Minimalismus ist doch Selbstbetrug!

© Thomas Griesbeck | Unsplash

Als ich neulich mit meinem Freund Xavier am Kanal entlang gehe, fragt er plötzlich, was ich eigentlich von der Wohnung von Max und Bea halte. Ich bin verwundert. Was soll ich schon davon halten? Es ist halt die Wohnung von Max und Bea. Die, in die die Clique regelmäßig zu köstlichen Abendessen eingeladen wird und wo man auf einer riesigen Sofalandschaft den sonntäglichen „Tatort“ genießen kann. Darüber hinaus habe ich mir nie wirklich Gedanken gemacht über die Wohnung meiner Freunde. Dafür hat sich Xavier mehr als genug Gedanken für uns beide gemacht.

Ob ich die Wohnung nicht zu voll fände, will er wissen. Meine Antwort wartet er gar nicht mehr ab; stattdessen beginnt er in einem mehrminütigen Monolog, die Wohnung unserer Freunde Zimmer für Zimmer zu analysieren – oder, besser gesagt: auseinander zu nehmen. Irgendwo zwischen Schlaf- und Badezimmer schalte ich ab. Ich ahne schon, worauf das hinaus läuft. Und tatsächlich: Er habe neulich dieses tolle Buch von diesem japanischen Lifestyle-Coach gelesen, erzählt Xavier. Total spannend, die Lektüre! Vielleicht sollte er das Buch mal Bea und Max zu lesen geben? Ich rate ihm ausdrücklich ab und ahne, er wird es trotzdem tun.

Minimalismus ist das neue Schwarz

Minimalismus ist das neue Schwarz, soviel steht fest. Unzählige Bücher und Artikel wurden in den letzten Jahren zu dem Thema geschrieben und offenbar auch gelesen. Auf Partys berichten geläuterte Fashion-Victims nun mit leuchtenden Augen von den „orgasmischen Gefühlen“, die sie beim Ausmisten ihres Kleiderschrankes erfahren. BWL-Absolventen, die noch kürzlich von einem Sportwagen träumten, erzählen plötzlich stolz, dass sie nur noch eine Matratze und ein MacBook besitzen – Letztgenanntes natürlich nur aus beruflichen Gründen, klar.

In Online-Foren streiten Hardcore-Minimalisten derweil darüber, ob ein Laptop als ein Stück Eigentum zählt, oder ob jede einzelne Datei auf der Festplatte gesondert anzurechnen ist. Die Experten scheinen sich uneins zu sein, weshalb solche Diskussionsstränge sich blitzschnell über mehrere Seiten fortsetzen können. Während Rede und Gegenrede zunehmend heftiger werden, sitzt du als Außenstehender davor und hast nur noch einen Gedanken: Das ist doch Satire! Das muss Satire sein!

Ansichten eines Konsumenten

Versteht mich nicht falsch: Das hier soll kein Plädoyer für Konsum und Krimskrams sein. Ich gebe zu, ich bin mehr Packratte als Minimalist. Auch in Zeiten von Netflix, Kindle und Steam kaufe ich beispielsweise immer noch fleißig Blurays, Bücher und Videospiele im Laden. Ich trage auch gerne Hemden, und obwohl ich schon eine stattliche Sammlung im Kleiderschrank hängen habe, zögere ich nicht, ein schönes Exemplar zu kaufen, wenn ich eins entdecke. Das führt natürlich immer mal wieder zu Platzproblemen, aber die Vorteile überwiegen deutlich.

Eine Datei auf meinem Tablet habe ich nach dem übernächsten Klick womöglich schon wieder vergessen, aber ein Buch wird mit großer Wahrscheinlichkeit gelesen.

Ich mag Vielfalt und Auswahl. Und so sehr ich die Möglichkeiten des Internets auch schätze, so sehr möchte ich auch die haptische Erfahrung nicht missen. Ich mag es, etwas vor mir zu haben, etwas in der Hand zu halten und auch ins Regal stellen zu können. Ich habe festgestellt, dass ich Dinge so auch mehr schätze: Eine Datei auf meinem Tablet habe ich nach dem übernächsten Klick womöglich schon wieder vergessen, aber ein Buch, das ich im Laden gekauft, mit nach Hause gebracht und dann auf meinen Nachttisch gelegt habe, wird mit großer Wahrscheinlichkeit gelesen. Ich gönne mir oft und gern was – aber ich greife nie blind zu.

Der Trend zum Selbstbetrug?

Für die Hardliner unter den Minimalisten bin ich mit dieser Einstellung ein ziemliches Konsum-Opfer. Dabei lässt der Spieß sich trefflich umdrehen.

Wer sich den Minimalismus-Hype von außen betrachtet, stellt bald fest, dass es vor allem junge Erwachsene zwischen 20 und 30 sind, die massenweise auf den Zug aufspringen. Sie sind es auch, die mit ihrem Feuereifer die Idee innerhalb kürzester Zeit zum Lifestyle erhoben haben. Jungen Leute von heute bedeute Besitz einfach weniger, schlussfolgern Experten. Dabei lassen die meisten jedoch außer Acht, dass es sich bei all diesen jungen Leuten um Vertreter der „Generation Praktikum“ handelt, die für wenig Geld viel leisten soll. Wer mit Akademiker-Arbeitslosigkeit, Zeitverträgen und Mini-Jobs lebt, für den ist der Verzicht auf Luxus-Artikel vermutlich nicht nur eine Lifestyle-Entscheidung, sondern auch eine finanzielle Notwendigkeit. Angenehm ist das nicht; niemand schränkt sich gern ein. Dem ein oder anderen kommt der Trend zum Minimalismus da wohl gerade recht. So kann man sich selbst wenigstens davon überzeugen, dass man die Dinge, die man sich nicht leisten kann, auch gar nicht haben will.

Minimalismus ist keine Religion

Sicherlich trifft das nicht auf alle Verfechter des Minimalismus zu. Genauso wenig sind aber alle, die gern mal auf Shopping-Tour gehen, Konsum-verrückte Hinterwäldler, die es zu bekehren gilt.

Sind Packratten wie ich manchmal impulsiv, wenn es um Neuanschaffungen geht? Natürlich! Das Türmchen aus ungesehenen Blurays neben meinem Fernseher und der ebenso unberührte Bücherstapel vor meinem Nachttisch sind die besten Beweise dafür. Ich werde schon noch dazu kommen. Wann, kann ich jetzt nicht sagen. Das mag man doof finden, unnötig oder unüberlegt. Wer aber der Meinung ist, mich mit Selbsthilfebüchern auf den Pfad der erleuchteten Konsumverweigerer führen zu wollen, der geht einen Schritt zu weit. Denn wer seine Tage damit verbringt, seinen Besitz auf fünf oder zehn oder 100 Artikel zu reduzieren und ehrlich Freude daran hat, der möge das tun. Ich habe Freude an meinen Bücher- und meine Bluray-Stapeln und möchte sie gern behalten.

Dem ein oder anderen kommt der Trend zum Minimalismus gerade recht. So kann man sich selbst wenigstens davon überzeugen, dass man die Dinge, die man sich nicht leisten kann, auch gar nicht haben will.
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