11 sehenswerte Theaterstücke, die ihr diesen Winter nicht verpassen solltet

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Berlin ist die Stadt der Kreativen, der Freidenker*innen und der Schauspieler*innen. Und natürlich gibt es hier dementsprechend neben den großen Brettern, die die Welt bedeuten, auch viele kleine Bühnen, auf denen ihre nicht weniger sehenswerte Stücke präsentiert bekommt. Weil es etwas mühsam ist, den Überblick bei so vielen tollen Macher*innen zu behalten, verraten wir euch hier, welche Stücke ihr in diesem Winter nicht verpassen solltet. Von neu inszenierten Klassikern wie "Hamlet", Stücken von Ödön von Horvath, über dystopische Dichtungen, in denen nur noch Männer auf der Erde leben, bis hin zu feministischen Wortjongleur*innen bleibt kaum ein Wunsch offen.

1. Baal – Berliner Ensemble

Brechts Drama "Baal" handelt vom gleichnamigen Protagonisten, der bereits als junger Mann ein außerordentliches Talent zum Schreiben hat und sich, getrieben von Genie und Wahnsinn, immer mehr im Leben des klassischen Künstlers verfängt. Auf der Suche nach Glück, Identität und Individualität stößt er immer wieder an die Grenzen von sozialen und moralischen Normen: Er spannt seinem Gönner die Frau aus, behandelt sie zutiefst herablassend, lässt sie fallen, spannt seinem Freund die Frau aus – und wenn sie ihm nicht mehr genügt oder ihn langweilt, lässt er auch diese fallen. Zwischen Rausch und Absturz, Genialität und dem Streben nach Glück, bewegt sich der junge Dichter und stellt sich immer wieder den Fragen: Wie sind Individualität, Gemeinschaft und Solidarität miteinander vereinbar? Die New York Times kürte die Inszenierung zu einer der besten 2019, ein Grund mehr, sie sich jetzt schnell noch anzusehen.

Berliner Ensemble | Bertolt-Brecht-Platz 1, 10117 Berlin | Mehr Info

2. Professor Bernhardi – Schaubühne

© Schaubühne | Foto: Arno Declair

Zwischen medizinischer Sachlichkeit und religiösen Gefühlen: In dem von Arthur Schnitzler geschriebenen Stück "Professor Bernhardi" geht es um die großen Fragen von Wahrheit, Richtigkeit, Objektivität und Machtbestrebungen. Eine Patientin des Professors Bernhardi leidet nach einer unsachgemäß durchgeführten Abtreibung an einer schweren Blutvergiftung und liegt auf dem Sterbebett. Während der jüdisch-stämmige Professor ihr ein ruhiges Sterben im medizin-humanistischen Sinne ermöglichen möchte, will ein Pfarrer der jungen Frau zur Seite stehen. Der Professor verweigert ihm den Zutritt. Eine medizinische Maßname? Für den Professor wächst der Vorfall zunehmend zu einem politischen Skandal heran. In der Inszenierung von Ostermeier geht es vor allem um die Frage, wie ein einzelner Vorfall von den verschiedenen Parteien zur Machtsicherung instrumentalisiert wird. Was ist objektiv betrachtet das Richtige? Was reine Machtzurschaustellung? Und was bleibt von der Wahrheit übrig, wenn sie von allen Parteien den eigenen Interessen zugunsten zurecht gebogen wird?

Schaubühne | Kurfürstendamm 153, 10709 Berlin | Mehr Info

3. Unendlicher Spaß – Volksbühne

© David Baltzer | bildbuehne.de

"Unendlicher Spaß" von David Foster Wallace ist ein Versuch, das gegenwärtige Leben mit all seinen Facetten zu dokumentieren. Von Geburten und Todeskämpfen, über Liebes- und Trennungsgeschichten, übertriebenem Speichelfluss und bildschönen Krankenschwestern, erzählt er mit seinen Figuren leicht und gleichzeitig nicht ohne Ernsthaftigkeit, was es bedeutet, in der heutigen Zeit zu leben. Im Zentrum der Inszenierung an der Volksbühne steht die Geschichte der drei Brüder der Familie Incandenza: Hal, der hochbegabte Tennisspieler, Orin, der Football-Spieler und Mario, der schwerbehinderte Bruder, der leidenschaftlich gerne Radio hört und Filme macht.  Zu sehen sind Film- und Theatergrößen wie Devid Striesow, Jasna Fritzi Bauer, Sebastian Blomberg, André Jung, Ursina Lardi und Heiko Pinkowski.

Volksbühne | Linienstraße 227, 10178 Berlin | Mehr Info

4. #diewelle2020 – Grips Theater

© David Baltzer | bildbuehne.de

Von der Kurzgeschichte eines Geschichtslehrers der 1970er Jahre zum Welterfolg: 1972 schrieb der Lehrer Ron Jones eine Kurzgeschichte mit dem Titel "The Third Wave - Take as Directed", in der er von einem seiner Experimente 1967 erzählt, in dem ein Geschichtslehrer seinen Schüler*innen die Gräueltaten und den Gehorsam der Gesellschaft des dritten Reichs näher bringt. Darauf basierend schrieb Johnny Dawkins ein Drehbuch für den Fernsehfilm "The Wave", Todd Strasser wiederum schrieb einen gleichnamigen Roman und 2008 – wir kennen ihn alle – erschien auch eine deutsche Verfilmung u.a. mit Jürgen Vogel, Frederick Lau, Elyas M'Barek und Max Riemelt. Jetzt, über zehn Jahre später, bringt das Grips Theater den Stoff auf die Bühne: Mit #diewelle2020 bringt Autor Jochen Strauch die Handlung an eine Berliner Gesamtschule, und lässt das Experiment zwischen Bühne und Zuschauenden stattfinden. Neben Einblicken in emotionale Zustände der Figuren und Beziehungsgeflechte, wird auch die Außenwelt mit kommuniziert, das Publikum mit einbezogen und zur Reflexion angeregt.

Grips Theater | Altonaer Straße 22, 10557 Berlin | Mehr Info

5. Verlorene Könige – Theater unterm Dach

© Julius Kirchner

Die Welt, eine Homotopie? In der dystopischen Dichtung "Verlorene Könige" gibt es nur noch Männer. Als die Könige dann allesamt nicht mehr auf der Erde, sondern auf dem Mond leben, bekommen es die Bewohner mit der Angst vor dem Chaos zu tun und so beschließen die Protagonisten, einen Plan zu schmieden, um die Könige zurückzuholen, damit die alte Ordnung wieder hergestellt werden kann. Denn wie geht man damit um, wenn sich die Machtverhältnisse plötzlich verschieben, welche Bedeutung haben Sexualität, Macht und Eifersucht? Auf ihrer Reise werden die Protagonisten vor einige Aufgaben gestellt, die ihre Welt durcheinanderbringt und sie zwingt, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen.

Theater unterm Dach | Danziger Straße 101, Haus 103, 10405 Berlin | Mehr Info

6. In My Room – Maxim Gorki Theater (15.01. Premiere)

© Maxim Gorki Theater, Foto: Esra Rotthoff

Stecken wir 2020 in einer Krise der Männlichkeit? Was bedeutet es, in der heutigen Zeit ein Mann* zu sein? Ist der Mann* ein Gefangener des Patriarchats? In Falk Richters Projekt "In My Room" geht es um genau diese Fragen. Es ist ein Geflecht aus den Erinnerungen und Erzählungen verschiedener männlicher Protagonisten*, Momentaufnahmen des Lebens von Söhnen, die sich an ihre Väter erinnern, an Familienrituale, an Alltägliches und eine gesellschaftliche Entwicklung. Neben Jonas Dassler sind auch Knut Berger, Emre Aksızoğlu, Benny Claessens und Taner Şahintürk zu sehen.

Maxim Gorki Theater | Am Festungsgraben 2, 10117 Berlin | Mehr Info

7. Hamlet – Maxim Gorki Theater (01.02. Premiere)

"Hamlet" ist wohl einer der absoluten Theaterklassiker und dementsprechend häufig wird das Stück auch inszeniert. In der neuesten Inszenierung des Gorki Theaters, die am 01. Februar Premiere feiert, unterbricht der Prinz sein Auslandssemester eigentlich nur kurz, um bei der Beerdigung seines Vaters anwesend zu sein, gerät dann allerdings in eine Mischung aus Gewalt, Korruption und Täuschung und wird schließlich zum Mörder. Christian Weise nähert sich dem ehrwürdigen Stoff auf eine komödiantische Art, versetzt die Handlug in ein schief geratenes Deutschland und fragt, ob sich das Stück nicht letztlich doch nur mit zwei unterschiedlichen Familien auseinandersetzt, die einfach nicht zusammen kommen können.

Maxim Gorki Theater | Am Festungsgraben 2, 10117 Berlin | Mehr Info

8. Glaube Liebe Hoffnung – Deutsches Theater

In der Hoffnung ihrer Arbeitslosigkeit und der damit verbundenen Geldnot zu entkommen, entscheidet sich die junge Elisabeth dazu, ihren Körper nach ihrem Tod dem Anatomischen Institut zu verkaufen, um mit dem Kredit einen Gewerbeschein als Vertreterin zu bekommen. Der Präparator gibt ihr den Kredit zwar, zeigt sie anschließend aber an, als er erfährt, dass sie das Geld zum Bezahlen einer Vorstrafe verwendet hatte. Elisabeth kommt daraufhin ins Gefängnis, was ihre Beziehung zu einem Polizisten allerdings scheitern lässt. Und so beginnt die Einsamkeit, die Geldnot, die Arbeitslosigkeit und die damit einhergehende Perspektivlosigkeit wieder von vorn. Die Premiere am Deutschen Theater fand bereits Ende Oktober vergangenen Jahres statt, nutzt also die wenigen Termine dieser Wintersaison noch, um das tolle Stück zu sehen.

Deutsches Theater | Schumannstraße 13 A, 10117 Berlin | Mehr Info

9. Creation (Pictures for Dorian) – HAU

Das Gob Squad Arts Collective, das aus Künstler*innen besteht, die seit 25 Jahren gemeinsam die Theater der Welt bespielen, treffen in dem Stück "Creation (Pictures of Dorian)" auf junge, lokale Performer*innen. Gemeinsam wollen sie hinter die Eitelkeit, Schönheit, Moral, Macht und das Altern blicken und nach Antworten suchen, weshalb sie alle – egal ob die jüngere oder ältere Generation – die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit so sehr genießen. Wer entscheidet, was schön ist und welches Band zwischen Kunstwerk, Künstler*in und Betrachter*in geschaffen wird? Das Stück ist eine Anlehnung an Oscar Wildes "The Picture of Dorian Gray", in dem es darum geht, dass Dorian Gray gottähnlich nicht altert, für immer schön und jung bleibt und lediglich ein Porträt von ihm diese Alterungsprozesse durchlebt.

HAU 2 | Hallesches Ufer 32, 10963 Berlin | Mehr Info

10. Wann hast du das letzte Mal auf der Spitze eines Berges Sex gehabt? – Theaterdiscounter (01. Februar)

2018 gründeten Adrienn Bazsó, Charlotte Mednansky und Panni Néder das Performancelabel "nomerMaids". Ihre erste Produktion "Wann hast du das letzte Mal auf der Spitze eines Berges Sex gehabt?" könnt ihr euch jetzt im  Theaterdiscounter ansehen. Die drei Frauen kommen aus zwei verschiedenen Ländern, sind dem Feminismus durchaus zu- dem Patriarchat aber ziemlich abgewandt. Sie stellen Fragen, wichtige und vermeintlich unwichtige, jonglieren mit Sprachen (insgesamt 14 verschiedene) wie andere mit Zitronen und zeigen damit die gesellschaftlichen Muster Europas auf, die Unterschiede zwischen West- und Osteuropa und das mit einem Witz, der wirklich jede*n zum Schmunzeln bringt.

Theaterdiscounter | Klosterstraße 44, 10179 Berlin | Mehr Info

11. Sonderbare Irre – Ballhaus Ost

Zwischen Selfies, Youtube-Tutorials, Vlogs und Insta-Storys: Wer bin ich eigentlich? Dieser Frage geht der Tänzer Frank Willens im Ballhaus Ost auf die Spur. Als Frank, als Levy, als Rami, als Jessy, ja wer ist er denn nun? Welche Pose, welchen Look, welchen Blick, welche Haltung soll er nun einnehmen? Vielleicht weiß er es selbst nicht, was er allerdings weiß: Er will angeschaut werden. Damit führen die Choreograph*innen, Künstler*innen und Tänzer*innen einen an die Grenze zwischen Wahnsinn und Normalität und zeigen uns, welche absurde Selbstverständlichkeit die Selbstinszenierung in sozialen Netzwerken erreichen kann.

Ballhaus Ost | Pappelallee 15, 10437 Berlin | Mehr Info

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