11 Berliner Orte, an denen die Zeit stillzustehen scheint

Wie viele Großstädte, ist auch Berlin ständiger Entwicklung und stetigem Wandel ausgesetzt. Modernisierung bedeutet bis zu einem gewissen Punkt allerdings auch immer ein schleichendes Verschwinden von lieb gewonnenen Orten, Gebäuden oder die Stadt prägenden Institutionen des öffentlichen Lebens. Klar, ein Abschied bedeutet immer der Beginn von etwas Neuem.

Einige Dinge wie zum Beispiel die alten Litfasssäulen vermisst man allerdings schon ein bisschen. Aber es gibt sie noch, die Orte, Plätze, Dinge, die einen an alte Zeiten erinnern. Im Positiven wie Negativen. Jede*r von uns legt den Fokus da natürlich ein bisschen anders. Hier findet ihr unsere 11 Vorschläge, wo ihr in Berlin noch auf mal mehr, mal weniger alten Spuren wandeln könnt.

1. Die verwinkelten Gassen im Nikolaiviertel

Nur wenige Meter hinter dem Roten Rathaus eröffnet sich uns eine kleine Welt, die sich kaum größer von ihrer Umgebung abheben könnte: das Nikolaiviertel mit seinen verwinkelten Gässchen. Die engen, kleinen Straßen mit der Nikolaikirche als Mittelpunkt sind ein Teil des historischen Stadtkerns von Alt-Berlin und bieten sich immer für einen romantischen Spaziergang an.

Was wohl nicht alle wissen dürften: Das Nikolaiviertel in seiner heutigen Form ist keine 40 Jahre alt! Nach der Zerstörung im Krieg wurde es lange vernachlässigt und erst in den 1980er Jahren wieder aufgebaut. Trotzdem lohnt sich bei dieser einmaligen Atmosphäre immer ein Besuch.

dorotheen
© Daliah Hoffmann

2. Der Look von Clärchens Ballhaus

Die Geschichte von Clärchens Ballhaus ist trotz mehrerer Besitzerwechsel eng mit der Gründerin und Namensgebern Clara Bühler verbunden. In Berlin geht man seit Generationen zum Schwoofen oder Futtern nicht ins Ballhaus, sondern zu Clärchen. Dabei sieht das Haus von außen eher unscheinbar aus. Durchquert man jedoch den Vorgarten und betritt das Innere, eröffnet sich einem eine neue Welt.

Das zu den letzten seiner Art gehörende Ballhaus nimmt einen sofort mit in die Zeit vor 100 Jahren. Durch die einmalige Atmosphäre und besonders die Optik von Ball- und Spiegelsaal hat das Clärchens inzwischen auch international seine Fans: Mehrere Hollywoodproduktionen wurden hier gedreht. Ob einige der Schauspieler später dann noch zum Schwoofen vorbeigekommen sind? Wer weiß…

Collage vom Spiegelsaal im Clärchens Ballhaus
© Wiebke Jann

3. Das dörfliche Flair in Rixdorf

Rixdorf, Neukölln: Vor der Bethlehemskirche direkt auf dem Richardplatz fährt auf dem Kopfsteinpflaster eine Droschke des ortsansässigen Pferdefuhrwerks Gustav Schöne vorbei und verschwindet hinter der historischen Schmiede. Einige Autofahrer*innen warten entspannt, bis sie weiterfahren können. Moment einmal: Autos? Ja genau: Wir befinden uns im Hier und Jetzt und nicht in der Zeit vor 200 Jahren. Zwischen den großen Neuköllner Hauptverkehrsachsen Sonnenallee und Karl-Marx-Straße hat das beschauliche Rixdorf seine Mischung aus urbanem Leben und dörflichem Charakter erhalten.

Besonders die Kirchgasse mit ihren zahlreichen kleinen, zweistöckigen Gebäuden und dem Kopfsteinpflaster gibt einem einen Einblick, wie das Leben vor hundert Jahren hier stattgefunden hat. Wenn, ja wenn nur die ganzen parkenden Autos nicht wären. Aber das bekommen wir bestimmt auch noch hin, lieber Berliner Senat.

© Felix Kayser

4. Die Kaffeehausatmosphäre im Café Einstein Stammhaus

Außen Stadtvilla, im Inneren wiederum Wiener Kaffeehaus, intellektuelles Publikum inklusive: Das Café Einstein Stammhaus in der Kurfürstenstraße versetzt einen bei einem Besuch schnell in die Zeit Siegmund Freuds. Die dunkle, edle Holzvertäfelung an den Wänden, eine Beleuchtung, die perfekt abgestimmt wirkt und Bedienungen, von denen wir uns in punkto Stil und Etikette noch einiges abschauen können: Hier wird Kaffeehauskultur nicht gelebt, sondern zelebriert.

Dazu passt natürlich die authentisch österreichische Küche mit Schlutzkrapfen, Tafelspitz & Co.. Besonders hervorzuheben ist auch das Frühstück, das es typisch Berlin bis in den späten Nachmittag gibt. Melangé bestellen, Zeitung schnappen, Atmosphäre genießen. Genial!

Stammhaus Einstein
© daliah hoffmann

5. Der geschichtsträchtige Dorotheenstädtische Friedhof

Der Dorotheenstädtische Friedhof in Mitte ist nicht nur ein idyllischer Ort für einen kleinen Spaziergang, er nimmt euch auch mit auf eine Zeitreise durch die Geschichte. Zahlreiche bekannte Persönlichkeiten der deutschen Geschichte liegen hier begraben. Ihr schlendert vorbei an Künstler*innen jeder Art, Wissenschaftler*innen von Weltrang, an stilprägenden Philosoph*innen und mit Johannes Rau ist auch ein ehemaliger Bundespräsident mit dabei.

Gleichzeitig fühlt man sich durch die mit Efeu und anderen Kletterpflanzen begrünten alten Steinmauern und die zahlreichen Statuen, gusseisernen Kreuze und Stelen zurückversetzt ins alte Preussen.

Dorotheenstädtischer Friedhof
© Thomas Hauser

6. Der an einen Schlossgarten erinnernde Körnerpark

Wer zum allerersten Mal den Körnerpark besucht, kommt aus dem Staunen kaum noch heraus. Die von drei Seiten von Mauern eingefasste Parkanlage mit der Orangerie an der Kopfseite hebt sich so stark von seiner Umgebung ab, dass sich einem folgende Frage stellt: Wo stand das dazugehörige Schloss? Die Antwort: Das gab es nie. Vielmehr ist der Körnerpark vor über 100 Jahren vom namensgebenden Unternehmer Franz Körner der Stadt Rixdorf geschenkt worden mit der Bedingung, dass die Anlage seinen Namen trägt und der Öffentlichkeit zugänglich bleibt.

Das inzwischen denkmalgeschützte Areal lag danach allerdings viele Jahrzehnte in der Einflugschneise des Flughafen Tempelhofs – und damit außerhalb der Wahrnehmung der Stadt. Verwahrlosung war die Folge. Heute strahlt der Park allerdings wieder in voller Pracht. Wobei die vielen Blumen und Pflanzen ihn zu einem der schönsten der Stadt machen.

© Iman Azizi

7. Die Optik des Rudolph-Wilde-Parks

Der direkt am Rathaus Schöneberg gelegene Rudolph-Wilde-Park besteht quasi aus zwei Teilen, weil die U-Bahn ihn oberirdisch durchquert und ihn somit in zwei Hälften teilt. Was auf den ersten Blick wenig aufregend klingt, ist in diesem Fall der absolute Clou: Die U-Bahn-Station des Rathauses ist zu beiden Seiten verglast und erinnert in ihrer Optik an eine Orangerie mit Säulenfassade – inklusive eines tollen Parkblicks beim Aussteigen aus der Bahn.

Dadurch, dass sie sich perfekt in ihre Umgebung einpasst, gilt sie zudem als eine der schönsten der Stadt. Einzigartig ist sie auf jeden Fall. Gleichzeitig nimmt einen auch der Park mit seinem schnuckeligen Ententeich und seiner sanften, leicht hügeligen Landschaft mit auf eine Zeitreise ins Berlin vor 100 Jahren. Hier könnte man auch den ein oder anderen historischen Film drehen.

© Wiebke Jann

8. Die Einschusslöcher aus dem Weltkrieg

Berlin setzt sich an vielen Stellen mit seiner und auch der damit verbundenen deutschen Geschichte auseinander. Oft geschieht das in Form von Ausstellungen, um den Interessierten Aufklärung und weiterführende Informationen über Zeiten zu geben, die nicht zu den Glanzleistungen dieser Nation zählen. Es gibt allerdings vereinzelt Orte, bei denen auf den ersten Blick – manchmal vielleicht ein wenig subtil – Zeitgeschichte vermittelt wird.

Die Rede ist von den aus Kriegszeiten stammenden Einschusslöchern, die über die Stadt verteilt immer wieder zu entdecken sind. Besuche der Villa Parey in Tiergarten, der Sophienkirche oder wie auf dem Bild des Dorotheenstädtischen Friedhofs geben uns so einen Einblick in die jeweilige Historie, die eigentlich keine Ausstellung benötigt. Wer einen solchen Ort entdeckt, kann sich denken, wie schwer die Kriegszeit gewesen sein muss.

Collage von Einschusslöchen in Häuserwänden in Berlin
© Tom Hauser

9. Der verwilderte Jüdische Friedhof Weißensee

Der jüdische Friedhof in Weißensee ist mit einer Größe von knapp 42 Hektar und mehr als 115.000 Gräbern der größte noch erhaltene seiner Art in ganz Europa. Neben der Vielzahl an bekannten Berliner Persönlichkeiten, die hier begraben sind, ist es besonders die Natur, die einen begeistert: Große Teile des Parks verwildern zusehends, was ihm eine leicht mystische, romantische Stimmung verleiht.

Bei aller Hochachtung vor diesem Ort: Hier sieht es teilweise wie in einem Märchenwald aus. So dunkel und düster wie der Jüdische Friedhof Weißensee an manchen Stellen wirkt, ist leider auch ein Teil seiner Geschichte. Deswegen bewegt euch bitte mit dem nötigen Respekt auf dem Areal.

© Wiebke Jann

10. Lustwandeln im Viktoriapark

Berlin hat so ziemlich alles, warum also nicht auch einen Wasserfall! Am Kreuzberg im Viktoriapark plätschert er je nach Jahreszeit und Witterung mal munter, mal eher seicht in Richtung Großbeerenstraße herab. Das besondere ist allerdings nicht nur der – natürlich künstlich angelegte – Wasserfall, sondern auch den Blick, den er ermöglicht. Durch seinen relativ geraden, von Vegetation gesäumten Strom ermöglicht er eine Sichtachse von der Straßenhöhe bis hoch zum dem Bezirk seinen Namen gebenden Kuppe des Kreuzbergs mit ihrem Denkmal.

Viele kleine Wasserstellen entlang der Wege und die hügeligen Liegewiesen schaffen den Eindruck, dass hier die Zeit stillsteht und das hektische Großstadtleben fast nicht existiert. Für solche Gegenden wurde vor langer Zeit der inzwischen aus der Mode gekommene Begriff "Lustwandeln" erfunden.

© Wiebke Jann

11. Das Cafe Achteck

Und zum Schluss unserer kleinen zeitgeschichtlichen Reise kommen wir zu einer Berliner Institution, die vielen Generationen von uns im wahrsten Sinne des Wortes Erleichterung verschafft hat und die wir über die ganze Stadt verteilt an Parkanlagen und Plätzen finden. Der gewohnt sarkastische Berliner Volksmund hat diesen Örtchen den schillernden Namen "Cafe Achteck" verpasst, wer den Text aufmerksam gelesen und die Hinweise verstanden hat, weiß: Es handelt sich um die grünen Bedürfnissanstalten, also Toiletten, die das Stadtbild über Jahrzehnte mitgeprägt haben.

Heute sind sie fast aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden und durch wenig ansehnliche, moderne Varianten ersetzt worden. An manch einer Ecke findet man sie allerdings noch in ihrer ursprünglichen Optik. Generationsübergreifende Erleichterung macht sich breit!

Collage vom sogenannten Cafe Achteck, Toilettenhäuschen am Senefelder Platz
© Tom Hauser
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