Lockdown-Lifehacks: Wer Menschen mag, ist nicht bei Trost

© Hella Wittenberg

Autor Clint war ein paar Monate weg vom Fenster. Doch er ist nicht untätig gewesen, sondern hat die Monate im Lockdown eifrig genutzt, um ein besserer Mensch zu werden. Und natürlich behält er seine Geheimnisse nicht für sich, sondern teilt sie mit euch: Die besten Lifehacks zur Selbstoptimierung in Zeiten des Lockdown.

Mega-Lockdown. Stubenarrest für alle. Endlich haben wir Zeit uns zu optimieren. Wie die Sträflinge in Hollywood-Filmen. Die sind nie uninspiriert und glotzen die Wand an. Sondern boxen dagegen, mit unbandagierten Fäusten, shapen ihren Body für das nächste Kapitel.

Auch mein Alltag ist bestimmt von guten Vorsätzen. Ich lasse nicht zu, dass meine Persönlichkeit schrumpft, sondern hantiere darin wie ein ruppiger Gärtner. Gerade erst habe ich mir vorgenommen, nicht immer so altmodisch zu sein und auch mal zeitgenössische Autoren zu lesen. Ich fing an mit Houellebecq, wurde dann unkonzentriert und kam von ihm auf Huysmans, dann zu Balzac und schlussendlich zu Rabelais. Von der Gegenwart in die Renaissance in vier Schritten. Try again.

Der ewige Kampf gegen die eigenen Anachronismen

Eine andere Issue, mit der ich längst aufräumen wollte, ist meine misanthropische Grundeinstellung. Das heißt, ich bin nie voreingenommen gegen einen Menschen. Im Gegenteil hoffe ich stets das Beste. Wenn die jeweilige Person dann aber anfängt, umständlich ihr Kleingeld an der Supermarktkasse zu zählen, oder ihren E-Scooter akribisch im rechten Winkel zum Passantenstrom zu parken, werde ich wieder ungeduldig.

Und trotzdem, was war ich optimistisch im letzten März! Wie sehr habe ich an die Möglichkeiten des Lockdown geglaubt! Die Stimmung zwischen den Bubbles war doch schon so sehr vergiftet durch AfD und die Klimafrage, es konnte nur besser werden. Solidarität mit Gastronom*innen und Künstler*innen. Eine allgemeine Entschleunigung, in der die Menschen mal wieder zu sich und den wichtigen Dingen des Lebens finden. Die Chance für die Politik, eine konkrete Sache zu managen und dadurch das Vertrauen der Demokratie-müden Bevölkerung zurück zu gewinnen.

Die große Zeit der Hanswurste

Stattdessen haben wir „den Wendler“ und Attila Hildmann gekriegt. Und Menschen, die es für subversiv halten, den Mundschutz unter der Nase zu tragen. Dabei sieht das dermaßen scheiße aus. Es ist die große Zeit der Hanswurste. Und in Talkshows müssen sich die Gäste rechtfertigen, warum sie so sauber frisiert sind. Das Ende der Geschichte ist noch längst nicht erreicht.

Aber ich will die Hoffnung nicht aufgeben – das wäre auch kleinlich. Immerhin gibt es Lichtblicke. So erfreut es mein Herz, wenn ich die gutsituierten Familienväter auf dem Kollwitzmarkt sehe, wie sie sich heißen Kinderpunsch bestellen, um dann den Schnaps aus der Kammgarnjacke zu holen. Und ich spreche hier nicht von versilberten Flachmännern, sondern der Verpackungseinheit aus dem Supermarkt. Noch nie habe ich mich den Start-up-Gründern und "Personal Branding Coaches" so verbunden gefühlt.

Alle Menschen werden Brüder

Dann wieder Rückschläge, vor allem im ÖPNV. Als gäbe es eine Geheimorganisation, die jedem Zug einen Spinner zuteilt. Laut mit sich selbst palavernd, Mundschutz-frei, genießerisch hustend, herrschen sie als kleine Tyrannen über ihr Reich. Ihr offenkundig alternatives Lebenskonzept schützt sie vor Zurechtweisungen, Bahnpolizisten entmaterialisieren sich in ihrer Nähe.

Ich will den Lockdown nicht mit dem Krieg vergleichen. Eine gute Einleitung, um im Anschluss den Lockdown mit dem Krieg zu vergleichen. Tatsächlich will ich aber gar nichts mit gar nichts vergleichen. Ich staune nur immer wieder über meine eigene Naivität, die annimmt, dass äußere Umstände den Menschen verbessern könnten. In Wirklichkeit können sie ihn aber nur einschüchtern, so dass er im besten Fall kurzfristig keine Scheiße baut.

Ich staune nur immer wieder über meine eigene Naivität, die annimmt, dass äußere Umstände den Menschen verbessern könnten. In Wirklichkeit können sie ihn aber nur einschüchtern, so dass er im besten Fall kurzfristig keine Scheiße baut.

Von daher ist es wohl zwecklos, gegen den Menschenhass anzukämpfen. Lieber zurück zu den kleinen Schritten. Ich habe es letzte Woche nochmal mit zeitgenössischer Lektüre versucht. Und siehe da: Von Juli Zeh hat es wieder nur zwei Schritte gebraucht und ich war beim Decameron von Boccaccio. Was während der großen Pest von 1348 spielt – und damit brandaktuell ist.

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