Sexplain me that – 11 kuriose Fragen zum Geschlechtsverkehr

© Taras Chernus | Unsplash

Sex gehört zu den aufregendsten Dingen der Welt, ganz klar. Bis es aber im Bett so richtig schön und vor allem gleichberechtigt für alle Beteiligten abläuft, gehört eine Menge Aufklärung, Erfahrung und ja, auch ganz viel Übung dazu. Das Thema Sex ist noch immer mit vielen Tabus behaftet, weil zu wenig darüber gesprochen wird und bis heute viele Mythen rund um den Geschlechtsverkehr kursieren.

Wir wollen das Halbwissen zum Thema Sex aus der Welt räumen und haben uns dafür Verstärkung von einer Expertin geholt. Zusammen mit Frau Dr. Mandy Mangler, Chefärztin der Klinik für Gynäkologie und Geburtsmedizin am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum in Schöneberg sowie am Vivantes Klinikum Neukölln, haben wir sehr offen und ehrlich über Squirting, große Schamlippen und Analsex gesprochen:

1. Bigger, better, faster, stronger – Was sind die Schönheitsstandards unserer Genitalien?

Grundsätzlich gibt es natürlich alle möglichen Rasurtrends – von Enthaarung bis zum Färben. Aber auch Vaginal oder Anal Bleaching sind immer wieder Thema, was ich sehr problematisch finde. Ich stelle vor allem fest, dass sehr viele Vergleiche zu anderen, äußerlich sichtbaren Genitalien gezogen werden. Frauen projizieren Probleme beim Sex sehr oft auf ihr Genital. Manche denken, sie hätten zu große Vulvalippen und kämen deshalb nicht so schnell zum Orgasmus, andere wollen hellere und kleinere Vulvalippen.

Der Penis soll immer möglichst groß, die Schamlippen aber bitte klein sein – das ist doch total bizarr! Diese vermeintlichen Kritikpunkte am Körper der Frau haben meiner Meinung nach auch etwas mit der Darstellung der Vulva, zum Beispiel in den Medien oder in der Pornoindustrie, zu tun. Das führt am Ende dazu, dass Frauen Komplexe haben und so auch systematisch geschwächt werden.

2. Knocking on the back door – Was sollte man alles über Analsex wissen?

Analsex ist vielleicht nicht unbedingt für Anfänger*innen geeignet. Das heißt aber nicht, dass Analsex irgendein Problem darstellt, ich meine nur, dass es ratsam ist, wenn man schon ein bisschen erfahrener ist, denn Analsex birgt andere Gefahren als Vaginalsex oder nicht penetrativer Sex. Wer Analsex ausprobieren möchte, muss wissen, dass der Anus nicht befeuchtet wird, sondern dass immer ein Gleitmittel benutzt werden sollte, weil es sonst schmerzhaft werden kann, besonders für den rezeptiven Part.

Es besteht die Gefahr von Verletzungen am Anus, die echt wehtun und nervig sind. Deshalb immer Gleitcreme nutzen und vorsichtig sein. Mein Tipp: Massiert euch gegenseitig den Anus, um zu gucken, ob das interessant für euch ist. Viele Männer finden das auch toll. Danach kann man den Finger dazu nehmen, Toys mit einbeziehen und den Penis oder einen Dildo einführen. Man kann da nur nicht so stürmisch rangehen wie an Vaginalsex.

3. To come or not to come? Was sollte man alles über den Orgasmus wissen?

Ja, Orgasmen kann man üben. Man sollte sich nicht mit einer orgasmusarmen oder orgasmuslosen Sexualität abfinden. Die Klitoris ist das Organ der Frau, das den Orgasmus hervorruft. Wenn man als Frau bisher keine Orgasmen hatte (und davon gibt es viele), wurde das Organ nicht adäquat eingesetzt. Um das an einem Beispiel zu verdeutlichen: Wenn ich meine Hand nicht benutze, wird sie irgendwann kleiner und schwächer, die Muskeln und Knochen bauen ab, sie verkümmert. Und genau so ist das mit der Klitoris auch.

Die gute Nachricht ist, man kann das trainieren und ist nie zu alt, um einen Orgasmus zu haben. Man sollte die Herausforderung annehmen und gucken, ob es doch geht. Wenn man noch nie einen Orgasmus hatte, empfehle ich erst mal darüber nachzudenken, was mir denn eigentlich wirklich Lust bereitet. Was macht mich heiß? Masturbieren. Herausfinden, wo man sich anfassen muss, was mir Freude bereitet – allein oder zusammen. Irgendwann wird das schon klappen. Das allergrößte Sexualorgan ist noch immer das Gehirn und es hat deshalb auch viel mit der Herangehensweise zu tun.

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4. Welche Mythen über Sex stimmen wirklich – und welche nicht?

Gibt es multiple Orgasmen? Es gibt die Möglichkeit, mehrere Orgasmen in Zeitabständen hintereinander zu erleben, ja. Aber das, was in den Medien immer suggeriert wird, nämlich, dass es nach dem Orgasmus dann noch mal den Superorgasmus gibt, ist nicht der Fall. Frauen haben zwar im Gegensatz zu Männern die Möglichkeit, mehrfach Orgasmen nacheinander zu haben, wobei die auch limitiert sind und die ersten Orgasmen vom Aktionspotenzial immer stärker sind als die folgenden.

Jungfernhäutchen – viel Lärm um nichts? Das Jungfernhäutchen gibt es nicht. Es gibt eine vaginale Schleimhautfalte am Eingang der Vagina, die ist aber nicht geschlossen, sondern offen. Man kann sich das in etwa wie bei einem Kranz vorstellen. 

Kann eine Vagina ausleiern? Eine Vagina ist sehr flexibel, wie ein Schlauch, der sich an verschiedene Begebenheiten anpassen kann, also zum Beispiel einen großen oder kleinen Penis. So wie jeder Muskel, wenn man ihn nicht benutzt, schlaffer wird, ist auch eine Vagina, die man nicht häufig nutzt, irgendwann nicht mehr ganz so eng wie eine, die man viel benutzt.

Trägt Ananassaft zum Geschmack der Spermien und vaginalen Flüssigkeit bei? Ja, das ist so. Wir bemerken ja auch, wenn wir Spargel gegessen haben, dass der Urin anders riecht. Und das ist auch bei Ananassaft so. Sperma und Vaginalsekret schmecken dann anders. Es kommt aber auch darauf an, was die Person vorher noch gegessen hat. Bei manchen wird es angenehm, bei anderen nicht. Das muss man ausprobieren.

5. Girls one night – Wie beeinflussen mehrere Sexualpartner*innen gleichzeitig den Körper?

Mehrere Partner*innen gleichzeitig sind erst mal gut. Sex an sich ist gut, egal wie viele Partner*innen dabei im Spiel sind. Sex trägt nämlich aus verschiedenen Gründen zum Gesundbleiben bei. Es fördert die Durchblutung, baut Stress ab und setzt positive Glückshormone frei. Verschiedene Sexualpartner*innen haben eigentlich nur einen kleinen Haken: Die Wahrscheinlichkeit, sich mit Geschlechtskrankheiten anzustecken, ist etwas erhöht – je nachdem, welche Praktiken man anwendet. Wenn man sich aber richtig schützt, also alle getestet sind oder ein Kondom benutzen, dürfte das kein Problem sein.

Sex fördert die Durchblutung, baut Stress ab und setzt positive Glückshormone frei.
Frau Dr. Mangler

6. Toying around – Ist Sexspielzeug unbedenklich?

Wenn man sich Sexspielzeug teilt, sollte man es immer mit Kondomen überziehen. Das ist sonst wie Sex ohne Kondom. Ansonsten müssen Toys natürlich so sauber und hygienisch wie möglich gehalten werden, um Keimbildungen zu verhindern. Es gibt dafür spezielle Reinigungsmittel, aber man kann sie auch mit heißem Wasser reinigen.

Das große SEX-ABC
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7. Was ist Squirting? Kann das jede Frau? Und wenn ja, wie lernt man das?

Da gibt es ein interessantes Buch zur Geschichte der weiblichen Ejakulation, das ich sehr empfehlen kann – "Spritzen. Die weibliche Ejakulation" von Stephanie Haerdle. In der Pornoindustrie wird Squirting oft anders dargestellt als es in Wirklichkeit abläuft. Es gibt sogar richtige Squirting Queens wie Bonnie Rotten, die aber eigentlich nicht squirtet, sondern einfach nur pinkelt. Die Ejakulation der Frau, also das Spritzen, kommt aber aus einer Drüse, die sich direkt an der Harnröhre befindet, die Skene-Drüse. Das passiert bei vielen Frauen und einige können das auch bewusst(er) einsetzen, haben es geübt.

Bei manchen ist das mehr Flüssigkeitsvolumen, bei anderen weniger. Aber es ist kein Springbrunnen wie es manchmal heißt. Wenn man eine Frau fingert und währenddessen die Harnröhrenhinterwand stimuliert, kann es zum Orgasmus kommen und dann kommt da ebendiese Flüssigkeit raus – bei manchen Frauen mit mehr und bei anderen mit weniger Druck. Dazu braucht man Partner*innen, die das auch mitmachen und können. 

8. Nach dem Sex ist vor dem Sex – Auf was sollte man alles danach achten?

Wenn man zu Blasenentzündungen neigt, sollte man nach dem Sex unbedingt Wasser lassen gehen, damit die Bakterien, die unter Umständen Richtung Blase wandern können, rausgespült werden. Wenn man nicht dazu neigt, muss man das aber nicht. Natürlich muss man beim Wechsel von Vaginal- und Analsex aufpassen, da kann es schon ratsam sein, den Anus vielleicht zwischendurch zu reinigen. Ansonsten müssen nach dem Sex aber keine weiteren Hygienemaßnahmen vorgenommen werden.

Die Schnelligkeit, um zum Orgasmus zu kommen, die Penetration, die Idee vom Jungfernhäutchen an sich – das sind alles männliche Vorstellungen und die haben erst mal nichts mit der weiblichen Sexualität zu tun.
Frau Dr. Mangler

9. Battle of the Sexes –Was ist der Unterschied der Geschlechter beim Sex?

Körperlich haben Mann und Frau nach dem Sex mit Orgasmus komplett die gleiche Reaktion. Ein Abflachen der Anspannung, eine gewisse Freude, Endorphine, die ausgeschüttet werden. Die Sexualität ist aber sehr männlich orientiert. Die Schnelligkeit, um zum Orgasmus zu kommen, die Penetration, die Idee vom Jungfernhäutchen an sich – das sind alles männliche Vorstellungen und die haben erst mal nichts mit der weiblichen Sexualität zu tun. Die weibliche Lust wurde gesellschaftlich lange im großen Stil ausgeblendet.

In der Pornografie zum Beispiel wird die Vulva, die existenziell für den weiblichen Orgasmus ist, geghostet und nicht angefasst – und wenn, dann wird sie höchstens bearbeitet. Es fehlt ein Verständnis für die Vulva und damit auch für die weibliche Sexualität. Frauen haben gesellschaftlich geprägt eine andere Erregungskurve, sie werden mit einer anderen Erwartungshaltung beim Sex konfrontiert. Männer sagen noch immer, dass Frauen weniger Lust haben oder frigide sind. Die Wahrheit ist: Nein, wir wollen Sex. Aber nicht den Sex, den ihr uns macht. 

Penis, Kondom, Sex
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10. Einfach mal etwas Zeit für sich – Masturbation: Gesund oder schädlich?

Masturbation ist – entgegen so mancher Behauptung – total super. Weil das Becken dabei durchblutet wird, man fühlt sich erleichtert, ist weniger genervt und entspannter. Masturbation ist vor allem ein super Tool für alle, die keine*n Partner*in oder keinen regelmäßigen Sex haben. Jedes Mal, wenn ich einen Orgasmus habe, erhöhe ich die Garantie, dass ich wieder einen erlebe. Jedes Mal, wenn ich keinen habe, wird die Chance auf den nächsten geringer. Gerade bei Frauen hat das auch sehr viel mit Übung zu tun. Man sollte sich seine Bedürfnisse nicht verkneifen, gesünder ist es, sie zu befriedigen. 

Man sollte sich nicht mit einer orgasmusarmen oder orgasmuslosen Sexualität abfinden!
Frau Dr. Mangler

11. The old man and the sex – Wie verändert sich Sex im Alter?

Wenn man eine gute oder regelmäßige Sexualität aufrecht erhalten will, sollte man in erster Linie darauf achten, gesund zu bleiben, das lohnt sich. Je gesünder der Mann ist, desto länger wird er Erektionen haben. Natürlich wird sie vielleicht irgendwann nicht mehr so hart wie mit zwanzig sein, zur Unterstützung kann man dann gegebenenfalls auf Viagra zurückgreifen. Wenn die Vagina der Frau nicht mehr feucht genug wird, könnte man ja auch mal hinterfragen, ob man die Vagina der Frau beim Sex unbedingt braucht? Man braucht sie nämlich nicht zwingend, denn die Orgasmusfähigkeit kommt hauptsächlich aus der Klitoris. Oder man nutzt Gleitcremes und Öl für die Vagina, das ist sowieso immer gut.

Grundsätzlich gilt: Je kränker man ist, desto weniger wird Sexualität funktionieren. Diabetiker*innen zum Beispiel haben weniger Empfinden beim Sex, Menschen mit Bluthochdruck oder Übergewicht haben auch oft Probleme. Ich glaube aber, es ist extrem wichtig auch im Alter weiterhin Sex zu praktizieren, seine Bedürfnisse zu befriedigen. Und zu versuchen, nicht damit aufzuhören. Und wenn man aufgehört hat, wieder damit anzufangen. Sexualität ist ein Teil des Gesundbleibens, des Aktivseins im Alter.

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