Systemrelevant: Wie geht's Hebamme Katharina, Busfahrerin Stefanie & Kita-Leitung Silke gerade?

© Miguel Bruna | Unsplash

Jetzt, in der Krise, zeigt sich, dass viele Bereiche des öffentlichen sowie sozialen Lebens unverzichtbar sind und dass Menschen, die in sogenannten systemrelevanten Berufsgruppen arbeiten, dringender denn je gebraucht werden. Wenn wir von systemrelevanten Berufen reden, sollten wir aber auch darüber sprechen, dass diese Jobs mehrheitlich von Frauen ausgeübt werden. Genau genommen machen sie 75 Prozent aller Beschäftigten in diesem Bereich aus. Frauen übernehmen einen Großteil der gesellschaftlichen Care-Arbeit, sie kümmern sich in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Kitas, Sozialeinrichtungen und Supermärkten um die Versorgung und Pflege von Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Und nicht selten sind sie dabei alleinerziehend, übernehmen parallel zum Job auch noch die Erziehungsarbeit, die Betreuung und zur Zeit den Unterricht der eigenen Kinder.

All diese systemrelevanten Berufe erhalten leider nicht das gesellschaftliche Ansehen, das ihnen gebührt, und sie werden oft unterdurchschnittlich bezahlt. Stichpunkt: Gender Pay Gap. Die "Diskrepanz zwischen gesellschaftlicher Unverzichtbarkeit und tatsächlicher Entlohnung", so betont es auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin in einer aktuellen Untersuchung, sei in Krisenzeiten besonders offensichtlich. Wir wollen dazu beitragen, dass diese Frauen nachhaltig und dauerhaft die Sichtbarkeit und gerechte Entlohnung bekommen, die sie verdienen. Wir möchten wissen, wer diese Frauen sind. Wir wollen ihnen zuhören. Wie geht es ihnen gerade? Welche Sorgen treiben sie aktuell um? Und was brauchen und wünschen sie sich für die Zukunft? Hört ihnen zu, denn sie haben einiges zu sagen. 

Wir haben mit 11 Frauen in systemrelevanten Berufen gesprochen und werden euch diese Woche jede von ihnen vorstellen. Im zweiten Teil unserer Serie erzählen Katharina, Stefanie und Silke uns, wie sie sich gerade fühlen und vor welchen Herausforderungen sie aktuell stehen. Danke, dass ihr da seid und danke für eure Offenheit!

Katharina, 55 Jahre alt, freiberufliche Hebamme

Der Hebammenberuf lebt davon, dass wir den Frauen nahe sind – und genau das geht gerade nicht
Katharina, Hebamme

Wie geht es dir gerade?
Ich bin ziemlich angespannt.

Woran denkst du, wenn du dich auf den Weg zur Arbeit machst?
Wie lange werde ich noch zu den Frauen und Familien fahren können?

Wie sieht dein Tagesablauf normalerweise aus?
Normalerweise mache ich Hausbesuche bei Schwangeren und Wöchnerinnen.

Was hat sich jetzt in der Krise verändert und wo liegen derzeit die größten Herausforderungen im Job für dich?
Ich habe die Anzahl der täglichen Hausbesuche drastisch reduziert und mache möglichst viele Termine online und am Telefon. Die größte Herausforderung liegt darin, die Frauen und Familien trotz fehlendem, direkten Kontakt genauso gut zu betreuen. Der Hebammenberuf lebt davon, dass wir den Frauen nahe sind – und genau das geht gerade nicht.

Welche Sorgen hast du?
Uns Hebammen fehlt, wie den Pflegeberufen auch, die passende Schutzausrüstung. Wenn das so bleibt, können wir für frisch gebackene Familien, die wegen der Corona-Krise früher als sonst nach der Geburt aus der Klinik entlassen werden, nicht die notwendige Betreuung gewährleisten.

Was wünscht du dir für die Zukunft in deinem Job?
Ich wünsche mir über die Corona-Krise hinaus ein Umdenken in der Politik und der Gesellschaft. Getreu dem Satz "Es ist nicht egal, wie wir geboren werden" sollte es ein Umdenken geben, wie viel Personal es in den Krankenhäusern gibt und wie es bezahlt wird.

Wie kann man euch am besten unterstützen?
Mit kreativen Ideen, um in der Politik Druck zu machen, dass die nötige Schutzkleidung so schnell wie möglich für alle Gesundheitsberufe und in ausreichendem Maße vorhanden ist. Klatschen vom Balkon finde ich da das falsche Mittel.

Katharina, 55, freiberufliche Hebamme | Stefanie, 40, Busfahrerin bei der Hochbahn

Stefanie, 40 Jahre alt, Busfahrerin bei der Hochbahn

Abstand halten und im Zweifel auch mal die nächste Bahn oder den nächsten Bus nehmen
Stefanie, Busfahrerin

Wie geht es dir gerade?
Ganz gut, auch wenn es mir gerade schwerfällt, gar keinen Austausch mehr zu meinen Fahrgästen zu haben. Wegen der Sicherheitsbestimmungen ist ja mein Arbeitsplatz gerade abgesperrt und der Einstieg vorn im Bus nicht mehr möglich. Das fehlt mir schon sehr, ich bin ja schließlich Busfahrerin geworden, weil ich den Kontakt mit Menschen genieße.

Woran denkst du, wenn du dich auf den Weg zur Arbeit machst?
Vor allem denke ich an meinen Sohn, der gerade wirklich den besten Job überhaupt macht. Er ist 16 Jahre alt und weil ich alleinerziehend bin, kümmert er sich nicht nur während meiner Frühschicht um seine kleine Schwester, sondern hält mir auch noch nachmittags den Rücken frei. Zum Beispiel wenn ich mich mal kurz hinlege, bevor ich mich um den Haushalt kümmere. Er ist für mich gerade die allergrößte Unterstützung, die ich mir vorstellen kann. 

Wie sieht dein Tagesablauf normalerweise aus?
Wegen der geschlossenen Kitas musste ich mich natürlich auch neu organisieren, habe aber eine ganz gute Lösung mit meinem Arbeitgeber gefunden. Statt wie früher tagsüber, fahre ich jetzt morgens ab halb vier bis mittags. Das heißt: Aufstehen um halb drei, fertig machen, in die Uniform hüpfen, ab auf Strecke und dann wieder schnell nach Hause. Dann gibt es Mittag für die Kinder und meist eine kurze Pause auf der Couch bevor der normale Haushalt wartet – Wäsche, Einkaufen und so weiter und so weiter.

Was hat sich jetzt in der Krise verändert und wo liegen derzeit die größten Herausforderungen im Job für dich?
Also privat hat sich mein Hobby ein bisschen verlagert: Ich nähe total gern, weil das echt entspannt und man trotzdem was schafft. Momentan geht es dabei aber statt um Deko nur noch um Maskenproduktion, wenn Zeit ist. Gerade für meine Kinder und auch Pflegekräfte im Altersheim sind die ja total wichtig, um andere zu schützen. Da pack' ich gern mit an. Im Job ist es wie gesagt die fehlende Nähe zu meinen Kunden, die mir zu schaffen macht – gerade zu meinen lieb gewonnenen Stammkunden. Denn die sehe ich wegen der neuen Schichten kaum noch. Das fällt echt schwer, aber am Ende ist jede Maßnahme, die uns alle möglichst lange gesund hält, einfach ein Muss.

Woche Sorgen hast du?
Ach, ich versuche eigentlich so gut es geht, positiv zu bleiben. Ich gehöre ja zu den Glücklichen, die einen festen Arbeitsplatz und keine Angst um ihre Existenz haben müssen – das ist schon wirklich ein Privileg. Außerdem fühlt es sich gut an, die Stadt am Laufen zu halten, da ziehe ich ganz viel Motivation raus.

Was wünscht du dir für die Zukunft in deinem Job/für deinen Beruf?
Naja, es ist schon Balsam für die Busfahrerinnenseele jetzt so viel Zuspruch und Dankbarkeit mitzubekommen. Es wäre toll – nicht nur für uns, sondern all die sonst vielleicht unterschätzen Berufe – wenn das über die Krise hinaus auch so bleiben würde.

Wie kann man euch am besten unterstützen?
Wichtig ist für uns alle gerade Rücksicht und Ruhe zu bewahren. Wenn Fahrgäste aufeinander achten – was glücklicherweise schon ganz gut klappt – ist das in Ordnung. Wenn alle Abstand halten und im Zweifel auch mal die nächste Bahn oder den nächsten Bus nehmen, falls es doch mal enger wird mit einem Kinderwagen oder Rollstuhlfahrer, dann wäre das perfekt. Ich glaube, wir müssen jetzt einfach alle zusammenhalten, dann überstehen wir auch diese Zeit.

Silke, 52 Jahre alt, Kita-Leitung

Silke, 52 Jahre alt, Kita-Leitung
Man darf nicht vergessen, dass es auch für die Kinder eine herausfordernde Zeit ist und sie momentan viel von den Sorgen und Ängsten mitbekommen
Silke, Kita-Leitung

Wie geht's dir gerade?
Glücklicherweise geht's mir und meiner Familie gesundheitlich sehr gut. Und auch in meinem Umfeld sind alle gesund, das stimmt mich natürlich froh. Die Sorge um die Pandemie ist aber immer gegenwärtig und die Entwicklung in den letzten Wochen führt zu bedrückenden Momenten und Gedanken. Aber dann spüre ich auch diesen Optimismus, weil die Menschen sich weltweit miteinander solidarisch zeigen, auch im Privaten und im Beruf. 

Woran denkst du auf dem Weg zur Arbeit?
Ich liebe es beim Autofahren auf dem Weg zur Arbeit Radio zu hören und informiert zu werden, bevor mein Tag so richtig losgeht. Aber seit circa drei Wochen höre ich kein Radio mehr, sondern es ist ganz still. Ich brauche nicht permanent neue Statistiken, Zahlen und neue Theorien oder Vermutungen. Ich beobachte zurzeit auf der Hinfahrt die Menschen vor den Drogerien und den Supermärkten und muss lächeln, wenn ich Menschen mit einer Packung Klopapier auf dem Weg zum Kindergarten erblicke.

Welche Veränderungen gibt es jetzt in der Krise in der Kita?
Natürlich ist der Kita-Alltag jetzt komplett verändert. Es ist so leer und ruhig – wir alle vermissen die Kinder, den Trubel und unseren Alltag sehr. In der Notbetreuung haben wir acht Familien, die einen Anspruch auf Betreuung haben, bzw. die uns eine Selbsterklärung abgegeben haben. Bisher hatten wir aber an keinem Tag mehr als drei Kinder. Die Eltern versuchen alles möglich zu machen und sind sehr bemüht, damit ihre Kinder zu Hause betreut werden. Die Kinder machen das ganz toll. Man darf ja nicht vergessen, dass es auch für sie eine herausfordernde Zeit ist und sie momentan auch viel von den Sorgen und Ängsten in der Familie oder in den Medien mitbekommen. 

Wo liegen derzeit die größten Herausforderungen im Job für dich?
Meine größte Herausforderung sehe ich momentan darin, den Kontakt zu den Familien und zu den Kolleg*innen aufrecht zu halten. Wir haben im Team die Idee entwickelt, den Eltern per Email eine Kita-Post zukommen zu lassen, damit die Kinder weiterhin von uns hören und uns und die Kita-Räume nicht vergessen. Je länger diese Schließung dauert, desto schwieriger wird es für die Allerjüngsten sich wieder einzugewöhnen. Ich habe das große Glück, dass die Kolleg*innen sich kreativ einbringen, wir so die Stärken der einzelnen nutzen können und dabei etwas Großartiges entstanden ist! Aber auch in meinem Team gibt es Menschen, die zur Risikogruppe zählen. Sie fragen nach Ansteckungsgefahr und Schutzkleidung, denn wir können natürlich keinen Sicherheitsabstand von 1,5 m einhalten und Kleinkinder niesen nicht in ihre Ellenbeuge. 

Wie kann man euch am besten unterstützen?
Eine große Unterstützung wäre eine rechtzeitige Information vom Berliner Senat, wie es nach der Schließung weitergehen soll. Und auch bei dem dann sicherlich zu definierendem Anspruch auf Betreuung sollte es von Beginn an klare Kriterien geben und verlässliche Regularien, an denen wir uns vor Ort dann orientieren können.

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