Der Schlüssel zur ewigen Liebe und andere Weisheiten: Der Austausch mit Fremden kann gut tun

© Sandra Wulkow

"Oh, das ist ja ein praktischer Becher, junge Frau. Total nachhaltig – was haben Sie denn da drin?". Leicht verwirrt nehme ich meine Kopfhörer aus den Ohren. Ein älterer Herr hat mich freundlich angesprochen und reißt mich damit aus meiner eigenen Gedankenwelt. Ich überlege kurz, ob ich wirklich antworten soll, weil ich es aber (ausnahmsweise) nicht eilig habe, tue ich es. Doch statt seines Weges zu gehen, beginnt er ein Gespräch, das über meinen Becher und verschiedene Teesorten hinausgeht. Vor seiner Rente war er Naturwissenschaftler. Er macht sich viele Gedanken über erneuerbare Energien und auch die Angst der jungen Menschen hinsichtlich ihrer Zukunft bereitet ihm Kopfzerbrechen.

Die kleinen Dinge im Leben, die Mut machen

So kommt es, dass wir über Politik sprechen, über verschiedene Generationen, über seinen Beruf und über die Liebe. Und dabei kenne ich diesen Mann überhaupt nicht. Doch aufgrund seiner warmen, interessierten und respektvollen Art kann ich mich kaum aus dem Gespräch lösen. Ihm geht es genauso und so begleite ich ihn noch zur nächsten Kreuzung, obwohl die gar nicht Teil meiner Runde ist.

"Wir müssen Probleme schon dort lösen, wo sie anfangen und nicht immer erst starten, wenn bereits alles brennt", bleibt mir im Gedächtnis. Und auch den Erzählungen über seine Frau hätte ich noch länger zuhören können: "Als ich in der Sowjetunion gearbeitet habe, hatten wir es nicht leicht. Trotzdem komme ich gleich nach Hause und sie ist immer noch da." Das Gespräch bereichert und inspiriert mich. Deswegen frage ich mich: Warum spreche ich nicht öfter mit Fremden?

Egal ob in der Bahn, zu Fuß und lebensmüde Menschen sogar auf dem Rad: Stets sind die Kopfhörer im Ohr, spielen Musik oder unterhalten uns mit Podcasts – und schotten uns von unserer Umwelt ab.

Tja, die Antwort habe ich sprichwörtlich in der Hand: Meine Kopfhörer und mein Smartphone. Egal ob in der Bahn, zu Fuß und lebensmüde Menschen sogar auf dem Rad: Stets sind die Kopfhörer im Ohr, spielen Musik oder unterhalten uns mit Podcasts. Abgeschottet von der eigentlichen Welt, bewegen wir uns im digitalen Universum durch die Stadt. Kreisen viel lieber in unserer gewohnten und gemütlichen (Mini-)Welt, statt das Außen richtig wahrzunehmen oder unserem Gegenüber in die Augen zu schauen.

@ Melanie Pongratz | Unsplash

Schaut man sich (in den überfüllten) Bahnen um, sieht man es sofort. Niemand spricht, jede*r ist mit sich, ihrem*seinem Smartphone oder den eigenen Gedanken beschäftigt. Und klar nach einer schlechten Nachricht oder einfach dem Wunsch nach dem Alleinsein ist das völlig okay. Schließlich gehört auch eine riesige Portion Mut dazu, fremde Menschen anzusprechen und nicht jede Situation erscheint dafür passend. Nach einem anstrengenden Tag auf der Arbeit ruft die Lieblingsserie, die Couch und eine Umarmung der liebsten Vertrauten mehr nach uns, als ein aufreibendes Gespräch mit Unbekannten. Gerade wenn das Herz nach einem Streit mit dem*der Partner*in schwer ist, fehlt die Kapazität für das Gerede anderer Menschen. Da verkriecht man sich lieber, als mit offenen Ohren durch die Gegend zu laufen.

Trotzdem haben mein Umfeld und ich festgestellt, wie bereichernd es ab und zu sein kann, mit völlig Fremden ein intensives Gespräch, das über das Wetter oder verspätete Bahnen hinausgeht, zu führen. So erfährt man dann im Biergarten das Geheimnis langwährender Liebe oder warum es sich bei der Berufswahl wirklich lohnt, auf das Bauchgefühl zu hören. Manchmal lohnt es sich, den Mut aufzubringen, andere Menschen anzusprechen oder sich auf ein Gespräch mit ihnen einzulassen. Im besten Fall bekommt man so interessante Perspektiven und Meinungen auf verschiedene Themen, die nicht nur aus der eigenen Bubble stammen, und man kann vielleicht neue Denkanstöße mitnehmen.

Ich mache das öfter. Einfach mit jungen Menschen sprechen. Ich möchte sie verstehen und sie sollen verstehen, wie ich denke. Dieser Austausch ist wichtig – ich glaube, damit geht es uns allen besser.

Irgendwann war es aber wirklich Zeit Abschied zu nehmen und eine Sache wollte der Mann, dessen Name ich übrigens nie erfahren habe, mir noch mit auf den Weg geben: "Ich mache das öfter. Einfach mit jungen Menschen sprechen. Ich möchte sie verstehen und sie sollen verstehen, wie ich denke. Dieser Austausch ist wichtig – ich glaube, damit geht es uns allen besser. Also: Verliere das Wesentliche nicht aus den Augen." Manchmal bringt uns ein kurzes Gespräch mit Fremden eben doch weiter als der nächste zweistündige Podcast.

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