Kinder sind die undankbarsten Kröten der Welt

© Wiebke Jann

"Cool trotz Kind" ist für alle Eltern dort draußen. Autor Clint durchläuft dafür sämtliche Lebensentwürfe. Auf drei Jahre Kleinfamilie folgten vier Jahre Wechselmodell. Inzwischen hat er eine Freundin, die selbst Mutter ist. Dabei war er immer zufrieden, mit seiner Tochter Wanda* nur ein Einzelkind zu haben. Doch Zeiten ändern sich. Clint findet man auch bei Instagram.

Cool trotz Kind. Das ist bei Weitem nicht so leicht, wie es klingt. Mit einem Kind nicht, und schon gar nicht mit mehreren. Die bringen es fertig, nach einem ganzen Tag voller kinderfreundlicher Beschäftigungen noch unzufrieden zu sein.

Gerade wieder erlebt: Samstag früh Aussichtsplattform im Fernsehturm, danach Karussell fahren auf dem Alex. Erste Trotzanfälle beim Bonuskind, weil es nicht Kettenkarussell fahren will. Man schlägt vor, dass es stattdessen im Kinderkarussell nebenan mitfährt, woraufhin es mürrisch auf einen Fiberglas-Dino klettert und einem bei jeder Runde böse Blicke zuwirft.

Die Gruppe begibt sich unverdrossen zum Spielplatz, wo sich das Bonuskind wieder einkriegt. Dafür flippt das eigene Kind aus, weil ihm irgendein Turnkunststück nicht gelingt. Tränen und Geschrei. Man ist seit sechs Stunden wach. Seit sechs Stunden hat man keinen Gedanken in eigener Sache gedacht, keinen Handgriff zum eigenen Wohl getan, kein Erwachsenengespräch geführt. Alles drehte sich um die hundsvermaledeite Brut, und dann besitzt die auch noch die Unverschämtheit, nicht vollkommen glückselig zu sein.

"Schluss, aus!", möchte man rufen. "Nächsten Samstag bleiben alle in ihrem Zimmer. Und wenn ich nur einen Mucks höre, dann gehen wir auseinander und schließen uns anderen Familien an!"

Undankbar, rotzfrech und naseweis

Natürlich ist es mit der Undankbarkeit bei den lieben Kleinen längst nicht getan. Zu allem Überfluss sind sie auch unerträgliche Klugscheißer und naseweis noch dazu. Einerseits freuen sie sich über Mythen im Alltag, möchten gern an das Christkind, den Osterhasen, an Feen und Einhörner glauben. Aber dann stellen sie pausenlos investigative Fragen, die es einem unmöglich machen, diese Mythen glaubhaft am Leben zu erhalten.

Auch gerade erlebt: Meine Freundin Judith hatte die schöne Idee, eine Nachtwanderung mit Schatzsuche zu veranstalten. Tagelang hetzt man durch die Gegend, um Taschenlampen und eine Schatzkiste und Klimbim für die Schatzkiste zu kaufen. Man bastelt aufwendige Markierungen, geht im Vorfeld die Route ab, denkt sich einen passenden Mythos aus, in dem Fall: Beim Gang zum Späti habe ich einen Räuber getroffen, der mir verraten hat, dass ein Schatz im Humboldthain liegt.

Kinder sind die natürlichen Feinde des Einhorns

An besagtem Abend verlässt man die Wohnung. Offiziell ist das der Gang zum Späti. In Wirklichkeit geht man zum zweiten Mal die Route ab, platziert die Markierungen, kauert fluchend im Dreck unterm Flakturm, wo man mit einer Kinderschaufel im Geröll herumhackt, um ein Loch für die Schatzkiste zu graben. Weil man in Berlin ist, hat man nicht mal an diesem einsamsten aller Orte seine Ruhe, sondern wird alle drei Sekunden von nichtsnutzigen Schaulustigen gestört, die einen fassungslos anglotzen.

Dann endlich die Nachtwanderung. Statt sich auf den Weg zu konzentrieren, statt die Markierungen zu suchen, statt den so mühsam erzeugten Zauber zu genießen, stellen Kind und Bonuskind pausenlos rotzfreche Fragen:

"Wie sah denn der Räuber aus? Warum hat er ausgerechnet dir das verraten? Wo sind eigentlich die Getränke, die du beim Späti kaufen wolltest? Woher weiß der Räuber, dass ich Dinos mag?"

Gut, ja, im Moment der Hebung des Schatzes, der zum Glück nicht von flanierenden Druffis geklaut wurde, sieht man für den Bruchteil einer Sekunde leuchtende Augen. Mission accomplished. Auf dem Heimweg wird fröhlich gejauchzt. Noch eine schnelle Folge "Ladybug", dann Abmarsch ins Bett. Das Bonuskind schläft bereits, das eigene Kind schließt die Augen. Man atmet auf, freut sich auf die ein, zwei Stunden, die man an diesem Abend noch Paar sein kann, da wird man an der Tür noch mal zurück gerufen: "Papa? Sag mal ehrlich. Das warst doch du, der den Schatz versteckt hat, oder?"

* Name geändert