Doppelt so schnell mit dem Auto: So können die Öffis in Berlin nicht gewinnen

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Wer in Berlin mit dem Auto unterwegs ist, erreicht sein Ziel durchschnittlich fast doppelt so schnell wie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Diese Behauptung ist nicht bei den Haaren herbeigezogen, sondern das Ergebnis einer Studie des Mobility Institute Berlin, die vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde. 1.95 beträgt der zeitliche Vorteilsfaktor zwischen Auto und Öffis.

Verwunderlich ist das kaum, denn natürlich bringen einen Bus und Bahn nicht schnurgerade zum Ziel, besonders in Randbezirken kann die Heimfahrt zu einem Umsteigemarathon inklusive einer endlos langen Busfahrt werden. Beispiel: Rudower Stadtgrenze.

Was mehr verwundert, ist der Punkt, dass Berlin damit an dritthöchster Stelle der elf analysierten deutschen Städte steht. Und dass München und Stuttgart – beide sind für ihren Stadtverkehr berüchtigt, die ersten beiden Plätze belegen. In Hamburg beträgt der Faktor 2.24, Autofahren ist also hier die deutlich sinnvollere Option. Doch der Studie geht es nicht ums Bashing, sie bietet auch Lösungen an, wie sich die zeitliche Lücke schließen lässt – und hier wird es interessant.

Neue ÖPNV-Verbindungen als Entlastung

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Die Studie führt hierzu sogenannte "Stellhebel" an. Ganz oben wird hier der Ausbau bestehender Schienenstränge bzw. die Trennung zwischen Individualverkehr und Öffis genannt. Ist es nicht so, dass besonders die Busverbindungen auf manchen Strecken niemand hat die Absicht, die Linien M29 bzw. M41 hier ins Spiel zu bringen) unter dem Individualverkehr, also Falschparker*innen und sonstigen Verkehrsbehinderungen zu leiden haben?

Eine Spur ausschließlich für ÖPNV würde hier helfen – und ebendies ist an manchen Stellen, siehe Sonnenallee, bereits geschehen. Dass es trotzdem kaum schneller geht, liegt an Falschparker*innen, an Engstellen, die verkehrstechnisch noch nicht behoben wurden, an kruden Ampelschaltungen, an Alltäglichem eben. Apropos Ampelschaltungen: Dies wird ebenfalls als "Stellhebel" genannt, denn eigene Spuren für den ÖPNV können nur dann funktionieren, wenn dieser auch an Kreuzungen bevorzugt wird.

Klar, S- und U-Bahn sind vom Stauweniger betroffen – und dennoch gibt es Optimierungsbedarf, der den Verkehr entlasten könnte. Der Ausbau bestehender Strecken und gegebenenfalls die Schaffung neuer Querverbindungen ist hier ein großes Thema. Der Leiter des Instituts, Torben Greve, nannte in der Berliner Zeitung die Verbindung von Buch nach Ahrensfelde als Fallbeispiel: Hier ist man aktuell eine Dreiviertelstunde(!!!) länger mit den Öffis unterwegs als mit dem Auto. Eine neue Trasse wäre hier also überaus attraktiv – und hierbei handelt es sich nur um eines von vielen Beispielen.

Autos verbrauchen vor allem eins: Platz.

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Aber kommen wir doch nochmal zurück zum Auto- und somit Individualverkehr. Ein heikles Thema, natürlich, denn niemand will auf seine Freiheiten verzichten. Gleichzeitig ist es etwas, dass ständiges Konfliktpotential hervorruft: endlos lange Staus (entgegen der Studie brauchen wir beispielsweise aus Neukölln mit dem Auto rund doppelt so lange ins Büro wie mit dem ÖPNV), der noch endloser anmutende Streit Auto- vs. Fahrradfahrer*in, der knappe Parkraum, den Autos flächendeckend einnehmen.

Die Studie "Digital Auto Report" hat laut der Süddeutschen Zeitung ergeben, dass rund drei Viertel aller in Deutschland Befragten bereit wären, ihr Mobilitätsverhalten zu verändern. Gleichzeitig wird auch das Problem thematisiert, dass über 50% der Teilnehmer*innen den ÖPNV nicht als sinnvolle Alternative sehen. Ein Teufelskreis, der nur zu durchbrechen ist, wenn Öffis wie gesagt deutlich an Attraktivität gewinnen – und man es den Leuten schmackhaft macht.

Laut einer Studie von Statista nutzen über die Hälfte aller Befragten das Auto höchstens ein einziges Mal pro Woche. Wie wäre es denn, wenn man Berliner*innen ohne Auto durch ein besonders günstiges Jahresticket belohnt? Wie wäre es, wenn man große Verkehrsachsen grundsätzlich ohne Parkraum plant und baut? Wie wäre es, wenn man der autofahrenden Bevölkerung durch günstige Leihwagenkonditionen das allgegenwärtige Carsharing schmackhaft macht? Wie wäre es, wenn Berlin eine Ausbauoffensive des ÖPNV ausnahmsweise mal in kürzester Zeit auf den Weg bringt. Wie wäre es...ach, lassen wir das: Der Nahverkehr kann unter diesen Voraussetzungen nicht gegen die Bequemlichkeit eines Autos gewinnen. Aber er kann es versuchen – und genau darum geht es.