Romeo und Julius – Mein Neustart in Sachen Liebe und das Date mit Doktor Dennis

© Hella Wittenberg

In seiner Kolumne “Romeo und Julius” erzählt Autor Julius Geschichten von seiner Suche nach der Liebe in Berlin. Von schrägen Dates, gebrochenen und geheilten Herzen und der schimmernden Hoffnung, dass es den einen Romeo da draußen geben muss. Das ist Episode 1.

Es war einmal.

So fängt meine Liebesgeschichte nicht an, aber die Liebesgeschichte meiner Eltern. In ihrer Geschichte saßen in einer Nacht 1985 zwei Menschen in zwei Autos mit zwei entgegengesetzten Zielen. Beide fuhren eine Straße entlang, in der es durch parkende Autos in dieser Nacht statt zwei nur eine befahrbare Seite gab. Beide sahen das Dilemma kommen, fuhren aber ungeachtet davon weiter und kamen direkt voreinander zum Stehen. Er stieg aus seinem Auto aus. Sie blieb in ihrem sitzen. Er ging zu ihrem Fenster. Sie kurbelte es herunter. Beide wussten sofort, dass der andere einen Dickschädel hat. Und beide hatten weit geöffnete Augen, als sie anfingen zu reden. Sie wollten sich wiedersehen, weil dieser Moment besonders war.

Fast forward in die Gegenwart

In diesem Moment stehe ich vor dem Ganzkörperspiegel meiner 1,5-Zimmer-Wohnung in Berlin Mitte. „Bin ich schon bereit, wieder auf ein Blind-Date zu gehen?“, frage ich mich, während ich verschiedene Oberteile hinter mich aufs Bett schmeiße. In meinem Outfit für heute Abend sind die Jeans und Schuhe als Grundgerüst gesetzt. Das sind sie immer, wenn ich auf Dates gehe. Die Jeans stehen fest, weil ich nur ein Paar besitze, das wirklich sitzt und ich zu faul bin, ein zweites zu finden, das zu meiner unüblichen, birnenähnlichen Körperform passt. Und die Schuhe bleiben immer gleich, weil ich in diesem einen Paar mit der dicken Sohle aufrechter dastehe. Obwohl ich mit meinem Körper mit 28 Jahren halbwegs Frieden geschlossen habe, was konkret bedeutet, dass ich mein Gesicht, meine Oberschenkel und meine Unterarme unheimlich gerne präsentiere, weiß ich auch, was ich anziehen muss, um mich im Rest wohlzufühlen. Nur beim Oberteil bin ich heute unschlüssig, welches Teil mich am besten unterstützt und durch eine Phase Febreze erneut tragbar ist. Bin ich unsicher geworden nach der langen Dating-Pause?

Generation Beziehungsunfähig – als wären wir eine Generation aus Zombies, die statt Gehirnen Herzen frisst.

Ich treffe mich heute zum ersten Mal mit Doktor Dennis, so ist er in meinem iPhone abgespeichert, weil er bald Arzt wird und ich Alliterationen mag. Ich habe ihn vor ein paar Wochen bei Tinder gematcht und fand ihn in der Konversation ein bisschen langweilig, aber sympathisch genug, um mich mit ihm zu verabreden. „Ach, Tinder“, höre ich die deutsche Stimme unserer Generation, Michael Nast, in genau diesem Moment irgendwo in Deutschland enttäuscht in einem ausgebuchten Vorlesungssaal sagen. „Ja, Tinder!“, würde ich dem 42-jährigen Autor gerne entgegenschreien. Und teilten wir mal einen Drink in dieser Bar, die er laut seines Bestseller-Buches ausschließlich frequentiert, würde ich ihn fragen, warum er so zynisch ist. Generation Beziehungsunfähig – das kann und will ich einfach nicht mehr hören. Als wären wir eine Generation aus Zombies, die statt Gehirnen Herzen frisst. Wenn ich mich einer Generation zugehörig fühle, dann ist das Generation Michael-Nast-unfähig. Ich will mich mit jemandem fallen lassen, fast verlieren. Dafür muss ich mich nun erstmal wieder von der Dating-Klippe stürzen, aber ich bin bereit. Einigermaßen.

„Mist!“, denke ich, denn ich bin zwar bereit, aber vor allem auch spät dran. Ich sprinte zurück zum Spiegel im Schlafzimmer, streife ein schwarzes Hemd über und greife zu meinem Lieblingsparfum. „Und?“, frage ich beim letzten Spiegelblick. Die Frisur: „Out Of Bed“-Look. Das Outfit: sitzt an den optimalen Stellen. Das Parfum: zu dick aufgetragen. Alles, wie es sein soll. Vor der Tür sage ich mir noch „Geldbeutel, Handy, Schlüssel, Zigaretten, Taschentücher, Smint“ laut vor und verlasse meine Wohnung. Dann geht alles ganz schnell. Zigarette an. Zigarette aus. Smint. „Bist du Julius?“, „Ja“.

Das Date mit Doktor Dennis

In der Bar meines Vertrauens, dem Dave Lombardo, merke ich erst, wie aufgeregt ich bin, als mir die Kellnerin ein Rollberg-Bier in die Hand drückt. Meine Hand und das Glas zittern und das Bier schlägt Wellen als würde der T-Rex aus Jurassic Park durch das Barfenster schauen. „Alles ist okay“, sage ich mir beruhigend vor, während ich die Bewegung Dennis brauner Augen beobachte und mich frage, ob ihm das Zittern auffällt. Meine letzte Beziehung – der Ire und ich – liegt eigentlich schon ausreichende fünf Monate zurück, aber die Trennung hat mich ziemlich mitgenommen, mehr als ich das gedacht und mir anfangs eingestanden habe. Es war eine Beziehung mit „Ich liebe dich“ auf meiner Seite, „Ich will dich nicht verlieren“ auf seiner und einer Trennung, die trotzdem kam, weil wir am Ende nicht passen konnten. Das hat mir wehgetan und manchmal denke ich noch an sein schütteres Haar zurück und dann fallen mir kleine Witze ein, die nur wir zwei teilten. Aber vor zwei Wochen habe ich endlich die gemeinsamen Bilder von meinem Smartphone gelöscht.

Als ich mit meinen Gedanken wieder im Dave Lombardo bin, merke ich, dass das Date mit Doktor Dennis eigentlich ganz gut und unspektakulär verläuft. Er erzählt mir von seinen Tagen in der Charité, ich erzähle ihm von dem Schulzeiten-Albtraum, den ich in der Nacht zuvor hatte. Und obwohl ich mein Bier gerade aufgrund des Zitterns wie eine Babyflasche mit zwei Händen halte, grinst er und legt seine Hand auf meinen Oberschenkel. Ich mag das an einem Mann, diese unaufgeregte Art und wenn er im Moment ist. Zwei weitere Biere und ein Rotwein, ich habe mittlerweile bestimmt eine Stunde lang die Storylines meiner liebsten TV-Serien wiedergegeben, und wir bezahlen die Rechnung. „Ich bring dich noch nach Hause“, sagt er und ich freue mich, weil ich weiß, dass ein Abschiedskuss vor meiner Haustür wartet.

Nach dem Sturz ist vor dem Sturz

Vor der Bar befreit der Doktor sein Fahrrad. Wir laufen die Straße runter und er nimmt meine Hand. Ich halte sie fest und wir sagen ein paar Minuten nichts, bis wir in meinem Hinterhof ankommen. Ich mache einen Schritt auf ihn zu. Er beugt sich vor und der Kuss passiert. Er passiert nicht in Zeitlupe und ohne große Gefühle, aber es macht Spaß, ihn zu küssen und ich ziehe ihn wieder und wieder zu mir heran. „Ich fahr dann mal los“, sagt er schließlich und öffnet seine praktische Kurierfahrertasche. Erst holt er einen Helm heraus. „Gut, dass er sicher unterwegs ist“, denke ich. Dann eine Klammer für das Hosenbein. Okay. Dann Gelenkschoner. Zuletzt zieht er eine Warnweste in einer Orange-Gelb-Kombination an und ein Lachen bricht aus mir heraus. „Bist du von der Verkehrspolizei?“, frage ich und ärgere mich im selben Moment, dass mir kein schärferer Witz eingefallen ist. „Nein, aber man kann nie sicher genug sein.“ Ich muss wieder lachen und trotz seines aggressiv-schrecklichen Outfits finde ich ihn anziehend. Ich reiße einen weiteren schlechten Witz, das Hoftor knallt und er verschwindet schrill leuchtend in die Nacht.

Zurück auf Los

Zwei Wochen später lade ich Doktor Dennis auf ein zweites Netflix-Date zu mir nach Hause ein. Doch als wir in Löffelchen-Stellung auf meiner Couch liegen, ist die milde Spannung, die wir im Hinterhof hatten, ganz verflogen. Wir schauen einen Film und nichts passiert, außer, dass wir uns ein bisschen über den Rücken kraulen und gelegentlich gemeinsam gähnen. Und während die Credits über den Bildschirm laufen, verabschiedet sich der Arzt mit einem halbherzigen Sekundenkuss und verlässt die Praxis.

Irritiert gehe ich zum Balkon, zünde mir eine Zigarette an und puste weißen Rauch in die Berliner Nacht. Obwohl ich nicht weiß, was die letzten Stunden waren, bin ich Doktor Dennis dankbar und schnappe zwischen den Zügen an der Kippe Luft. Wie jeder gute Arzt hat er mir geholfen, etwas zu erkennen, was ich vorher nicht erkannt habe. Ich weiß jetzt, dass ich das wirklich wieder oder immer noch kann, das mit den Dates, dem Knutschen und dem auf etwas Einlassen.

Wie jeder gute Arzt hat er mir geholfen, etwas zu erkennen, was ich vorher nicht erkannt habe.

Aber ich weiß auch, dass ich mir Zeit geben muss. Mein letzter Sturz, die Trennung vom Iren, liegt noch nicht so lange zurück. Ich bin noch vorsichtig und die Erinnerung an den Schmerz steckt mir noch in den Knochen. Deswegen ziehe auch ich mir ein paar Schützer an auf meiner Gralssuche nach der großen Liebe, wie der vernünftige Doktor Dennis. Morgen steige ich zurück aufs Rad. Fahre mit 12 km/h behutsam, aber mit offenen Augen durch die Stadt. Trage einen Helm, aber keine Schoner. Dafür eine Warnweste, auf der in großen Neonbuchstaben „Auf der Suche nach Romeo“ steht. So fängt meine Geschichte an.

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