Stadt fragt Stadt #5: München, was macht ihr dieses Jahr ohne das Oktoberfest?

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Bevor hier auch nur ein Wort zur vermeintlichen Tragik eines nicht stattfindenden Oktoberfests fällt, gilt es ganz allgemein über Begrifflichkeiten zu sprechen. Nur selten verwenden wir in München den Terminus Oktoberfest. Nicht, weil der Großteil des Festes eigentlich im September stattfindet, sondern weil wir Meister*innen der Kose- und Spitznamen sind. Allein so ein Josef ruft sich Sepp, Beppi, Bepperl, Seppo oder Seppi.

Und überhaupt reden wir uns auch gerne mit irgendeiner abgewandelten Form des Nachnamens an – weißt eh, da Huaba, da Hoizi und da Schmidi. Ich habe Freunde, deren richtigen Vornamen ich jahrelang gar nicht kannte und dann mehr vom Namen als vom peinlichen Ausweis-Foto überrascht war. Kein Wunder, dass also auch das größte Volksfest der Welt, das wir ja alle so abgöttisch lieben und ohne das wir uns ein Leben in München nicht vorstellen können, einen Kosenamen hat. Wiesn. D’Wiesn, um genau zu sein. Mit all der liebevollen Weichheit, die ein feines Oberbairisch so in petto hat.

Es ist nur eine einzige Wiese, die Theresienwiese. Wobei Wiese unter bürokratischer Sichtweise vermutlich ein etwas großzügigeres Verhältnis von Grün- zu Betonfläche voraussetzen würde.

Hochdeutsch übrigens: die Wiese. Singular. Denn während wir mit dem Begriff Oktoberfest gut leben können, rollt es uns regelmäßig die Zehennägel hoch, wenn ortsfremde Personen davon sprechen, dass sie „auf den Wiesen waren“. Nein, nein. Es ist nur eine einzige Wiese, die Theresienwiese. Wobei Wiese unter bürokratischer Sichtweise vermutlich ein etwas großzügigeres Verhältnis von Grün- zu Betonfläche voraussetzen würde.

Auf einem Areal von gut 42 Hektar (oder 58 Fußballfeldern oder 0.00016342412 mal das Saarland) breitet sich die Theresienwiese im südwestlichen Teil der Münchner Innenstadt aus und bietet – wenn man die Stufen unterhalb der Bavaria hinaufsteigt – einen wohltuenden Weitblick, den es in der am dichtesten besiedelten Großstadt Deutschlands leider gar nicht so häufig gibt. Außer eben wenn bereits im April beschlossen wird, dass Ende September sicher kein großes Volksfest steigt – und deshalb im Juli keine Großbaustelle am Start ist. Ja, Juli, denn die Liaison des Oktoberfests mit der Theresienwiese braucht immerhin zehn Wochen Vorspiel für circa zwei Wochen Spaß – und dann nochmal fünf, um das Thema zu beenden.

Ganz schön viel Brimbramborium, um sich am Ende lustige Kleider anzuziehen, viel zu starkes, viel zu teures Bier aus absurd großen Gläsern zu trinken und verschiedenste Körperflüssigkeiten an Orten zu verteilen, an die sie normalerweise nicht hingehören.

Ihr seht: Ganz schön viel Brimbramborium, um sich am Ende lustige Kleider anzuziehen, viel zu starkes, viel zu teures Bier aus absurd großen Gläsern zu trinken, beim halben Hendl jegliche Essensmoral und dann noch den Geldbeutel zu verlieren und verschiedenste Körperflüssigkeiten an Orten zu verteilen, an die sie normalerweise nicht hingehören. So viel zumindest zum Klischee, denn bei sechs Millionen Menschen, die hier normalerweise rumhampeln, gibt es auch sechs Millionen Geschichten.

Und während der australische Tourist in seiner Latex-Lederhose mit Hühnchen-Hut am Samstagabend rückwärts, aber selig von der Bierbank im Hofbräuzelt kippt, flanieren die Münchner*innen am Montagmittag im Trachtenjanker über der Jeans ebenso selig zwischen den Standeln durch. Dabei knabbern sie gebrannte Mandeln, gönnen sich einen Steckerlfisch und setzen sich auf eine gepflegte Maß in den Biergarten. In der Zwischenzeit schlichten Polizist*innen Maßkrug-Schlägereien, Kinder jauchzen im Kettenkarussell, Wiesnwirt*innen und Obdachlose zählen ihr Diridari und Boris Becker spielt Mixed Doppel im Käferzelt.

Das Oktoberfest kann nicht ohne die Theresienwiese, aber die Theresienwiese erstaunlich gut ohne das Oktoberfest.

Bei sechs Millionen Geschichten gibt es also mindestens sechs Millionen Antworten auf die Frage, was die Oktoberfest-Absage auslöst. So, wie es zur Fußball WM 82 Millionen Bundestrainer*innen und seit Neuestem 82 Millionen Virolog*innen gibt. Von Wut, Trauer, Verzweiflung, bis zu Freude, Erleichterung und der guten, alten Gleichgültigkeit ist alles dabei. Ist ja nicht so, als wäre das Oktoberfest noch nie vorher abgesagt worden. Tatsächlich ist es schon die 25. Absage des feuchtfröhlichen Techtelmechtels zwischen dem Oktoberfest und der Theresienwiese.

Nach 210 Jahren wilder Ehe kann das eine Beziehung schon mal ab haben und eins ist klar: Das Oktoberfest kann nicht ohne die Theresienwiese, aber die Theresienwiese erstaunlich gut ohne das Oktoberfest. Ohne Bierzelt-Großbaustelle blüht die Wiesn nämlich im wahrsten Sinne des Wortes regelrecht auf und wird der Definition einer "mir Gras bewachsenen Fläche" ganz plötzlich gerechter denn je. Richtig einladend. Wenn ihr uns also fragt, was wir dieses Jahr ohne das Oktoberfest in München machen, dann gibt es doch nur eine Antwort – und nicht sechs Millionen: Bier trinken auf der Theresienwiese. Aus der Flasche und mit Weitblick.

P.S.: Wenn ihr in diesem Artikel über den ein oder anderen bayerischen Begriff gestolpert, an Worten wie "Diridari" verzweifelt seid, dann empfehlen wir euch folgende Lektüre unserer Münchner Mit Vergnügen Seite: "11 bayerische Wörter, die wir viel öfter verwenden wollen" & "11 bayerische Wörter, die man nicht auf Hochdeutsch übersetzen kann" – jaja, wir verfolgen hier einen ganzheitlichen Lernansatz.

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