Coming-out als Angsterkrankte: Wie ich gelernt habe, mit meiner Angst zu leben

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Antonia Wille arbeitet als Bloggerin und Journalistin in München. Seit ihrem elften Lebensjahr lebt sie mit Angststörungen. Früher, so erzählt sie, fühlte sie sich durch ihre Angst immer wieder zurückgeworfen, ging ständig in Konfrontation mit ihr, wollte sie unbedingt mit allen Mitteln bekämpfen. Doch das funktionierte irgendwann nicht mehr. Alles wurde nur noch schlimmer und endete irgendwann in Panikattacken. Wieso es es hier heute besser geht, wie sie ihren Alltag  jetzt gemeinsam mit ihrer Angst – die sie liebevoll Katja getauft hat – meistert und warum sie manchmal lieber verzichtet als sich zu überwinden, darüber spricht Antonia Wille nun erstmals in ihrem neuen Buch "Angstphase", das vor Kurzem im Piper Verlag erschienen ist.

Damit ihr schon mal einen kleinen Vorgeschmack von Antonia Willes Geschichte bekommt, könnt ihr hier exklusiv einen Auszug aus "Angstphase" lesen:

Auszug aus Antonia Willes "Angstphase"

Kapitel 6

Die Arbeit stapelt sich, ich bin gestresst und ausgelaugt. Als freiberufliche Journalistin und Bloggerin ist mein Tagespensum hoch. Die Angst begleitet mich immer noch, die letzten Jahre war sie aber stiller, zurückhaltender. Katja sagt zwar hin und wieder noch Hallo, doch ich habe gelernt, mit ihr umzugehen, sie wegzuschieben. Auch in diesen Tagen im Herbst 2017 klopft sie manchmal leise an die Tür, doch ich höre nicht hin. Es ist ein sonniger Tag im Oktober, als ich beschließe, zwischen Abgabeterminen und einer Abendveranstaltung Laufen zu gehen. Sport entspannt und baut Stress ab. Außerdem will ich endlich wieder fitter werden. Ich schnüre meine Laufschuhe und jogge los in Richtung Isar.

Zehn Minuten sind es bis zu dem kleinen Waldweg, der mich zum Fluss führt. Dann muss ich nur über eine Brücke, entlang der Isar zurück zur nächsten Brücke, und schon habe ich meine sieben Kilometer geschafft. Doch ich bin erst wenige Minuten unterwegs, als sich meine Füße verkrampfen. »Das darf doch jetzt nicht wahr sein«, denke ich. Mein Bauch sagt abbrechen, aber mein Kopf ist so auf Leistung programmiert, dass ich meinen Körper weitertreibe. Weiterlaufen, das Pensum schaffen, ich will stolz auf mich sein. Während ich im Kopf meine To-do-Liste durchgehe, überlege, was ich nach der Laufeinheit zu erledigen habe, nehmen die Schmerzen in meinen Füßen zu. Ich ignoriere das Stechen in der Fußsohle, laufe weiter auf der Brücke an den sich stauenden Autos vorbei, schnell runter zur Isar, dann verschwindet auch der Lärm.

Mein Bauch sagt abbrechen, aber mein Kopf ist so auf Leistung programmiert
Antonia Wille

 

Ich laufe schneller, möchte meine Runde so bald wie möglich beenden. Die Sonne blendet mich, aus dem Augenwinkel sehe ich Spaziergänger*innen, die für ihre Hunde Stöckchen werfen. Ich setze einen Fuß vor den anderen, der Weg verschwimmt vor meinen Augen, als sie plötzlich da ist. Katja läuft neben mir. »Na, wie geht’s dir?« Sie lacht mich hämisch an. »Ganz schön warm heute, nicht?« Ich versuche, sie  zu ignorieren, aber sie hat recht. Es ist warm, ich bin zu warm angezogen. Ich laufe weiter, schiebe meine Ärmel aber langsam nach oben und rechne im Kopf durch, wie lange es noch dauert, bis ich an der nächsten Brücke bin und wieder in  der Nähe einer Straße. »Das dauert noch«, erklärt Katja. »Hier an der Isar bist du jetzt ganz allein. Stell dir vor, dir wird schlecht, dann kann dir niemand helfen«, sagt sie mitleidig.

Prompt überkommt mich leichte Panik. Ich bleibe stehen, atme tief durch, versuche, mich zu beruhigen. Doch meine Beine werden weich, auch der Boden fühlt sich plötzlich anders, falsch an. »O Gott, bitte nicht«, denke ich. Mein Körper schaltet in den Fluchtmodus. Bloß weg hier. Ich spüre eine nahende Ohnmacht. Ich renne wieder los, nur um wenige Sekunden später erneut anzuhalten. »Läufst du jetzt endlich weiter? Oder vielleicht doch lieber zurück?«, witzelt Katja neben mir. Ich bin ratlos. Mir wird schwindelig. Ich bin überzeugt, gleich hier auf der Stelle umzufallen. Der Weg bis zur nächsten Brücke scheint mir unendlich weit, ich bin sicher, ich schaffe es auf keinen Fall bis dorthin. Doch auch der Weg zurück wirkt endlos, außerdem der Stau, die Autos, selbst die Bäume entlang des Flusses wirken auf einmal bedrohlich. Meine Wohnung ist meilenweit entfernt. Ich habe Angst, nie wieder nach Hause in Sicherheit zu kommen. Meine Augen fangen an zu brennen, die Luft um mich flirrt. Ich atme schneller.

Ich bin ratlos. Mir wird schwindelig. Ich bin überzeugt, gleich hier auf der Stelle umzufallen.
Antonia Wille

Hektisch krame ich mein Handy hervor, doch ich kann nicht mal jemanden anrufen, weil meine Hände so zittern. Meine Umgebung nehme ich nur noch wie in einem Film wahr. »Du bist ganz allein«, sagt Katja und hüpft glücklich vor mir auf und ab. Die Übelkeit kämpft sich an die Oberfläche, meine Füße krampfen weiter, mein Herz klopft wild. Wie bei einem ängstlichen Tier setzt der Fluchtreflex jetzt mit voller Kraft ein, ich atme schwer, renne los Richtung Brücke, drehe um und laufe doch zurück auf die Straße zu. Im Zickzackkurs auf der Flucht. Ich habe Todesangst. Plötzlich taucht neben mir ein Hund auf. Oder etwa doch nicht? Aus dem Augenwinkel beobachte ich das Tier, das neben mir läuft, mich verfolgt und mit einem Mal verschwunden ist. Ich blicke mich um, doch von einem Hund ist nichts zu sehen. Habe ich mir das alles gerade nur eingebildet?

Schweißperlen bilden sich auf meiner Stirn. Ich habe das Gefühl, verrückt zu werden. Um mich nur noch Rauschen, in mir Übelkeit. Meine Muskeln zittern, ich versuche, tief ein- und auszuatmen, während es mir den Hals weiter zuschnürt. Ich darf jetzt keine Panik bekommen, sonst werde ich das wirklich nicht überleben. Ich will das nicht. Katja joggt fröhlich neben mir her. »Ha, ich habe dir doch schon heute Morgen gesagt, dass du lieber daheimbleiben solltest. Aber du hörst ja nie auf mich.« Ich schüttle den Kopf, Tränen laufen mir die Wangen hinab. Ich ärgere mich. Ich hätte Katja abschütteln und weiterlaufen sollen. Mich der Angst stellen, denn rational weiß ich, dass mir nichts passieren kann. Doch das Gefühl, das mich gerade beherrscht, ist stärker. Flucht. Weg. Ich will nur noch fort von hier. Mich in Sicherheit bringen. Der Weg zurück fühlt sich wie Versagen an. Ich mache einen Schritt nach dem anderen. Immer weiter, nach Hause. Tief einatmen, nur nicht ohnmächtig werden. Dabei weiß ich gar nicht, wie sich eine Ohnmacht anfühlen würde. Fühlt sie sich so an? Umgekippt bin ich noch nie, trotzdem bin ich überzeugt, dass mir das hier, ganz alleine in der Hitze, jeden Moment passieren wird.

Ich zweifle das erste Mal an meinem Verstand
Antonia Wille

Dass es das schlimmste Erlebnis aller Zeiten sein wird. Ein Danach gibt es nicht. Meine Seele weigert sich, rational weiterzudenken. Dieses schreckliche Gefühl stellt alles auf den  Kopf, knüllt mein gesamtes Ich zusammen, meine Seele rebelliert, mein Körper kauert verwirrt und völlig verängstigt in einer Ecke, aus der ich ihn nur ganz langsam befreien kann. Ich zähle Baum für Baum, meine Füße tragen mich voran, während ich versuche, meine Gedanken auf etwas anderes zu lenken. Mit zitternden Beinen erreiche ich die Brücke, ziehe meinen schweren Körper Schritt für Schritt weiter. So muss sich Sterben anfühlen. »Tut es, tut es«, schreit mir Katja wie aus weiter Ferne und doch ganz nah ins Ohr. Ich ignoriere sie, so gut es geht. Ich gehe jetzt ganz langsam, rede mir dabei gut zu und erreiche schon bald den Waldweg, der mich wieder näher zu meiner Wohnung führt.

Im Schatten der Bäume flacht die Panik langsam ab. Katja ist auch langsamer geworden, ein paar Meter hinter mir bleibt sie schließlich ganz stehen und ruft mir laut zu: »Bis ganz bald, Schätzchen.« Erschöpft setze ich mich auf eine Bank. Ich atme tief durch. Mein Körper und meine Seele sind wieder eins. Doch was zur Hölle war das gerade? Nur langsam beruhigt sich mein Puls, ich zittere am ganzen Körper. Müdigkeit macht sich breit. Immer wieder denke ich an den Hund, der plötzlich hinter mir aufgetaucht ist. War er wirklich da? Oder war er nur eine Ausgeburt meiner Fantasie, meiner Panik? Ich bin mir nicht mehr sicher. Ich zweifle das erste Mal an meinem Verstand. Ich fühle mich so schrecklich wie noch nie. Ich möchte nur noch heim, in Sicherheit sein. Ich stehe auf und gehe ganz langsam, Schritt für Schritt nach Hause.

Kapitel 7

»Herzlichen Glückwunsch, das war Ihre erste richtige Panikattacke«, gratuliert mir mein Therapeut eine Woche später. Schockiert starre ich ihn an. Ich bin einunddreißig Jahre alt, leide seit meinem elften Lebensjahr an einer Angststörung und darf mich jetzt auch noch dem Klub der Panikattackengeplagten anschließen. Dass ich es bisher »nur« mit Angstgefühlen zu tun hatte, daran hatte ich mich gewöhnt. Panikattacken waren mir fremd – und es wäre gelogen, würde ich behaupten, nicht ein bisschen stolz darauf gewesen zu sein. Es machte mich in meinen Augen ein bisschen weniger verrückt. Tja, das ist dann wohl Geschichte. »Warum kommt denn das jetzt auch noch?«, frage ich ihn verstört. Jahrelang lebe ich schon mit Angstgefühlen, meine Welt ist unsicher und gefährlich, doch ich möchte fast sagen, die Panikattacke an der Isar war ein anderes Level. So hilflos und schrecklich habe ich mich mein ganzes Leben noch nicht gefühlt. »Ich will das nie wieder erleben. Das war extrem schlimm.« Er nickt. Als ich ihm stockend und ein bisschen beschämt von dem Hund erzähle, von dem ich mich erst verfolgt gefühlt habe, danach nicht einmal sicher war, ob er überhaupt da war, runzelt er die Stirn.

Ich kann sie nicht wegschieben. Ich muss ihr zuhören, richtig? Katja und ich – wir müssen Freundinnen werden.
Antonia Wille

»Es kann schon sein, dass Sie sich den Hund tatsächlich nur eingebildet haben, solche Halluzinationen kommen schon mal vor bei einer ausgewachsenen Panikattacke.« Später sprechen wir über das Warum. Dass Stress, mein Anspruch an mich selbst und das Übergehen der eigenen Bedürfnisse zugunsten von Leistung und Ehrgeiz zu meiner Angst – und diesmal zu einer Panikattacke – geführt haben. »Sie haben nicht auf die Anzeichen gehört, Sie hätten schon bei den Krämpfen im Fuß aufhören sollen.« Diesmal nicke ich. Er hat recht. »Die Panikattacke kam nicht einfach so aus dem Nichts, auch wenn es sich so angefühlt haben mag, sie hat sich im Voraus angekündigt, Sie wollten es nur nicht wahrhaben.« Wieder nicke ich stumm. Es ist der Tag, an dem ich umzudenken lerne. Über die Jahre habe ich viel über Angst gelernt, doch erst dieses Horrorerlebnis führt dazu, dass ich die Angst nicht mehr nur verdränge, sondern sie ernst nehme. »Ich kann sie nicht wegschieben. Ich muss ihr zuhören, richtig?« Mein Therapeut nickt ernst. Katja und ich – wir müssen Freundinnen werden. »Na, großartig.«

© Piper Verlag
Antonia Wille – Angstphase | erschienen im Piper Verlag | 240 Seiten | 16 Euro | Mehr Info
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