Berliner am Sonntag: Die Herausforderung annehmen mit Nora Tschirner und Alexander Fehling

© Hella Wittenberg

Der Sonntag ist heilig! Wir haben uns gefragt, was waschechte, zugezogene oder ganz frisch gebackene Berliner an diesem besten Tag der Woche eigentlich so tun? Lassen sie alle Viere gerade sein oder wird doch gearbeitet, was das Zeug hält? Sind sie „Tatort“-Menschen oder Netflix-Binger, Museumsgänger oder festgewachsen am Balkon? Brunchen sie mit Freunden oder trifft man sie allein im Wald beim Meditieren an? Wir haben bei unseren liebsten Berlinern nachgefragt.

Das sagen die Schauspieler*innen Nora Tschirner und Alexander Fehling über ihren Sonntag

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Ist der Sonntag ein besonderer Tag für euch?

Nora Tschirner: Ich hasse Sonntage. Die Fremdbestimmung gefällt mir daran schon nicht. Alles steht still, die Läden haben zu und ich soll jetzt auch Pause machen. Für mich ist das ein Downer.

Alexander Fehling: Bei meinem Arbeitsplan gibt es nicht den üblichen Sonntag. Ich arbeite auch mal am Wochenende und habe dafür beispielsweise Montag frei. Aber wenn ich so etwas wie Nora spüre, dann hilft es mir immer rauszugehen und Sport zu machen.

Nora: Das würde vielleicht funktionieren, aber ich bin dann direkt so antriebslos. Das ist ein Perpetuum mobile des Grauens für mich. Mir helfen an Sonntagen eher Freunde, die an einem Ort sind, der weit draußen liegt. Sodass ich rausfahren und mich automatisch bewegen muss. Aber auch so was wie Joggen kann ich überhaupt nicht leiden. Das ist mir zu viel Selbstzweck. Tanzen oder Reiten sind mir lieber. Und zum Thema Rennen habe ich nur noch eine Sache zu sagen: Da geht man einfach früher los. Dann muss man auch nicht rennen.

Alexander: Dir fehlt das Stoische.

Nora: Da sagst du was. Vor ein paar Jahren musste ich durch einen Prozess durch, für den ich extrem viel Mut brauchte und in dem ich mich nicht beirren lassen durfte. In der Zeit habe ich mir auf meinem Telefon als Sperrbild mein Krafttier – ein asiatisches Rind – gespeichert und mir immer wieder gesagt: „Bleib’ stoisch!“

Ein ruhiger Sonntag und Brunchen sind wohl nicht euer Ding?

Nora: Wenn ich schon „ruhiger Sonntag“ in Kombination mit „Brunchen“ höre, werde ich grummelig. Ich mag Ruhe. Aber keine verordnete. Ich finde es dagegen fantastisch, wenn ich am Sonntag arbeiten kann. Nur passiert das leider nicht so oft.

Also brauchst du an freien Sonntagen Menschen um dich herum?

Nora: Ja, mit Freunden verabreden, alle in meiner Wohnung haben oder zusammen einen Ausflug machen, finde ich super. Es würde mir wahrscheinlich auch helfen, wenn die Läden offen hätten. Ich muss nicht mal dringend etwas einkaufen wollen, aber es macht mich nervös, das sie alle geschlossen haben.

Alexander: Du willst selbst entscheiden, wann du etwas machst und wann nicht. Das verstehe ich total. Und ich mag es auch, wenn ich an Sonntagen arbeiten kann. Gegen sieben Uhr aufstehen, um acht Uhr auf dem Weg irgendwohin sein und dabei merken, dass die ganze Stadt noch pennt.

Nora: Oh ja, darin liegt echt eine Schönheit. Es beruhigt mich, wenn so früh alle um einen herum noch schlafen. In diesen Momenten bin ich viel mehr mit der Welt in Kontakt.

Es beruhigt mich, wenn alle noch schlafen. In diesen Momenten bin ich viel mehr mit der Welt in Kontakt.
Nora Tschirner

„Gut gegen Nordwind“ startet am 12. September 2019 in den Kinos.

Wenn man euch in "Gut gegen Nordwind" sieht, bekommt man das Gefühl, es wäre keine schlechte Idee, auch mal eine handyfreie Zeit für jeden festzulegen.

Nora: Also ich nehme die auf jeden Fall schon für mich. Ich bin ein Suchttyp und habe da eine richtige Klebefunktion. Ich muss das wohl dosieren, weil mich das Handy sonst depressiv macht.

Alexander: Ich lese nun mal auf dem Handy Zeitung. Und das nicht zu wenig. Manchmal macht mich die Elektronik schon wahnsinnig. Wir Menschen sind ja auch nicht dafür geschaffen. Wir spüren das. Wir können beispielsweise schlechter einschlafen, wenn wir direkt vor dem Augenschließen noch das Handy vor uns hatten. Deswegen lese ich abends lieber noch ein Buch.

Nora: Das geht mir ähnlich. Ich finde es gerade auch richtig angenehm, abends wenigstens noch so zehn Seiten zu lesen. Aber die neue Elektronik begegnet mir auch als Segen. Zum Beispiel habe ich durchs Streaming das Musikentdecken und Stöbern meiner Jugend wieder sehr in mein Leben zurückgeholt. Erst heute führt das aber bei mir sogar mal zum Vinylkauf und langgeplanten Konzertkartenkauf. Zuletzt ging es mir mit "Soliloquy" von Lou Doillon so. Das Digitale hat mich also im Prinzip analoger gemacht. Ich kann nun endlich der Musiknerd sein, der ich gefühlt schon immer war.

Gehört Musikhören zu einem guten Sonntag dazu?

Nora: Ja, aber dann vor allem im Auto, denn da kann ich sie richtig laut hören. Dann brauche ich auch lange Autostrecken, weil ich etwas, das ich mag, in heavy rotation laufen lasse.

Alexander: Das kenne ich. Ich habe in meinem Auto auch so eine tolle Anlage, das ich manchmal gar nicht nach Hause will.

Nora: Drehst du dann auch mal Extrarunden? Noch mal auf die Autobahn und zurück? Mir geht das so. Ich fahre dann wirklich in Pankow noch mal rauf, weil ich noch nicht fertig bin. Also so emotional.

Gibt es weitere positive Assoziationen, die ihr mit einem Sonntag habt?

Nora: Nur wenn ich an das An einem Sonntag im August an der Kastanienallee denke.

Alexander: Ah ich weiß noch, da gab es wirklich mal ein Stullenbuffet für fünf Mark!

Nora: Und Absinth!

Ich kann nun endlich der Musiknerd sein, der ich gefühlt schon immer war.
Nora Tschirner
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Welcher Ort in Berlin bedeutet euch wirklich etwas?

Nora: Der Biomarkt am Gesundbrunnen, denn der hat auch am Sonntag auf. (lacht)

Alexander: Es gibt in Friedrichshain das Ladenkino b-ware. Ein Ort, an dem man die Liebe zum Film in jeder Ecke spürt. Man kann dort auch in der nach Regisseuren geordneten Videothek, Filme ausleihen, DVD ́s natürlich, oder eben Kinofilme sehen. Der Laden sieht so puffig aus, dass ich manchmal denke, die Videothek in der Tarantino vor seinen Anfängen gearbeitet hat, muss ähnlich ausgesehen haben. Es ist großartig dort.

Warum ist Berlin der richtige Ort für euch?

Nora: Ich bin hier geboren. Wäre ich das nicht, wäre es mir hier zu heftig. Ich bin eigentlich nicht für die Stadt gemacht, das merke ich immer wieder. Aber so ist es mein Herz. Ich liebe das Eklektische, das Verspackte – diese ganze Welt, die hier reinschwemmt.

Alexander: Ich denke, ich komme auch gut mit der Stadt aus, weil ich sie von klein auf kenne. Für mich ist es kein Problem, dass sie so groß und im Winter so dunkel ist. Ich weiß dennoch nicht, wofür ich gemacht bin. Da bin ich noch am Herausfinden. Glücklicherweise bin ich häufiger auch an anderen Orten auf der Welt und sehe viele unterschiedliche Länder und Städte. Und dann mag ich das Zurückkommen unheimlich gerne. Wenn man mal länger unterwegs ist und anderes sieht, merkt man erst mal, was Berlin für ein Paradies ist. Wir können verdammt dankbar dafür sein, wie wir hier derzeit noch leben können.

In eurem Film kommt es einem so vor, als sei das wahre Leben der Platz fürs Normale und Langweilige und das Internet ein absoluter Sehnsuchtsort. Könnt ihr das nachvollziehen?

Nora: Ich kenne das von früher, bin aber froh, dass ich dieses Gefühl mittlerweile überwunden habe. Diese Sehnsucht, die einen überall suchen lässt und die doch scheinbar ungestillt bleibt. Das ist so ein Larger-Than-Life-Ding. Aber mein Leben ist über die Jahre glücklicherweise selbst ganz schön large geworden, das reicht mir. Und man kann dieses Unstillbare eben doch für sich erfüllen. Man muss nur herausfinden, wie das für einen funktioniert. Dazu gehört ein Reifungsprozess, Training und nicht etwa nur ein Töpferkurs.

Nora, wenn ein Sonntag nichts für dich ist, wie schützt du dich vor spontanen Überfällen?

Nora: Ich denke schon lange nicht mehr in Problemen, sondern in Herausforderungen. Das macht mich generell zufriedener. Selbst wenn Sonntag ist.

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