Streit im Kiez: Warum wollen die Anwohner der Markthalle Neun, dass Aldi bleibt?

Aldi-Filiale in der Markthalle Neun | © Insa Grüning

UPDATE: Gestern haben die Betreiber der Markthalle 9 sowie das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg in einer offiziellen Mitteilung bekannt gegeben, dass der Aldi in der Markthalle vorerst bleiben wird. Nach monatelangem Streit und Diskussionen, soll nun eine Neugestaltung des Dialogprozesses möglich gemacht werden. Nach den Sommerferien will man ein Nachbarschaftsforum in der Halle etablieren, um eine breite Zahl von Anwohner*innen zu erreichen und zukünftig gemeinsam Wünsche und Lösungsideen zu besprechen.

Anbei lest ihr noch mal unsere Reportage über den Streit im Kiez, der durch die Kündigung des Aldis entfacht wurde, die im Februar 2019 entstanden ist.

Vergangene Woche hat die Markthalle Neun bekannt gegeben, dass der ansässige Aldi im Laufe des Jahres, spätestens aber im ersten Quartal 2020, schließen muss und stattdessen ein dm Drogeriemarkt einziehen wird. Auch wir bei Mit Vergnügen haben über die Neuigkeiten berichtet und daraufhin viel Feedback, Pro- sowie Contra-Meinungen aus unserer Community erhalten – in den Kommentarspalten bei Facebook ebenso wie per Mail. Unter anderem erreichte uns eine Mail von Kiez-Bewohnerin Stefanie, die sich wünscht, dass auch die Stimmen der umliegenden Nachbarschaft in die Diskussion und Berichterstattung rund um die Schließung des Aldis mit einfließen. Ich entscheide mich also dafür, einen Nachmittag vor Ort in der Markthalle zu verbringen, um mir ein besseres Stimmungsbild zu machen – und natürlich, um mit Menschen der vermeintlich entgegen gesetzten Lager zu sprechen.

Bevor ich Florian Niedermeier von der Markthalle treffe, schaue ich mich noch ein wenig um. Im Eingang der Eisenbahnstraße der Halle ist ein unübersehbarer offener Brief der Markthalle an die Wand geschlagen. Er soll die Besucher über die geplanten Veränderungen informieren. Darunter ist noch ein Artikel gepinnt, der gerade in einer großen Zeitung erschienen ist. Darauf ist zu lesen: Aldi in Kreuzberg: Solidarität mit Milliardären. Immer wieder halten Menschen an und überfliegen das Geschriebene. Ansonsten geht es in der Markthalle gegen 14 Uhr relativ gemütlich und gelassen zu.

Der offene Brief der Markthalle hängt in den Eingängen der Markthalle. | © Insa Grüning

Einige Mittagsgäste sitzen auf den Bänken und essen, andere erledigen ihren täglichen Einkauf oder halten einen Schnack mit dem Standpersonal. Meterlange Schlangen, die man hier zu Event-Märkten wie dem wöchentlichen Streetfood Thursday oder dem Breakfast Market jeden dritten Sonntag antrifft, gibt es heute nicht. Unter der Woche ist die Halle ein Kieztreffpunkt, es sind weniger Touristen da. Ich bestelle mir eine Brezel und ein Wasser und bekomme zufällig mit, wie eine Bedienung sich gerade mit einer Kundin über die Aldi-Kündigung unterhält. Die Kundin kann nicht verstehen, was das Ganze soll. Insbesondere für ältere Menschen aus dem Kiez sei es wirklich bitter, wenn der Aldi weg ist. Zwei Kilometer bis zum nächsten Discounter seien nicht für jeden zumutbar.

Der Aldi existiert seit 1977 und ist bei den Bewohnern beliebt

Florian wirkt sehr gelassen und aufgeschlossen. Wie duzen uns. Er signalisiert mir gleich, dass Bereitschaft zum Reden da ist, aber auch, dass man hier ganz klare Standpunkte vertritt. Von den Reaktionen aus der Nachbarschaft und in den Medien hat er natürlich mitbekommen. Auf die Frage, warum man sich überhaupt dafür entschieden habe, dem Aldi zu kündigen, antwortet er: „Wir haben uns entschlossen, den Aldi durch einen dm zu ersetzen, um unsere Händlerschaft zu stärken. Wir stellen uns immer wieder die Frage, wie wir den Markt so stützen können, dass er stabil läuft – vor allem für diejenigen, die hier ihre kleinteiligen Geschäfte haben.“ Zu dieser Entscheidung steht die Markthalle.

Wir haben uns für dm entschieden, weil wir keinen Drogeriemarkt in der Nähe haben.
Florian Niedermeier, Markthalle Neun

"Wir haben uns schon damals, als wir die Halle übernommen haben, dafür entschieden, das ursprüngliche Konzept der Markthalle wieder zu beleben und auf kleine Händler zu setzen. Der Plan sah von Anfang an vor, die Discounter sukzessive rauszunehmen", erklärt Florian. Soweit alles nachvollziehbar. Interessant finde ich auch die Information, dass es damals ein partizipatives Verfahren gab, also ein Konzept, dass in einem Stufenplan bereits erläuterte, dass der Aldi irgendwann weichen muss – und dem ein Großteil der Anwohnerschaft damals zustimmte. Aber ich frage mich trotzdem, warum man den Aldi dann ausgerechnet durch einen dm ersetzt, der ja immerhin auch ein Discounter ist. "Wir haben uns für dm entschieden, weil wir einerseits keinen Drogeriemarkt in der Nähe haben. Andererseits decken wir mit dem Sortiment das sogenannte Trockenangebot ab – also Mehl, Zucker, Salz und Drogerieartikel wie Klopapier oder Zahnpasta. Außerdem hebt dm sich mit seiner Unternehmensphilosophie unter den Discountern noch einmal von den anderen ab."

Die Schere zwischen Arm und Reich

Trotzdem bringt man seitens der Markthalle Verständnis für die Anwohner auf: „Gentrifizierung findet zweifelsfrei statt und das ist für viele extrem bedrohlich. Dafür habe ich vollstes Verständnis. Aber man muss trotzdem mal innehalten und sich ehrlich fragen, worum es hier eigentlich geht. Geht es nur um arm und reich, um Konsumenten, die billige Lebensmittel brauchen? Oder unterstützen wir mit Einkäufen im Discounter nicht genau das System, das andere Leute, auf dem Land oder in den Verarbeitungsbetrieben, eigentlich erst arm macht?

Geht es nur um arm und reich, um Konsumenten, die billige Lebensmittel brauchen? Oder unterstützen wir mit Einkäufen im Discounter nicht genau das System, das andere Leute, auf dem Land oder in den Verarbeitungsbetrieben, eigentlich erst arm macht?
Florian Niedermeier

Der Satz hat gesessen. In diesem Moment weiß ich, dass er im Prinzip Recht hat und dass das Konzept der Markhalle viele richtige und wichtige Ansätze verfolgt. Für einige Menschen bedeutet der Verlust des Aldis aber schlichtweg einen finanziellen Mehraufwand, wenn sie Frisches von nun an auf dem Markt kaufen müssen. Florian hält dagegen. „Das glaube ich nicht. Wenn man saisonal einkauft, ist es bei uns nicht teurer als im Aldi. Wir haben einen erstaunlich heterogenen Kundenstamm. Da sind durchaus Leute dabei, die nicht viel haben, ihr weniges Geld dann aber für gute Lebensmittel ausgeben und selbst kochen.

Die meisten Anwohner finden die Entscheidung der Markthalle falsch

Nach meinem Gespräch mit Florian stehe ich im Eingang Pücklerstraße der Halle und beobachte, wie ein junger Mann den Brief, der bereits mit Protestparolen von umliegenden Anwohnern bekritzelt wurde, aufmerksam liest. Ich spreche ihn an. Vor mir steht David, er wohnt die Straße runter und kauft regelmäßig sowohl bei Aldi als auch in der Markthalle ein. Auf meine Frage, ob er sich schon eine Meinung zum Thema gemacht hat, antwortet er: „An der eigentlichen Versorgungslage ändert sich nicht ja viel, da es um die Ecke einen Lidl gibt. Nach dem Auszug von Drospa und der Pleite von Schlecker fehlt ein Drogeriemarkt im Kiez. Die Nachbarn, die am Existenzminimum leben, werden ihre elementaren Hygieneartikel aber eher bei Lidl (der sich 200 Meter weiter befindet) kaufen als bei dm. Für diese Menschen gibt es nach dem Auszug von Aldi keinen Grund mehr, die schöne Markthalle zu besuchen. Das führt zu einem sozialen Ausschluss. Auch wenn ein dm für viele eine Bereicherung darstellen mag, werden die Ärmsten im Kiez aus der Markthalle verschwinden, das wird nicht mehr eine Markthalle für alle sein. Das halte ich von der Symbolik für fatal.“

Die Nachbarn, die am Existenzminimum leben, werden ihre elementaren Hygieneartikel eher bei Lidl kaufen als bei dm. Für diese Menschen gibt es nach dem Auszug von Aldi keinen Grund mehr, die schöne Markthalle zu besuchen.
Anwohner David

Ich denke bei einer Zigarette über Davids Worte nach. An seiner Argumentation ist etwas dran. Kurz darauf geht eine Frau an mir vorbei, die es scheinbar eilig hat. Christine nimmt sich trotzdem ein paar Minuten für mich Zeit. Was sagt sie zu der geplanten Aldi-Schließung? „Ich bin stinksauer. Ich lebe seit 1985 hier im Kiez und kann den Gräuel der Anwohner total verstehen. Das war mal eine Markthalle für die Anwohner, bis die neuen Betreiber kamen.“ Und dann ist sie auch schon wieder weg. Josef, ein Freund einer Kollegin von mir, wohnt ebenfalls um die Ecke und schreibt mir, dass er beide Angebote regelmäßig nutzt. Er gibt zu: „Ich finde die Schließung des Aldis aus Gründen der persönlichen Faulheit nicht gut. Jetzt muss ich 200 Meter weiter laufen. Außerdem empfinde ich einen Drogeriemarkt an dieser Stelle sogar noch unpassender und absurder als es der Aldi schon war.“ Bis jetzt zeichnet sich mir ein homogenes Meinungsbild der Anwohner und Anwohnerinnen, die meisten finden die Entscheidung irgendwie falsch.

Kiezbewohner Helmut und Kiezbewohnerin Linda | © Insa Grüning

Bisher haben die Markthalle und die Aldi-Filiale wunderbar nebeneinander existiert

Als nächstes bin ich mit Stefanie verabredet, der Leserin, die sich nach dem ersten Artikel bei uns gemeldet hatte. Wir telefonieren noch mal kurz und legen fest, dass wir uns in fünf Minuten drüben bei Jannimu, einem Feinkostladen auf der Eisenbahnstraße, treffen. Und sie kündigt an, dass sie noch Leute aus der Nachbarschaft mitbringt. Stefanie scheint sehr engagiert und ich habe jetzt schon das Gefühl, dass der Nachbarschaftsfunk hier hervorragend funktioniert. Stefanie und Helmut warten schon auf mich, man trifft sich öfter hier, alle kennen sich, zumindest vom Sehen. Als ich Helmut frage, warum er gegen die Aldi-Schließung ist, sagt er: „Für mich zeigt das ganz klar den nächsten Schritt in der Gentrifizierung. Wenn wir alle besser verdienen würden, wären Discounter ja eigentlich überflüssig. So lange das aber nicht der Fall ist, brauchen wir den Aldi, den sich jeder leisten kann.“ Er muss dann schnell wieder los in seinen Laden, ein Filmposter-Geschäft in der Pücklerstraße.

Die Ärmsten im Kiez werden aus der Markthalle verschwinden, das wird nicht mehr eine Markthalle für alle sein.
David, Anwohner

Dann stößt Linda zu uns, die ebenfalls schon 25 Jahren hier wohnt. Sie hat auch nicht viel Zeit, aber ihr ist es wichtig, ein Statement zu setzen. „Was hier passiert, nenne ich explizites Ausschließen.“ Sie ärgert sich über die Markthalle und sagt: „Wir tragen die Gentrifizierung des Kiezes in gewisser Weise mit immer höheren Mieten mit und wir ertragen auch die Touristen. Dafür sollen sie uns den Aldi lassen.“ Linda kauft sowohl beim Aldi als auch in der Markthalle ein und möchte auf beides nicht verzichten. Sie hat inzwischen den Instagram-Account @aldimussbleiben angelegt, auf dem sie zeigt, warum der Aldi und die Markhalle Neun die für sie genau richtige Kreuzberger Mischung ausmachen. Ioannis, der Besitzer des kleinen Feinkostladens, lebt und arbeitet seit 15 Jahren im Kiez und zeigt sich auch nicht sonderlich erfreut über die Veränderungen. „Ich kaufe selbst beim Aldi. Er sichert die Grundversorgung vieler Menschen hier, weil die Markthalle eben nicht für alle da ist. Mir gefällt es nicht, dass die uns bei der Entscheidung nicht mit einbezogen haben.“

Anwohner und Ladenbesitzer Ioannis und Kiezbewohnerin Stefanie | © Insa Grüning

Eine Mischung aus Enttäuschung und Ohnmacht

Als nun langsam alle wieder ihren Aufgaben nachgehen, schlendere ich noch ein wenig mit Stefanie umher. Ihr war es wichtig, dass ich höre, wie die Anwohner und Anwohnerinnen hier darüber denken. Und ich habe das Gefühl, dass hier wirklich niemand grundsätzlich gegen die Markhalle ist, sondern sich eher eine Mischung aus Enttäuschung und Ohnmacht eingeschlichen hat, weil die Einwohner nicht mit einbezogen wurden. „Die können doch nicht einfach allein entscheiden, wie der Kiez aussehen soll. Wir sind die Anwohner, wir wollen Teilhabe. Und ein Großteil der Menschen hier will nun einmal, dass der Aldi bleibt.“ Zum Schluss rede ich mit Stefanie über nicht eingehaltene Versprechen und auch die Angst davor, dass ein Stück Heimat verloren gehe. Das sei die Markthalle nämlich für viele hier – auch wenn sie sich ein Laib Brot für 8 Euro der italienischen Bäckerei Sironi nicht leisten können. Es gab ja bis jetzt immer noch den Aldi.

Florian hat mir übrigens auch erzählt, dass die Markhalle Nachbarschaftsumfragen durchgeführt und gezielt Leute angesprochen hat, um gemeinsam mit ihnen Workshops abzuhalten. Richtig ist aber auch, dass die Entscheidung nicht demokratisch gefällt wurde. „Das ist erstens nicht möglich und zweitens auch nicht unser Auftrag. Und das ist vielleicht der Kern des Problems“, resümiert er. Auf dem Weg nach Hause lasse ich den Nachmittag noch einmal Revue passieren. Es war toll, dass ich mit so vielen Menschen sprechen konnte. Und ich freue mich ehrlich darüber, ihnen eine Plattform zu geben. Es fällt mir aber nach wie vor schwer, mich in der Debatte auf „eine Seite“ zu schlagen oder mit einer Gruppe zu solidarisieren. Sowohl die Markthalle als auch die Anwohner haben Argumente, die ich nachvollziehen kann. Mich lässt der Eindruck nicht los, dass bei der ganzen Sache viele grundsätzliche gesellschaftliche Ängste und Sorgen eine Rolle spielen, die sich an diesem einen Aldi, der seit 40 Jahren hier steht und nun verschwinden soll, neu entfachen.

Wir sind die Anwohner, wir wollen Teilhabe.
Anwohnerin Stefanie
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