohnte Situation als neue Routine anzuerkennen. Meine eigenen Ängste und Sorgen beiseite zu schieben, mir die Unsicherheit in Bezug auf die Zukunft nicht anmerken zu lassen. Es zerrt sehr an den Kräften und wir stehen erst am Anfang.

Woran denkst du, wenn du dich auf den Weg zur Arbeit machst?
Auf dem Weg zur Arbeit, hoffe ich jeden Tag, dass es meinen Bewohnern sowie Kollegen gut geht und sich keiner mit dem Coronavirus infiziert hat.

Was hat sich jetzt in der Krise verändert und wo liegen derzeit die größten Herausforderungen im Job für dich?
Das derzeitige Kontaktverbot kann man natürlich in der Pflege von Menschen nicht einhalten. Nun sind wir dazu angehalten, immer, wenn wir den Abstand nicht einhalten können, einen Mundschutz zu tragen, um die Bewohner zu schützen und die Dauer des Kontaktes so kurz wie möglich zu halten. Das bedeutet, die Pflege wird auf das Notwendigste beschränkt. Angehörigen ist es zurzeit untersagt, die Einrichtung zu betreten und der Arzt kommt wirklich nur in Notfällen. Alle Mitarbeiter in der Pflege wurden in zwei Teams aufgeteilt, für die untereinander ebenfalls Kontaktverbot gilt, damit für den Fall, dass ein komplettes Team in Quarantäne muss, noch ein Team einsatzbereit ist und die Versorgung der Bewohner sicherstellen kann.

Was wünschst du dir für die Zukunft in deinem Beruf?
Ich wünsche mir, was sich wahrscheinlich alle schon seit Jahrzehnten aus der Pflege wünschen: Rahmenbedingungen, die eine menschenwürdige, ganzheitliche Versorgung zulassen, für die Bewohner und das Personal. Eine Entlohnung, für die man sich vielleicht – wenn man dann mal Freizeit hat – auch noch etwas leisten kann. Ich würde mir einfach wünschen, dass, wenn diese Krise vorbei ist, wir nicht wieder in Vergessenheit geraten.

Wie kann man euch am besten unterstützen?
Bleibt zu Hause. Verhaltet euch so, als seid ihr potenziell infiziert und möchtet niemanden anstecken, betrachtet aber gleichzeitig andere Menschen als potenziell infektiös und schützt euch vor ihnen und denkt daran, dass jede öffentliche Fläche kontaminiert sein kann. Beschränkt den Kontakt auf das Notwendigste, haltet Abstand und wascht euch die Hände. Somit könnt ihr uns schützen und unterstützen, denn auch ohne das Virus haben wir genug zu tun.

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