Shalom Berlin: Dieser neue Krimi spielt in Berlin & handelt von Antisemitismus, Angst und Gewalt

© Folkert Eilts

Vielleicht haben einige von euch den Bestseller "April im Paris" von Michael Wallner gelesen. Der Regisseur, Schauspieler und freie Autor Wallner lebt und arbeitet aktuell in der Hauptstadt. Und genau hier spielt auch sein neuester Kriminalroman "Shalom Berlin". In dem Auftaktband einer mehrteiligen Krimiserie geht es um den Ermittler und Leiter einer Berliner Spezialeinheit, Alain Liebermann.

Alain ist Jude, eben so wie Hanna Golden, eine Journalistin, mit der er liiert ist. Nachdem ein Artikel über die Schändung eines jüdischen Friedhofs von ihr veröffentlicht wurde, erhält Hanna Morddrohungen. Alain übernimmt den Fall. Was zunächst mit "harmlosen" Worten beginnt, nimmt bald Fahrt auf und droht zu eskalieren, denn es folgen mysteriöse Taten und offenbar auch eine Vernetzung der Vorfälle bis hin in die Berliner Spitzenpolitik. Aber auch die persönliche, jüdische Familiengeschichte Alains scheint eine Rolle zu spielen.

Wer auf Krimis steht, für den dürfte "Shalom Berlin" genau das Richtige sein. Die Story ist aufwühlend und packend erzählt. Sie handelt von Antisemitismus, Angst und Gewalt und ist damit leider auch wieder sehr aktuell. Bei uns könnt ihr hier schon mal ein Probekapitel aus Michael Wallners neuem Kriminalroman lesen.

Auszug aus Michael Wallners Kriminalroman "Shalom Berlin"

Kapitel 3, St. Hedwig

Hanna wollte mit Leon etwas unternehmen. Leon dagegen wollte arbeiten. Das nannte man einen Konflikt. Leon studierte Kunst und Design. Den halben Tag lang arbeitete er jetzt schon an seinem neuen Projekt. Hanna hatte sich nicht beklagt. Einmal war er kurz aus dem Zimmer gekommen, um sich einen Kaffee zu holen, und war wieder verschwunden. Hanna hatte sich nicht beklagt.

Mittlerweile verzog sich die Sonne hinter dem Haus. Hanna wollte mit Leon im Sonnenschein essen und hatte deshalb auf dem Balkon gedeckt. Jetzt reichte es. Sie ging in ihr Arbeitszimmer, das Leon als sein Arbeitszimmer annektierte. Leon hatte eine eigene Wohnung in Berlin, aber wenn er da war, wohnte er bei Hanna. Leon besaß Geld. Seine Mutter besaß Geld. Leon studierte Kunst in London. Er war nur ein Jahr jünger als Hanna, aber er studierte immer noch.

Zunächst hatte er Grafikdesign in Barcelona belegt, es gefiel ihm nicht. Er wollte lieber Komponist werden, doch dafür fehlte ihm das nötige Talent. Mittlerweile versuchte er sich als bildender Künstler. Seine derzeitige Leidenschaft waren Collagen, übermalte Fotos, verzerrte Gesichter und Körper, in grelle Farben getaucht. Leon brauchte viel Verständnis, er forderte Verständnis, und Hanna war jemand, der eine Menge Verständnis für jemanden aufbrachte, in den sie verliebt war.

»So ein schöner Tag«, sagte sie in der Tür zu ihrem Arbeitszimmer. »Hast du nicht allmählich genug gearbeitet? Lass uns rausgehen.« Ganz lieb trug sie das vor, mit Heiterkeit in der Stimme, ohne Druck aufzubauen.

Leon sog die Luft ein, ein hartes, scharfes Geräusch. Es war sein Zeichen, dass Hanna ihn zur Unzeit störte.

»Ich mag nicht den ganzen Tag auf dich warten«, hakte sie trotzdem nach. »Den ganzen Tag? Es ist grade mal drei.« »Die Sonne verschwindet gleich. Übermorgen musst du wieder zurück nach London. Wir haben gar nichts voneinander.«

Hörte sich das weinerlich an oder flehentlich? Klammerte Hanna etwa? Hatte es etwas Bedürftiges, wenn sie ihn anbettelte, bei ihr zu sein, bevor er wieder ins tolle kreative London entschwinden würde?

»Ich habe nämlich auch noch einiges zu tun«, setzte sie hinzu, um ihren Stolz zu wahren. Hannas Artikel über die Schändung des jüdischen Friedhofs hatte Aufsehen erregt, was ihre Redaktion aber nicht veranlasste, sie weiterhin mit ähnlich herausfordernden Aufgaben zu betrauen.

Ihr derzeitiges Feature, kalorienarme Sommerrezepte mit Fenchel, konnte warten, bis Leon abgereist war. Das brauchte er allerdings nicht zu wissen.

»Gib mir noch zwanzig Minuten.« Er wandte den Blick nicht von der Fotocollage.

»Deine zwanzig Minuten bedeuten mindestens eine Stunde.« »Schau auf die Uhr. Um Viertel vor mache ich die Klappe zu, versprochen.« »Viertel vor. Ich nehm dich beim Wort.«

Sie lächelte, froh, dass sie bei ihm etwas erreicht hatte. Sie kehrte in die Küche zurück und gab dem Hund sein Fressen. Während sie die Dose öffnete, drehte sich die Spanieldame aufgeregt im Kreis.

»Ja, du bist auch ein Mädchen, das zu wenig Beachtung kriegt, stimmt’s?« Hanna streichelte Ramona. »Du bist ein braves Mädchen.«

Ramona winselte und fraß. Hanna freute sich darauf, nach dem Essen mit Leon und Ramona einen langen Spaziergang zu machen, zur Museumsinsel und an der Spree entlang.

Sie setzte sich an den Küchentisch und holte ihren Laptop aus dem Ruhezustand. Fünf E-Mails waren eingegangen, sie kamen von ein und demselben Absender. Die Adresse war ihr unbekannt. Trotzdem waren die Nachrichten nicht im Spam gelandet. Hanna öffnete die erste E-Mail. Die Betreffzeile klang vielversprechend: Die Quelle des Rassismus.

»Alain?«
»Ja.«
»Wann kommst du?«
»So schnell ich kann.«
»Du hättest vor einer Viertelstunde hier sein sollen«, sagte Velkan am Telefon.
»Mir ist etwas dazwischengekommen.«

Alain bedeutete der Frau, die vor ihm auf dem Pflaster lag, sich nicht vom Fleck zu rühren.

»Mir ist doch gar nichts passiert«, flüsterte die Frau auf dem Pflaster, um Alains Telefonat nicht zu stören. Sie kam auf die Knie hoch.

Er hielt das Handy zu.

»Bitte laufen Sie nicht weg.«

»Ich habe einen Termin.«

»Ich auch.«

»Warum können wir nicht einfach sagen, es sei nichts passiert?« Die Frau untersuchte den Riss an ihrem Blusenärmel.

»Weil ich die Dinge so nicht regeln darf«, antwortete er. »Ich darf Sie nicht einfach weitergehen lassen, verstehen Sie? Ich bin von der Polizei.«

»Wirklich?«

Die Frau, die gerade von Alain angefahren worden war, lächelte. »Na, ich hab ja vielleicht ein Glück.«

Alains Motorrad lag auf der Seite. Benzin trat aus. Seine Jeans war voll Öl, er blutete am Oberschenkel. Die rechte Socke war angesengt, weil der heiße Auspuff auf seinem Fuß gelandet war. Im letzten Moment hatte er die Maschine herumgerissen und durch seinen Sturz verhindert, dass er die Passantin überfuhr.

»Hallo?«, machte Velkan am anderen Ende auf sich aufmerksam.

»Hier ist eine Frau für dich.«

»Hier ist auch eine Frau.« Alain biss die Zähne zusammen. Sein Knöchel tat weh.

»Aber die Frau hier hat einen Termin mit dir.«

»Wie heißt sie?«

»Wie heißen Sie?«, fragte Velkan jemanden am anderen Ende.

»Sie sagt, sie heißt Hanna Golden.«

»Ja, richtig, ich weiß. Sag ihr, ich komme so schnell, wie ich kann. Sie soll warten. Oder noch besser, jemand vom Team soll mit ihr reden.«

»Das will sie nicht. Sie sagt, sie hat dich im Fernsehen gesehen und will mit dir sprechen.«

»Okay, ja, okay«, brach es aus Alain hervor. Sein dummes Statement auf der Pressekonferenz war im Ersten und im Zweiten gesendet worden. Er hätte besser die Klappe gehalten.

»Ich bin gleich da.«

Alain unterbrach die Leitung, wählte die Nummer der Polizeiwachstube Brunnenstraße und informierte die Kollegen, dass ein Notarzt gebraucht werde. Danach trat er zu der Frau auf dem Pflaster.

»Wie geht es Ihnen?« Er musterte ihre zerrissene Bluse.

»Halb so schlimm.«

Vorsichtig kam sie auf die Beine. Als sie sich bückte, um ihre Handtasche aufzuheben, wurde ihr schwindlig. Sie machte ein paar unbeholfene Schritte und setzte sich zitternd wieder auf den Boden. Alain bettete ihren Kopf auf seine Lederjacke und legte ihre Beine auf seinen Motorradhelm.

»Nicht bewegen.«

Sein Blick fiel auf die Schaulustigen, die in der schwach befahrenen Straße stehen geblieben waren. »Soll ich einen Krankenwagen rufen?«, fragte einer.

»Ist schon unterwegs.« Er beugte sich zu der Frau.

»Wir bringen Sie ins Krankenhaus.«

Als sie protestierte, drückte er sie sanft zu Boden. Aus außergewöhnlich blauen Augen sah sie ihn an.

»Was sind denn Sie für ein seltener Samariter?«

Alain bemerkte, dass die dunkle Lache um sein Motorrad größer wurde. Der Krankenwagen brachte die verunglückte Frau nicht in die Charité, sondern in das kleinere St.-Hedwig-Spital. Versteckt lag es in der Großen Hamburger Straße und wirkte von außen wie ein Stiftskloster mitten in der Stadt. Es war das älteste katholische Krankenhaus Berlins. Hier gab es keine Pförtner, sondern Nonnen, keine Krankenschwestern, sondern Ordensschwestern. Dieser Ort hatte Alain damals sofort für sich eingenommen.

»Hier ist es gut«, hatte er zu Lea gesagt. Es war Leas letzte Station gewesen. Sie und er wurden zusammen in St. Hedwig heimisch. Die Nonnen erlaubten, dass Alain blieb. Ein Feldbett, der Blick ins Grüne, vier Wochen lang verließ er das Spital nicht. Bis zuletzt. Während Alain darauf wartete, dass die Frau, die er angefahren hatte, vom Röntgen kam, lief er telefonierend durch die Gänge von St. Hedwig und war dabei, seine Termine zu verschieben.

Er hatte Leas Zimmer nicht gesucht, das Zimmer fand ihn. Eine andere Erklärung gab es nicht. Dort war die Ärztetoilette, wie immer verschlossen, hier die Holzbank für Besucher, mit Blick auf die Birke im Innenhof. Das Handy in seiner Hand sank herab, mitten im Satz, mitten im Wort. Gerade hatte er noch einen Auftrag erteilt, gerade war er noch unter den Lebenden gewesen. Jetzt nicht mehr. Alain stand vor Leas Sterbezimmer. Er trat näher, drückte die Klinke, trat ein. Lea, dachte er. Das Zimmer war leer, die Matratze aufgerollt. Nichts erinnerte an Lea. Alles erinnerte ihn an sie.

Dort in der Ecke hatte seine Notliege gestanden. Über dem Krankenbett baumelte der Galgen. An diesem Plastikgriff hatte sie sich hochgezogen. In der letzten Woche besaß sie kaum noch die Kraft, ihre Hand zu heben. Alain umfasste den kalten grauen Kunststoff. Die Tränen kamen so schnell, dass er nicht wusste, mit welcher Hand er sie abwischen sollte. Links das Handy, rechts der Galgen.

»Was machen Sie hier?« Sie stand in der Tür. Im Krankenhaus trugen die Nonnen Weiß.

»Das ist Leas Zimmer.«

Er drehte sich um. Sie strahlte nicht Güte aus, wie man es von einer Nonne erwarten würde.

»Was ist mit Ihnen?«

»Das ist das Zimmer meiner Frau.«

»Ist Ihre Frau verlegt worden? Suchen Sie sie?«

»Ja. Ich suche sie.«

»Wohin wurde sie verlegt?«

»Das weiß ich nicht.« Er schüttelte den Kopf. Die Nonne zeigte auf sein Handy.

»Sie dürfen hier nicht telefonieren.«

»Entschuldigen Sie.« Er steckte es weg.

»Soll ich Ihnen helfen, Ihre Frau zu finden?«, fragte sie, obwohl man ihr ansah, dass sie Wichtigeres zu tun hatte.

»Danke, es geht schon«, antwortete Alain. Er zog die Nase hoch. Als er gleich darauf aus dem St.-Hedwig-Spital trat, hatte er die Frau vom Unfall völlig vergessen. In Leas Zimmer zu stehen und Lea nichts von dem Unfall erzählen zu können schmerzte ihn körperlich. Er würde es ihr trotzdem erzählen, später, heute Nacht. Er wusste, dass Lea nicht mehr da war, wusste, dass es nirgendwo einen Ort gab, an dem sie sich aufhielt. Trotzdem wäre Alain lieber mit Lea nirgendwo gewesen als irgendwo ohne sie.

Er erinnerte sich daran, dass die Synagoge gleich um die Ecke lag. Damals, als Lea und er ins St. Hedwig gezogen waren, hatte sie das als Pluspunkt bezeichnet. »Ich sterbe zwar bei den Katholiken«, hatte sie gesagt, »aber unser Gott ist gleich um die Ecke.« Unser Gott. Mit gebeugten Schultern schüttelte Alain den Kopf. Es hätte seine Großmutter gefreut, wenn er jetzt die Kippa aufgesetzt und in die Synagoge gegangen wäre. Aber Alain wollte niemanden mit seinen Angelegenheiten belästigen, nicht einmal Gott. Gott hatte mit dieser Angelegenheit nichts zu tun.

© Piper Verlag

Michael Wallner – Shalom Berlin | erschienen im Piper Verlag | 288 Seiten | 12,99 Euro | Mehr Info

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