Über Leichtsinn und Leichtigkeit: Was von 2020 bleibt

© Marit Blossey

März 2020. Ich schaue Filme, in denen gefeiert wird, und es lässt mich nostalgisch werden: Wie schön es war, als man fast fremde Menschen noch einfach so umarmen konnte. Als man noch spontan fünf Leute einladen konnte, die zwei weitere mitbringen. Als man nach einem guten Wochenende manchmal drei neue Freund*innen hatte. Wie schön das war, vor drei Wochen.

Es gab viel, das den ersten Lockdown für mich und andere ähnlich privilegierte Menschen mehr als erträglich gemacht hat. Zum Beispiel der glückliche Zufall, dass etwa eine Woche später der Frühling kam. Das Herbeisehnen ist ja eigentlich das allerschönste am Sommer, und der Sommer 2020 war das große Versprechen: Bald ist alles wieder gut, der Sommer scheint sowieso endlos, wenn gerade Anfang April ist und man zum ersten Mal wieder ohne Jacke rausgeht.

Der Dezember fühlt sich jetzt dagegen eher so an, als würde man sich nach einem langen Lauf gerade so über die Ziellinie schleppen.

Wie nah man sich seinen Freund*innen fühlt, ist plötzlich von der Internetverbindung abhängig

"Neue Normalität", das bedeutete im April diverse Übersprungshandlungen: Regal und Kleiderschrank nach Farben sortieren, statt im Online-Seminar aufzupassen, Tiefkühlkroketten essen und Geld investieren in ca. 20 neue Bücher, Zimmerpflanzen, eine neue Jogginghose und ein Schlauchboot. Gerade ist einfach nicht der Moment für Leben-im-Griff-haben.

Wie nah man sich seinen Freund*innen fühlt, ist plötzlich von der Internetverbindung abhängig. Ich verbringe mit einer alten Freundin über Zoom einen ganzen Abend, den man in Corona-Zeiten als richtig ausgelassen bezeichnen kann: Ein Abend, an dem der Laptop nach zwei Gläsern Wein zum Rauchen mit auf den Balkon genommen wird und ich meiner Freundin einen Link zu witzigem YouTube-Quatsch schicke, der sie entertainen soll, während ich noch mal kurz runter zum Späti laufe und mir ein neues Getränk hole. Irgendwann ist es Mitternacht, wir lachen so laut in unsere Webcams, dass meine Nachbarin klopft.

Alleine betrunken vor dem Laptop zu sitzen, ist wie Penne und Linguine in einem Topf zu kochen: Kann man machen, fühlt sich aber mehr falsch als richtig an.

Meistens läuft es aber eher so: "Du hängst." "Du bist weg." "Ich hör dich nicht mehr." Freund*innen werden zu Pixeln, das Zoomcall-Bullshit-Bingo haben wir dieses Jahr alle durchgespielt. An allzu vielen digitalen Zusammenkünften nehme ich also nicht teil. Alleine betrunken vor dem Laptop zu sitzen, ist wie Penne und Linguine in einem Topf zu kochen: Kann man machen, fühlt sich aber mehr falsch als richtig an.

Geteilte Spotify-Playlists sind krisensicher. Sekt vom Späti ebenfalls, Crémant von Rewe schmeckt allerdings besser. Ich bin dankbar dafür, dass ich Freund*innen habe, die mich in ihren Betten schlafen lassen, die nachts meine Hand nehmen und wenn ich Albträume habe, mit mir Harry-Potter-Hörspiele hören. Ich bin dankbar für die anhaltende Freude über Sommergewitter im Mai, wenn wir uns nass bis auf die Unterwäsche vorm Getränkeregal wiederfinden.

Donnerstag, 25. Juni: „Betrinken wir uns heute?“

Es ist Ende Juni, die Kontaktbeschränkungen werden in Berlin restlos aufgehoben. Wir fahren an den See, Klassenfahrt-Feeling, Kurzurlaub ohne Handgepäck. In der Stadt ist es so heiß, dass die Haut in der U-Bahn an den Sitzen klebt, der Schweiß sammelt sich unter der Maske und die Sehnsucht nach Normalität verwandelt sich erst in Erleichterung, dann in Euphorie, dann in Leichtsinn.

In genau so einem Anflug von Leichtsinn buche ich einen Fernbus nach Wien, und als ich am nächsten Morgen vor Clemens’ Wohnung stehe und wir uns umarmen, hat sich jeder Tropfen Maskenschweiß auf der neunstündigen Fahrt schon gelohnt. Die nächsten vier Tage verbringe ich damit, von Café zu Café zu spazieren, im Burggarten zu liegen, auf der Donauinsel in der Sonne Prosecco zu trinken, und falle zum ersten Mal seit ich 16 bin betrunken vom Fahrrad.

© Marit Blossey

Ich betrete einen Supermarkt in der Burggasse und werde komisch angeschaut, denn die Maskenpflicht ist in Wien längst aufgehoben. Ich treffe alte Freunde wieder, lerne neue Menschen kennen, und tanze zum ersten Mal seit sechs Monaten, bis es morgens hell wird. Als wir auf dem Weg zurück in den 7. Bezirk im Uber sitzen, schaue ich aus dem Fenster zu, wie die Sonne auf die stuckverzierten Fassaden am Gürtel fällt und habe keine Lust, schlafen zu gehen. Wer Leichtigkeit sucht, muss ein bisschen Leichtsinn jetzt wohl immer mit einplanen.

Jeder laue Sommerabend wird genossen, weil die Aussicht, dass es im Herbst wieder weniger wird mit alledem, was schön ist, immer dabei ist. Vorauseilende Wehmut: Sie verleiht diesen Momenten eine solche Intensität, dass ich noch heute das Gefühl habe, das Wasser der Donau und den Spritzer auf meinen Lippen schmecken zu können. Kurz bevor ich ins Nostalgie-Koma falle, vermisse ich vielleicht sogar mein aufgeschlagenes Knie.

Es fehlt, sich einreden zu können, dass die Hassliebe zur Prokrastination mit neuen Erinnerungen belohnt wird, statt mit neuen Releases bei Netflix.

Es fehlt, zu schreiben: "Bin auf dem Weg!", wenn ich gerade erst aus dem Bett aufspringe. Es fehlt, sich einreden zu können, dass die Hassliebe zur Prokrastination mit neuen Erinnerungen belohnt wird, statt mit neuen Releases bei Netflix. Aber wir merken, dass es manchmal nicht mehr braucht als ein spontanes "Lust auf einen Spaziergang?", und manchmal reicht auch ein "Hab an dich gedacht" mit dem richtigen Meme dazu.

Dass es manchmal nur einen guten Tag braucht, um viele schlechte wieder wett zu machen. „"Ich brauche das heute" ist normal geworden, das kann ruhig so bleiben. Manchmal ist der Kopf genauso leer wie der Kalender, und dann machen Nähe auf Abstand und 13.435 gelaufene Schritte alles wieder okay.

Mittwoch, 16. September: "Sorry, dass ich jetzt erst antworte."

Dienstag, 27. Oktober: "Sorry, dass ich jetzt erst antworte."

Freitag, 13. November: "Sorry, dass ich jetzt erst antworte."

Montag, 30. November: "Sorry, dass ich jetzt erst antworte."

Es ist November, und ich habe langsam das Gefühl, wir stehen alle mehr als 1,5 Meter neben uns. Heute ist der erste Abend, an dem die Fenster im Haus gegenüber angelaufen sind, weil es so kalt ist, aber die frische Luft auf dem Balkon tut gut. 2020 fühlt sich jetzt an wie ein Film, den ich schon mal gesehen habe, an dessen Ende ich mich aber nicht so ganz erinnern kann. Ich glaube, ich fand den Film nur so mittelgut.

2020 liegt schwer im Magen. Durchatmen, weitermachen, einsehen, dass Kaffee nicht immer hilft gegen Motivationslosigkeit. Nur an den nächsten Schritt denken. Auch wenn’s an manchen Tagen nur der Schritt auf den Balkon ist. Oder der vom Bett zum Kühlschrank. Alltag ohne Alltag.

Manchmal ist der Kopf genauso leer wie der Kalender, und dann machen Nähe auf Abstand und 13.435 gelaufene Schritte alles wieder okay.

Dezember 2020 ist so wild: Weihnachtsshopping hat sich ja schon immer angefühlt wie ein Spiel mit dem eigenen Leben, aber dieses Jahr ist alles natürlich extra intense. Lockdown ab Mittwoch. "Wieso seid ihr nicht alle zu Hause?", denke ich, und bemerke dann, dass man ja auch selber nicht im Stau steht, sondern der Stau ist. Ich schaue mich um und spüre, dass wir alle dieses Jahr so schnell wie möglich abstreifen wollen. An der Kasse sehen alle nervös aus, ich bilde mir ein Lächeln unter der Maske der Kassiererin ein.

Dieses Jahr wird sich nicht abstreifen lassen wie ein alter Pulli, der aussortiert wird, weil beim Weihnachtsessen ein Fleck drauf gelandet ist, der nicht wieder rausgeht. Wir werden dieses Jahr mit ins nächste tragen müssen, und bis wir durch sind mit Lockdowns und Impfstoff-Verteilungen und Abstandsgeboten, wird das mit der Leichtigkeit wohl schwierig. Aber genau deshalb braucht auch 2020 ein paar "Weißt du noch?"-Momente, damit uns nicht die Worte fehlen, wenn dieses anstrengende Jahr dann wirklich mal vorbei ist.

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