Filigraner Schmuck aus nachhaltigen Materialien – Zu Besuch bei der Goldschmiedin Julia Fellner

© Charlott Tornow

Man muss nicht immer ein Büro anmieten, um seinen Traum vom eigenen Unternehmen wahr werden zu lassen. Man kann auch einfach aus dem Wohnzimmer heraus arbeiten. Oder aus der Küche. Wie die Goldschmiedin Julia Fellner, die in ihrem kleinen "Studio", das eigentlich eine Küche ist, filigranen Schmuck entwirft, der aus teils nachhaltig produzierten, teils recycelten Materialien besteht. Ich habe Julia besucht und ihr beim Arbeiten über die Schulter geschaut. Während sie eine wunderschöne Mondkette aus Sterlingsilber fertigte, sprachen wir über ihre ersten Anfänge als Goldschmiedin, ihre Vorliebe fürs Kosmische und die Liebe zur Natur.

Mit Vergnügen: Julia, was machst du die erste Arbeitsstunde des Tages? 
Julia Fellner: Ich bleibe im Schlafanzug und verpacke neben einer Tasse Kaffee die fertiggestellten Schmuckstücke und schreibe persönliche Brieflein an die Kunden. Erst danach mache ich mich fertig und der Tag kann beginnen.

Und wie lange arbeitest du täglich?
Eigentlich arbeite ich nonstop. Selbst während Freizeitaktivitäten denke ich über neue Ideen nach. Für mich fühlt sich die Arbeit aber auch nicht wie "Arbeit" an. Ich gehe meiner Passion nach und lebe meinen Traum. Das ist wirklich ein schönes Gefühl.

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Was weißt du heute, was du nicht wusstest, als du gestartet hast?
Dass es sehr schwer ist, nachhaltige Produkte zu finden. Abgesehen von Edelmetallen und Edelsteinen hat es ziemlich lange gedauert, bis ich nachhaltig produzierte Verpackungsmaterialien gefunden habe. Mittlerweile findet sich Stück für Stück alles zusammen, es hat nur länger gedauert als erwartet.

Warum ist dir Nachhaltigkeit so wichtig? Und warum sollte man vor allem als Konsument auf Nachhaltigkeit bei Schmuck achten?
Für den regulären Goldabbau werden Zyanit und Quecksilber benutzt. Dieser Giftmüll landet jährlich tonnenweise in unserer Natur und verunreinigt das Grundwasser. Hierbei handelt es sich um ca. 200.000 Tonnen Giftmülll pro Jahr allein im Amazonas. Außerdem werden Menschen ausgebeutet und nicht selten arbeiten Kinder auf diesen Mienen.  Schmuck ist ein Luxusprodukt und hinter niedlichen Schmuckstücken verbirgt sich oft eine ganz hässliche Geschichte. Es ist noch sehr schwer, 100% fair zu arbeiten. Auch ich muss manchmal auf Produkte aus dem regulären Markt ausweichen, weil mir keine andere Wahl bleibt. Je größer die Nachfrage wird, desto mehr kann man aber den Markt nachhaltig beeinflussen.

Und wie steht's um Recycling?
Recycling ist wunderbar, allerdings keine Lösung, da der Bedarf viel größer ist und man nur circa 30% der Nachfrage an Edelmetallen damit decken kann. Wenn ihr also noch alten Schmuck habt, den ihr wirklich nicht mehr tragt, dann zögert nicht lange, diesen wieder in den Umlauf zu bringen. Damit könnt ihr schon viel Gutes tun.

Unserer Erde zu Liebe: Arbeitet so nachhaltig wie möglich.
Julia Fellner

Wenn du einen Tipp hättest für Menschen, die diesen Job machen wollen, welcher wäre es?
Unserer Erde zu Liebe: Arbeitet so nachhaltig wie möglich.

Was war die größte Herausforderung im letzten Monat?
In den Urlaub zu fahren! Mein kleines Unternehmen ist noch so jung und ich lasse es ungern allein.

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Welcher Ratschlag wird in deiner Branche oft gegeben, ist deiner Meinung nach aber nicht wichtig?
Große Stückzahlen im Ausland produzieren zu lassen, um mehr Profit zu erzielen.

Wolltest du schon immer Schmuckdesignerin werden?
Ich bin Goldschmiedin! Als Kind hatte ich den Traum schon, allerdings abwechselnd mit anderen Träumen. Erst mit 19 kam ich wieder auf die Idee, Goldschmiedin zu werden, als mir meine Großmutter erzählte, dass sie sich, wäre mein Großvater noch am leben, ein Schmuckstück mit der Sternenkostellation "Kreuz des Südens" gewünscht hätte. Intuitiv wusste ich, dass das mein Lebensweg sein wird und so habe ich am nächsten Tag angefangen, mir einen Goldschmiedebetrieb rauszusuchen, bei dem ich die Ausbildung machen konnte. Durch das Kreuz des Südens kommen noch immer meine sehr kosmischen Ideen.

Für mich fühlt sich die Arbeit aber auch nicht wie "Arbeit" an. Ich gehe meiner Passion nach und lebe meinen Traum. Das ist wirklich ein schönes Gefühl.
Julia Fellner
© Charlott Tornow
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Was machst du, um dich an einem schlechten Tag zu motivieren?
Ich akzeptiere, dass es ein schlechter Tag ist und mache die Dinge bei denen ich wieder zu mir finde. Zum Beispiel gehe ich gerne laufen. Wenn es mir danach nicht besser geht, versuche ich den Werktisch zu meiden. Zum einen möchte ich keine negative Energien in meinen Schmuck fließen lassen und zum anderen tendiere ich dazu zehnmal so lang für ein Stück zu brauchen.

Was macht dir an deinem Job am meisten Spaß?
Dass ich den Prozess sehe und Teil des Prozesses bin. Die Arbeit ist so greifbar und so nah.

Was nervt dich regelmäßig? Erzähl mir von einer Situation, wo du alles hinschmeißen wolltest.
Ich wäre gerne gelernte Steuerberaterin, dann würde mich nichts nerven. Aber das ist schon eine stetige Herausforderung für mich und da hatte ich hier und da meine Zweifel, ob ich das alles packe. Langsam wachse ich aber hinein... Außerdem führt mein Freund die Excel-Tabelle und das ist eine riesige Unterstützung.

© Charlott Tornow

Wie viel Startkapitel hast du gebraucht?
Für mich waren es 6.000 Euro, die ich mir als Backpacker in Australien auf einer Hopfenfarm angespart habe. Prost!

Wie lange hast du gebraucht, um von deinem Job leben zu können?
Circa neun Monate. Seitdem der Onlineshop aktiv ist, läuft es wie von allein. Das ist fast wie Magie.

Willst du noch weiter wachsen?
Auf jeden Fall, mein nächster Step wird es sein, ein Atelier zu mieten und gegebenenfalls Kurse zu geben. Da ich momentan nur für mich arbeite, vermisse ich den Kontakt zu anderen sehr. Außerdem liegt es mir am Herzen, den Leuten zu zeigen, dass dieses Handwerk ein ganz besonderes ist.

Ich wäre gerne gelernte Steuerberaterin, dann würde mich nichts nerven.

Wie sehen deine Hände am Ende des Tages aus.

© Charlott Tornow

Vielen Dank, Julia!

Noch mehr kleine, handwerklich arbeitende Unternehmen aus Berlin findet ihr in unserer Rubrik "Kleine geile Firmen".

Alle Fotos wurden mit der Sony Alpha 7 II gemacht.

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