Aus dem Verkehr gezogen: Das Ende des Flughafen Tegel

© Thomas Hauser

Eine Stadt wird ja nicht nur von ihren Bewohner*innen geprägt, sondern auch von ihrer Architektur. Besucher*innen empfinden Berlin zum Beispiel, im Positiven wie Negativen, immer als ein bisschen anders: dreckiger, grauer und lauter, aber auch kreativer, liberaler, eben auf seine Art und Weise einzigartig. Nicht so, wie sie es von zu Hause gewohnt sind. Und "ungewöhnlich" ist auch das Stichwort, wenn wir an den Flughafen Tegel denken, der gerade seine letzte Ehrenrunde dreht. Endgültig. Für immer.

Der graue, enge, viel zu kleine Betonklotz hat ausgedient. Er wird nahtlos durch einen knapp 40 Kilometer entfernten, größeren und moderneren Flughafen außerhalb der Stadtgrenze ersetzt. Die größte Errungenschaft des Neubaus ist bislang aber nicht seine Eröffnung, sondern dass er Berlin weltweit zum Gespött gemacht hat. Das wäre dem TXL-Airport nie passiert.

Das wäre dem TXL-Airport nie passiert

Tegel
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Typisch Berlin hat uns der Flughafen Tegel dann doch länger begleitet als gedacht: Eigentlich sollte der TXL schon 2012 seinen Betrieb einstellen und die Airlines komplett zum neuen Hauptstadtflughafen umziehen. Die Realität sah dann doch etwas anders aus.

Und ebenfalls typisch Berlin driften die Meinungen der Einheimischen in punkto TXL weit auseinander: Viele Anwohner*innen im Umfeld wollten ihn, geplagt vom Lärm der Starts und Landungen, schon längst aus dem Verkehr ziehen. Für viele andere wiederum war er durch seine zentrale Lage ein perfekter Airport.

Im Gate zu stehen und auf das Boarding zu warten war nicht der eigenen Coolness geschuldet, sondern den mangelnden Sitzmöglichkeiten

Klar, den TXL zu lieben war nicht immer ganz so einfach. Schon die Anfahrt konnte, eingepfercht in den Flughafenbus, zur Tortur werden. Die Wartezeiten in der Gepäckaufgabe ebenfalls. Komfort in der Abflugzone war im TXL so oder so ein dauerhaftes Fremdwort: Im Gate zu stehen und auf das Boarding zu warten war nicht der eigenen Coolness geschuldet, sondern den mangelnden Sitzmöglichkeiten.

Dafür entschädigte Tegel einen mit Vorteilen, den moderne Flughäfen sicher nicht haben: mit seiner zentralen Lage, der Übersichtlichkeit, den kurzen Wegen. Ankommen und in 3 Minuten am Gate stehen: Dafür war er bekannt. Zumindest im Hauptgebäude, der Fremdkörper Terminal C wirkte dagegen wie ein Provisorium, wie so vieles in Berlin.

Tegel
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Apropos Provisorium: Als ein solches beginnt ja auch die Geschichte des TXL. Als Notbehelf, um den heillos überforderten Flughafen Tempelhof zu entlasten und die Bewohner*innen der Stadt mit dem Nötigsten, also Lebensmitteln oder auch warmer Kleidung, zu versorgen. Die von den Sowjets errichtete Blockade West-Berlins machte diesen Schritt überlebensnotwendig.

Ein neues Flugfeld wurde gebraucht und hier war der perfekte Ort dazu. In knapp 90 Tagen war es fertiggestellt und nutzbar. Die "Berliner Luftbrücke" ist heute ein Begriff, der für immer mit unserer Geschichte verbunden sein wird und der Flughafen Tegel mit der wichtigste Ort, der ihn geprägt hat. Ein Ort der Hoffnung zu Zeiten, als es diesem Land nicht besonders gut ging. Ein Provisorium, um Menschenleben zu retten.

Ein Ort der Hoffnung zu Zeiten, als es diesem Land nicht besonders gut ging
Tegel
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In den 1960er und 70er Jahren war aus der Übergangslösung längst eine Institution geworden. In diesen Jahren entstand auch diese einmalige Optik, die sich irgendwo zwischen betongrauem Brutalismus und knalloranger Pop Art verorten lässt. Auch hier unterscheidet sich der TXL signifikant von anderen Flughäfen.

Ja, andere Airports dieser Zeit mögen ähnlich grau gestaltet sein und gleichzeitig besser funktioniert haben, in Sachen Style macht ihm aber keiner was vor. Deswegen war er auch in den letzten Wochen ein beliebtes Ausflugsziel vieler Berliner*innen, die sich gebührend von ihm verabschieden wollten. Auch wir haben ihm eine letzte Stippvisite, einen letzten Besuch abgestattet.

Irgendwo zwischen betongrauem Brutalismus und knalloranger Pop Art

Tegel
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Dass der Flughafen Tegel eigentlich einen größeren Abschied verdient gehabt hätte, wissen wir wohl alle. Die aktuelle Lage lässt es nicht zu. Doch wie so ziemlich jede*r Bewohner*in dieser Stadt ist er auch in meiner Erinnerung fest verankert.

Wie sehr man geflucht hat, wenn der Flughafenbus wieder völlig überfüllt war oder man im Gate endlos auf's Boarding warten musste. Die kurzen Wege, die langen Wartezeiten. Der ständige Stau auf dem Zubringer, die Unfähigkeit des Sicherheitspersonals.

Wie oft hier eine tolle Reise begann oder – mindestens genauso schön – wie häufig sich bei der Ankunft das Gefühl eingestellt hat, wieder zu Hause zu sein. Der TXL ist Berlin und wird es immer sein.

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