Warum bleiben wir in Beziehungen, die nicht mehr gut sind?

© Toimetaja tõlkebüroo | Unsplash

"Wie Das ist okay? Du willst doch eigentlich mit ihm zusammenziehen. Das ist doch schon lange ein Wunsch von dir", spreche ich verwundert in Richtung meines Smartphones, das auf Lautsprecher gestellt auf dem Wohnzimmertisch vor mir liegt.
"Na, keine Ahnung. Ist halt okay. Er möchte seine Wohnung eben nicht aufgeben. Dann soll er das so machen. Ich mein', wenn ich irgendwann schwanger wäre oder so, würden wir ja bestimmt schon zusammenziehen", sagt Amelie von der anderen Seite des Hörers. Extra nonchalant klingt ihre Stimme dabei. Vielleicht, weil sie sich selbst noch mal davon überzeugen will, dass das alles okay ist. Dass ihr Freund in den nächsten Jahren nicht mit ihr zusammenziehen möchte, auch wenn sie das will. Auch wenn ihr das in einer Beziehung immer wichtig war. Zumindest dachte ich das. Vielleicht haben wir zurzeit wirklich zu wenig Kontakt.

Amelie ist eine meiner engsten Freundinnen, aber weil sie im Moment in ihrem Job versinkt, hören wir uns aktuell nur ungefähr alle drei Wochen in einer Telefonkonferenz. So wie gerade wieder. Zwar trotzdem mit Malbec, zwischendrin anstoßen, gemeinsam eine rauchen, kichern und Lieblingslieder ansingen, aber mit fünf Kilometern Abstand, obwohl wir in derselben Stadt wohnen.
"Ob sie das doch ernst meint?", frage ich mich jetzt kurz bei einem großen Schluck Rotwein. Ob das für sie mittlerweile okay ist?

Was die Streitigkeiten nie herausfordern: Das Infragestellen der Beziehung an sich. Das Wort Trennung. Als wäre es Voldemort.

Amelie ist mit ihrem Freund seit ungefähr zwei Jahren ein Paar. Am Anfang ging das alles ganz schnell bei ihnen. Sie haben gedatet, sich verliebt, sind nach ein paar Monaten direkt zusammen in den Urlaub gefahren, und haben sich dort mit einem Peroni-Bier in der Hand und den Füßen im Sand vergraben "Ich liebe dich" gesagt. Das fand ich toll, so eine Liebe, die fliegen kann. Aber - in letzter Zeit bekomme ich mehr und mehr das Gefühl, dass sie in ihrer Beziehung einige Probleme haben. Probleme, die größer sind, als sich das beide wohl eingestehen wollen. Welche, die es schon länger gibt, und die gerade nicht mehr im Riff, sondern direkt auf der Oberfläche schwimmen. Oft streiten sie ordentlich, immer wieder über Grundsätze, wenn sie sich gegenseitig über das Verhalten oder die Kommunikation des anderen aufregen. Wenn es besonders schlimm wird, lässt Amelie dann ihre Wut bei mir raus. Aber immer kontrolliert. Abgewogen. In Maßen. Was die Streitigkeiten und Dinge, die sie stören, so nie herausfordern: Das Infragestellen der Beziehung an sich. Das Wort Trennung. Als wäre es Voldemort.

Ach ja

Wenn es um Beziehungen und die Liebe geht, wurde meiner Generation, den Millennials, schon einiges nachgesagt. Dass wir egoistisch seien, durch die Apps immer auf der Suche nach etwas Besserem, und uns nicht mehr binden könnten. Generation Beziehungsunfähig und der ganze Kram. Das habe ich noch nie geglaubt, und während ich mich in der Woche nach dem Telefonat mit Amelie umhöre, und mit anderen Freund*innen checke, wie es mit ihren Lovern gerade läuft, bekomme ich dieses Bild auch so gar nicht gezeichnet. Dafür ein anderes, das mir zu denken gibt. Denn – bei mehreren Personen aus dem Freundeskreis bekomme ich das Gefühl, das ich auch in der Konferenz mit Amelie hatte. Dass sie in ihren Beziehungen strugglen. Sehr sogar, die Probleme aber irgendwie weg ignorieren, Augen zu und durch, und dabei gar nicht hinterfragen, ob die Beziehung an sich noch das Richtige ist. Mit einem "Ach ja" werden die Probleme stattdessen am Ende unserer Gespräche immer wieder zur Seite geschoben. "Ach ja, dann haben wir halt gerade keinen Sex", "Ach ja, dann lerne ich seine Tochter halt nicht kennen, who cares?", "Dann ist es halt mit ihr eher wie in einer WG zusammenwohnen. Ach ja."

Brauchen wir jemanden zum Festhalten, wenn die Welt untergeht?

Jedes Mal frage ich mich auf dem Nachhauseweg nach den Treffen, woran das liegt. Dass wir in unseren Beziehungen so festsitzen. Als hätten wir den letzten Platz in einer vollen U-Bahn bekommen und müssten jetzt sitzen bleiben, auch wenn unser eigentlicher Ausstieg schon vor zwei Stationen war. "Ob es am Singlemarkt liegt?", denke ich dann. An der gemeinsamen Wohnung, die man aufgeben müsste? Oder dem geteilten Freundeskreis? Der Logistik? Oder doch an unserem Alter? Mein Kreis ist immerhin mittlerweile in seinen Endzwanzigern bis Anfang Dreißigern. Oder ist auch hier der Klimawandel mittlerweile Thema? Brauchen wir jemanden zum Festhalten, wenn die Welt untergeht? Aber was, wenn wir uns eigentlich schon lange nicht mehr richtig festgehalten haben, nicht mehr intim waren? Weltuntergang in getrennten Betten? Dann hätte ich doch wirklich lieber meinen engen Freundeskreis mit mir.

"Na ja, Julius, du darfst nicht vergessen, dass das alles Paare sind, die schon eine ganze Weile zusammen verbringen. So zwei bis sieben Jahre", sagt meine Freundin Toni, als ich mit ihr am Freitagabend über die Beziehungen rede. "Da hängen ja auch so viele gemeinsame Erinnerungen dran, und schöne Zeiten, und der Sand zwischen den Füßen, den man immer noch in Flashbacks fühlen kann, und der in irgendeinem Schuh bestimmt noch wirklich drinsteckt."
"Ja, das verstehe ich ja schon, aber müsste man dann nicht daran arbeiten, die Beziehung wieder zu verbessern? Statt Ach-ja-aufzugeben?", frage ich sie und ziehe an meiner Zigarette.
"Klar, aber das ist halt gar nicht so einfach. Wenn man schon so im Muster festhängt. Vor allem, weil die meisten Muster ja bereits seit Beginn der Beziehung bestehen. Da gefestigt wurden." Ich nicke. "Und zu deinem Klimapunkt: Lass uns ehrlich sein ...", fährt sie grinsend fort. "Wenn heute feststünde, dass die Welt in zehn Jahren untergeht, bist du der Allererste, der zurück zu seinem Ex gehen würde, obwohl ihr damals in eurer Beziehung nicht gut füreinander da wart. Du würdest ihn trotzdem fragen, ob ihr’s noch mal versuchen wollt, selbst wenn er mittlerweile einen anderen Typen hat. Da würdest du dich wahrscheinlich sogar drauf einlassen, die letzte Geige zu spielen, und mit ihm und dem anderen zusammen untergehen. Wie die Streicherjungs auf der Titanic." Jetzt müssen wir beide lachen.

Neuland

Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist ein Gedanke, den Toni ausgeführt hat, geblieben. Der, dass die Muster, aus denen die Probleme der Beziehungen oft wachsen, schon am Anfang gesetzt wurden. Und später einfach schwer zu brechen sind. Wie wichtig diese Anfangsphase ist, wird mir gerade so sehr bewusst wie noch nie. Wenn wir eine Beziehung beginnen, ist das schließlich ein bisschen, als würden wir mit der anderen Person gemeinsam eine Insel erobern. Neuland. Ohne Eingespieltsein und Regeln. Also spielen wir uns langsam ein, gründen Traditionen und stellen Regeln auf. Einige der Regeln und neuen Gewohnheiten sind dabei gesunde Kompromisse, andere wiederum nehmen wir hin, wir lassen sie als offene Baustellen stehen, oder – und das ist wahrscheinlich das Schlimmste – wir gehen einseitige Kompromisse ein. Dann plane ich halt die Wochenenden für uns, auch wenn sie das auch mal übernehmen könnte. Dann lasse ich ihm halt mehr Freiraum, als mir guttut. Dann wohnen wir halt nicht zusammen. Über diese einseitigen Kompromisse reden wir dann nicht mit der neuen Person. Die weiß gar nichts davon. Es ist ja alles noch so frisch, so schön, so rosarot, und wir sind so, so verliebt. Die Schwere brauchen wir noch nicht, und Gewohnheiten können sich ja später ändern. Ich glaube, das ist die Inkubationszeit vieler Probleme, die uns auch später belasten.

"Genau die Dinge, die du am Anfang an der Person am meisten liebst, werden dich später am stärksten stören", hat mir einmal eine Freundin gesagt. Ich glaube es müsste eher so heißen: Die Dinge, die du am Anfang eurer Beziehung am meisten duldest, werden dich später immer noch stören. Und zwar mal tausend. An deinem Gegenüber, aber auch an dir, weil du Mittäter*in warst. "Aber ...", denke ich beim zweiten Kaffee, "Was heißt das für uns? Bleiben wir nach zwei Jahren Beziehung dann trotzdem in unserem Trott, einfach, weil wir am Anfang nicht für uns eingestanden sind? Müssen wir dann nicht eher neue Regeln aufstellen, kämpfen, oder, wenn nichts mehr geht, wirklich Schluss machen? Auch wenn's wehtut?"

Vielleicht sind auch die Teebeutel schuld.

"Gut, diese Fragen werden sich deine Engsten ja gerade auch stellen", sagt meine Freundin Alisha, mit der ich am Nachmittag vor einem Karottenkuchen sitze. "Die haben wir uns auch gestellt, und uns dann eben fürs Kämpfen entschieden“, fährt sie fort, und ihre Augen leuchten jetzt fast ein bisschen stolz.
"Aber, was habt ihr denn dann gemacht, damit es besser wurde?", frage ich mit vollem Mund.
"Na, wir haben in vielen Punkten eben wieder bei Null angefangen. Vor allem bei der Kommunikation. Die haben wir beide über die Jahre irgendwie verlernt. Beziehungsweise, ob er die überhaupt mal drauf hatte, weiß ich nicht", lacht sie, und als ich auch lachen muss, fallen mir ein paar Krümel aus dem Mund. Über unser Gespräch gibt mir Alisha dabei einen Tipp mit: Sie und ihr Freund würden sich am Ende jedes Tages erzählen, was man heute mit dem anderen doof fand. Was einem ein schlechtes Gefühl gegeben hat. Das sei schwierig, sagt sie, so zuzuhören und nicht gleich zu verurteilen, was der andere sagt, aber es würde helfen. So wie vieles andere. Dass das schwierig ist, sehe ich ihr dabei immer wieder kurz an, wenn sie daran zurückdenkt, aber wenn sich ihre Lachfalten zusammenziehen, und sie schwärmt, weil sie und ihr Freund auf der anderen Seite wieder aufgetaucht sind, und geflogen, weiß ich wieder, warum wir doch oft in unseren Beziehungen bleiben, auch in den schwierigen Phasen. Genau wegen diesem Gesichtausdruck, den sie gerade hat, und der so viel Hoffnung in sich trägt.
"Schau mal, was auf deinem Teebeutel steht", sagt sie am Ende in meine Gedanken rein. "Veilchen wachsen auch im Unkraut."
"Hm", denke ich. "Vielleicht sind auch die Teebeutel schuld."

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