Bedeutet eine offene Beziehung wirklich die ultimative Freiheit?

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"Die Frau, mit der er schläft, muss mindestens so cool sein wie ich – das war die Regel, die ich als erstes aufgestellt habe", lacht meine Freundin Laura*. "Sonst lohnt sich das ja nicht!" Eigentlich hatten sie und ihr Freund sich aber darauf geeinigt, sich gegenseitig nichts über die Personen zu erzählen, mit denen sie außerhalb ihrer Beziehung Sex hatten. Sicher ist sicher.

Laura und Tom* haben fast zwei Jahre eine offene Beziehung geführt. Bis sie sich getrennt haben, vor ein paar Monaten erst. Ihr offenes Sexleben war nicht der Grund für die Trennung – zumindest nicht der Hauptgrund. Ob sie nochmal eine offene Beziehung führen würde? Kommt ganz auf die andere Person an, meint Laura. Zu Tom hatte sie so großes Vertrauen, dass es einfach keinen Grund zur Eifersucht gegeben hätte, und die Tatsache, dass sie beide ab und zu mal nach einer Party mit jemand anderem nach Hause gingen, habe ihre Beziehung eher bereichert und aufregender gemacht.

Ist das Konzept der Monogamie überhaupt noch zeitgemäß?

Genau das war es auch, was sie sich von dem offenen Beziehungskonzept erhofft hatten: Freiheit, Abenteuer und trotzdem eine stabile, liebevolle Beziehung. Immer mehr Menschen in unserem Freundeskreis haben in den letzten Jahren begonnen, offene Beziehungen zu führen. Von der Fernbeziehung bis zum polyamourösen Dreiergespann, junge Menschen in Berlin leben sich ja gerne aus und sowieso, ist das Konzept der Monogamie überhaupt noch zeitgemäß? Was, wenn man sich nicht nur von einem Geschlecht angezogen fühlt, und der/die eigene Partner*in nun mal ziemlich eindeutig nur dieses eine Geschlecht hat? Es gibt genügend Gründe, warum heutzutage mehr und mehr Menschen alternative Beziehungsmodelle ausprobieren.

Die Frau, mit der er schläft, muss mindestens so cool sein wie ich. Sonst lohnt sich das ja nicht!
Laura

Ganz so einfach sei das alles trotzdem nicht gewesen, erzählt mir Laura jetzt bei einem Glas Wein. Natürlich hätten sie am Anfang ein paar Regeln festgelegt: keine Ex-Partner*innen, keine Personen aus dem Freundeskreis. Nur One-Night-Stands, keine Freundschaft-Plus-Geschichten. Immer verhüten – eh klar. Und eben, dass sie einander höchstens davon erzählen, dass sie Sex mit jemand anderem hatten, aber bloß keine Details.

Als Tom zum ersten Mal seit ihrer Absprache mit einer anderen Frau, die er auf einer Uni-Party kennengelernt hatte, nach Hause ging, war Laura dann aber doch neugierig. Sie stellte Fragen. Und merkte, dass mit jedem Wort, das Tom über seine letzte Nacht verlor, die Checkliste in ihrem Kopf länger wurde. Eine Checkliste mit lauter Dingen, Kleinigkeiten, Eigenschaften, von denen sie auf einmal überzeugt war, dass sie sie nicht vorzuweisen hatte.

Wie ein Kurs in Selbstliebe

Vorher hatte Laura sich eigentlich für eine recht selbstbewusste Frau gehalten – und ihre Beziehung zu Tom war zu dem Zeitpunkt so stabil und harmonisch, dass es eigentlich keinen Grund für irgendwelche Zweifel gab. Die Vergleichs-Checkliste in ihrem Kopf verunsicherte sie.

Aber: Mit der Zeit habe sie so auch gelernt, sich ihre positiven Eigenschaften viel bewusster zu machen und sich klar zu werden, was sie und ihre Beziehung eigentlich ausmachte. "Insofern kann eine offene Beziehung wie ein Kurs in Selbstliebe sein", glaubt sie heute. "Man muss sich wirklich mit sich selbst auseinandersetzen, seine positiven Eigenschaften zu schätzen wissen und lernen, auf seine eigenen Bedürfnisse zu hören. Sonst kannste das gleich vergessen."

Die Leute stellen sich unter dem Konzept einer offenen Beziehung die ultimative Freiheit vor. Meistens ist eine offene Beziehung aber viel komplizierter als das klassische, monogame Beziehungsmodell.
Laura

Vielleicht merkt man dann aber auch, dass das Ganze eben doch nichts für einen ist. "Ich glaube, dieses Klischee, dass Männer Sex besser von Gefühlen trennen können als Frauen, ist Bullshit", bemerkt Laura. Tom habe zumindest relativ schnell festgestellt, dass er nicht der Typ für eine offene Beziehung ist – er hätte sowieso eigentlich immer an Laura denken müssen, sagte er, und irgendwie brauche er das nicht. Von dem Punkt an machte nur noch Laura Gebrauch von ihrer Abmachung. Und obwohl das eine Weile lang für sie beide gut funktionierte, beschlossen sie irgendwann doch, ihre offene Beziehung auf Eis zu legen. Ein paar Wochen später ging Tom für ein halbes Jahr ins Ausland, und kurz danach trennten sie sich endgültig.

Nicht nur Liebe, sondern auch jede Menge Kommunikation

"Die Leute stellen sich unter dem Konzept einer offenen Beziehung die ultimative Freiheit vor. Man hat quasi the best of both worlds: eine*n Partner*in, auf die oder den man sich verlassen kann, und gleichzeitig die freie Wahl, jederzeit mit anderen Menschen zu schlafen. Meistens ist eine offene Beziehung aber viel komplizierter als das klassische, monogame Beziehungsmodell", findet Laura.

Eine monogame Beziehung bringt schließlich nur diese Regel mit sich: Du schläfst nur mit mir, ich schlafe nur mit dir. Fertig. Bei einer offenen Beziehung gibt es nicht nur mehr Spielraum, sondern auch viel mehr Stolperfallen. Damit das funktioniert, müssen beide ganz genau in sich hineinfühlen und feststellen, wo die eigenen emotionalen Grenzen sind, was okay ist und was nicht. Und dafür braucht es eben nicht nur Liebe, sondern auch jede Menge Kommunikation und klare Absprachen.

Ist eine offene Beziehung vielleicht sowas wie die Königsdisziplin?

Wisst ihr, was wohl der traurigste Trennungssong überhaupt ist? Dry Your Eyes von The Streets. Irgendwie musste ich an diesen Song denken, als ich nach meinem Treffen mit Laura auf dem Heimweg in der U-Bahn saß. Darin beschreibt der Protagonist, wie er von seiner Freundin verlassen wird und all seine Versuche, sie davon zu überzeugen, bei ihm zu bleiben, ins Leere laufen. "We can even have an open relationship if we must", hört man Mike Skinners betrübte Stimme rappen.

Dieser Vorschlag klingt hier wie ein Ausdruck der puren Verzweiflung. Aber mit einer offenen Beziehung zu versuchen, eine Beziehung zu retten, die schon so gut wie gescheitert ist? Das ist wohl nicht der durchdachteste Plan und klappt wahrscheinlich in den wenigsten Fällen. Denn um so viel Vertrauen, Verlässlichkeit und Kommunikation aufzubringen, dass es für beide funktionieren kann, dafür sollte die Beziehung besser schon vorher stabil genug sein. Ist eine offene Beziehung vielleicht sowas wie die Königsdisziplin, wenn man seinen Partner und sich selbst richtig gut kennt? Und selbst wenn – ob das überhaupt für jeden das Richtige ist? Das muss man vielleicht einfach ausprobieren.

*Namen von der Autorin geändert.

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