Queer, feministisch, divers: Die Buchhandlung "She said" in Neukölln eröffnet endlich

© Marit Blossey

Als Emilia von Senger vor ein paar Jahren krankheitsbedingt ihren Job an einer Grundschule in Neukölln kündigte und viel Zeit zu Hause verbrachte, um gesund zu werden, erteilte sie sich selbst Fernsehverbot. Sie wollte nicht den ganzen Tag herumliegen und Serien schauen, sondern lesen. Über die Bücher, die sie las, schrieb sie auf Instagram – und kehrte nicht mehr zu ihrem alten Job zurück. Stattdessen beschloss sie, eine eigene Buchhandlung aufzumachen: Um einen Ort für Austausch zu schaffen, für Veranstaltungen mit einer besonderen Buchauswahl. So entstand die Idee zu She said, Berlins erster Buchhandlung, in der es ausschließlich Literatur von weiblichen Autorinnen und queeren Autor*innen zu kaufen gibt. Auf Instagram können Follower*innen die Entstehung des Ladens schon seit Anfang des Jahres mitverfolgen.

Einige Monate später stehen wir vor dem Laden am Kottbusser Damm 79, in dem gerade noch Chaos herrscht: Es werden Löcher gebohrt, Regale zusammengebaut, die Theke für das Café, das (nach Corona) ein wichtiger Teil des Ladens sein wird, ist noch nicht fertig. Auch bis zur Eröffnung wird nicht alles fertig sein, aber das macht nichts, denn bis dahin wird das Wichtigste im Laden seinen Platz gefunden haben: die Bücher. Trotz all dem Trubel war Emilia so nett, sich die Zeit für ein Gespräch zu nehmen. Zwischen Baustelle und Bücherkisten haben wir mit ihr über Intersektionalität und Repräsentation gesprochen, über Frauenbuchhandlungen in den Siebzigern, über ihre Lieblingsbücher und darüber, ob man bei She said "Harry Potter" kaufen kann, obwohl J. K. Rowling einen an der Waffel hat.

Emilia, ich habe gelesen, dass deine Leidenschaft für Literatur, vor allem für Literatur von weiblichen Autorinnen, mit dem Roman "Die Glasglocke" begonnen hat. Ich weiß noch, dass das Buch in mir ganz viel ausgelöst hat, als ich es letztes Jahr zum ersten Mal gelesen habe. Was hat Sylvia Plath mit She said zu tun?

Emilia: Als ich "Die Glasglocke" mit Mitte 20 zum ersten Mal gelesen habe, habe ich festgestellt, dass das Buch irgendwie anders ist und anders zu mir spricht, und mich gefragt, woran das liegt. Mir fiel auf, dass es von einer Autorin geschrieben ist und dass es die Herausforderungen, die an Frauen – in den 50er Jahren, aber irgendwie auch immer noch – gestellt werden, thematisiert. Dann wurde mir bewusst, dass ich bisher sehr wenige Autorinnen gelesen hatte, in der Schule und auch im Studium. Deswegen habe ich mir selbst eine Quote auferlegt, mindestens zu 50 Prozent Werke von Autorinnen zu lesen. So habe ich nach und nach festgestellt, was ich verpasst habe – und was vermutlich auch andere Menschen verpasst haben. Das war krass, weil ich am Anfang echt Schwierigkeiten hatte. Ich kannte mich nicht so gut aus in zeitgenössischer Literatur und kannte auch wenige Buchhändler*innen, die mir Sachen hätten empfehlen können.

Wer bei She said zur Tür reinkommt, wird dieses Problem nicht haben: Ihr verkauft ausschließlich Bücher von weiblichen und/ oder queeren Autor*innen. Wie wählt ihr die Bücher aus, die ihr im Laden verkauft?

Im Team haben wir in den letzten Monaten eine sehr, sehr große Excel-Tabelle geführt. Wir machen ja ganz viel auf Instagram, dort haben wir auch unsere Follower*innen gefragt, welche Bücher in unseren Regalen auf keinen Fall fehlen sollten. Letztendlich wählen wir einfach Stoffe aus, bei denen wir das Gefühl haben, die Autor*innen haben etwas Wichtiges zu sagen oder die Themen, die in diesen Büchern behandelt werden, sind wichtig.

Empfohlener redaktioneller inhalt

An dieser Stelle findest du einen externen Inhalt, mit dem wir den Artikel bereichern.
Du kannst ihn dir mit einem Klick anzeigen lassen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden.
Beim Laden des Inhalts akzeptierst du die Datenschutzerklärung.

Ihr führt weibliche Autorinnen, queere Autor*innen, nichtbinäre Autor*innen – wo zieht ihr die Grenze? Offensichtlich sind euch Themen wie Antirassismus ja auch sehr wichtig. Wie handhabt ihr es zum Beispiel mit männlichen cis-hetero-BIPoC Autoren?

Das war für uns auch ein großes Thema. Bisher sind wir zu dem Schluss gekommen, dass wir sie nicht führen. Wir finden es natürlich total wichtig, dass sie gelesen werden, aber wir denken auch, dass ihre Werke woanders gekauft werden können. Wenn man hier reinkommt, wünschen wir uns, dass man am Ende eben doch Toni Morrison mitnimmt und nicht Ta-Nehisi Coates. Genauso wie die spezifischen Herausforderungen für Women of Color im feministischen Kampf mitbedacht werden müssen, sollte im Kampf gegen Diskriminierung auch die Sexualität mitbedacht werden.

Ich glaube, es gibt auch da die Tendenz, dass Literatur von männlichen BIPoC Autoren mehr Credibility zugemessen wird als weiblichen Autorinnen. Um das auszuhebeln, sind wir erst mal zu dem Entschluss gekommen, sie nicht zu führen, aber wer weiß – vielleicht ändern wir unsere Meinung in drei Jahren, oder wenn uns jemand ein besonders gutes Argument nennt. Undogmatisch sein ist immer ganz gut. Das sind wir sowieso, wir haben auch schon überlegt, ob wir zum Beispiel jemanden wie Max Czollek trotzdem da haben (lacht).

© Marit Blossey

Und bei den Büchern, die schließlich im Regal landen: Wie sortiert ihr da? Nach Autor*innen und deren Identität? Oder nach Themen?

Nach jetzigem Stand werden wir zum Einen in Deutsch und Englisch unterscheiden und ein englischsprachiges Regal haben. Bei den deutschsprachigen Büchern wollen wir nochmal unterteilen: Im Belletristik-Bereich haben wir dann einmal "Klassiker" – das ist mir wichtig, weil ich finde, dass wir Autorinnen aus der Vergangenheit Raum geben und sie bekannter machen sollten. Außerdem haben wir die Kategorien "Zeitgenössische Autor*innen" und "Queere Geschichten".

Vor allem bei den Sachbüchern wird man merken, wie sich unsere Buchhandlung von anderen unterscheidet: Da sortieren wir nach Kategorien wie Klimawandel, Bodypositivity, Exit Racism oder Postmigrantische Gesellschaft. Dann gibt's noch ein großes Regal für Kinderbücher. Da sind wir nicht so streng, was die Identität der Autor*innen betrifft, weil uns die Inhalte wichtiger sind: Dass vielfältige Charaktere auftreten, queere Familien gezeigt werden, und dass auch Mädchen oder BIPoC als Hauptpersonen auftreten. Außerdem wird es bald einen Tisch für Neuerscheinungen, die Lieblingsbücher des Teams und auch Thementische wie "Bücher, die ich gern als 16-Jährige gelesen hätte" geben.

Apropos Team: Nicht nur die Auswahl in euren Regalen, auch euer Team ist super divers. Warum glaubst du, dass das für einen Laden wie euren besonders wichtig ist?

Ich glaube, dass Repräsentation auf vielen Ebenen funktionieren muss. Das merkt man bei uns jetzt schon. Alle, die bei uns arbeiten, bringen eine andere Perspektive, anderes Wissen und andere Schwerpunkte mit ein. Damoun zum Beispiel kommt aus dem Iran und hat viele Bücher, die sich mit dieser Region beschäftigen, ausgewählt. Fabienne ist Schwarz und hat nochmal einen ganz anderen Blick auf Literatur, Linus ist ein trans Mann und bringt sowieso wahnsinnig viel mit, weil er selbst schon lange Buchblogger, Buchhändler und Aktivist ist. So hat jede*r einen anderen Schwerpunkt. Wir haben super Glück gehabt, das Team ist total toll und alle verstehen sich auch richtig gut, es fühlt sich jetzt schon ein bisschen an wie eine zweite Familie.

© Marit Blossey

Ich kann mir vorstellen, dass die Ankündigung, ausschließlich Bücher von weiblichen und queeren Autor*innen zu verkaufen, bei einigen Menschen auch auf Unverständnis stößt. Gab es viel Kritik an eurem Konzept?

Als der erste große Artikel über She said in der taz erschien, kamen wahnsinnig viele Kommentare. Das sei umgekehrte Diskriminierung, und die Qualität sei doch entscheidend, nicht das Geschlecht der Autor*innen. Einen Kommentar gab es auch, in dem mir vorgeworfen wurde, ich sei eine reiche Gründerin, die die angestammten Buchhandlungen mit dem gleichen Konzept aus dem Kiez verdrängen würde. Was nicht stimmt.

Es gibt tolle Buchhandlungen hier im Kiez und ich hoffe, dass wir sie nicht verdrängen. Viele von ihnen haben auch tolle linke und feministische Inhalte, aber so "streng", wie wir das handhaben, das gibt es zur Zeit noch nicht. In den Siebzigern und Achtzigern gab es viele Frauenbuchhandlungen, die teilweise auch lesbische Literatur verkauften, aber keine schwule Literatur – diese Kombination ist also wirklich relativ neu.

Ich will weg von einem binären Geschlechterbild. Trotzdem denke ich, dass es wichtig ist, dass man das Ungleichgewicht bei der Veröffentlichung und Besprechung von Autorinnen angeht – und das versucht unsere Buchhandlung.
Emilia von Senger

Du hast gerade schon die Frauenbuchhandlungen in den Siebzigern angesprochen. Siehst du She said in ihrer Tradition?

Ja, auf jeden Fall, das sind totale Vorbilder für uns. Die Frauenbuchhandlungen waren damals gleichzeitig Treffpunkte für die Frauenbewegung, Community-Orte, manchmal fast sowas wie therapeutische Anlaufstellen, zum Beispiel bei häuslicher Gewalt. Das finde ich total bemerkenswert. Ich weiß natürlich nicht, ob wir das in dem Maße erfüllen können, und 2020 ist selbstverständlich anders als 1980. Aber auch wir wollen – wenn Corona vorbei ist – viele Veranstaltungen bei uns anbieten und zu einem Community-Ort werden.

Wir planen den sogenannten She said Tuesday, an dem es jede Woche kleine Veranstaltungen geben soll: Buchclubs, Yoga, Diskussionsrunden über ein bestimmtes Thema. Ich würde uns als "Frauenbuchhandlung 2.0" bezeichnen, weil wir total schätzen, was die Frauenbewegungen vor uns geleistet haben. Und das heißt nicht, dass es daran nichts zu kritisieren gibt – Stichwort Intersektionalität – aber die Existenz der Bewegung ist extrem wichtig dafür, wo wir heute stehen.

© Marit Blossey

Zum Schluss habe ich noch ein paar schnelle Fragen für dich, die sich nicht um She said drehen, sondern ums Lesen allgemein. Kommst du gerade zwischen dem ganzen Eröffnungsstress überhaupt zum Lesen?

Am Wochenende ein bisschen; abends schlafe ich gerade immer nach fünf Seiten ein. Im Moment brauche ich sehr lange für ein Buch, normalerweise nicht.

Liest du mehrere Bücher gleichzeitig?

Eigentlich bin ich eine Ein-Buch-Leserin. Oft lese ich aber einen Roman und dann parallel dazu noch einen Essayband oder Ähnliches.

Liest du jedes Buch fertig, auch wenn es dich nicht packt?

Ich bin "Team Abbrechen", auf jeden Fall. Allerdings bin ich mittlerweile so gut im Auswählen der Bücher, die ich lese, dass es ganz selten passiert.

Welches Buch liegt gerade auf deinem Nachttisch?

"Bestiary" von K-Ming Chang.

Im Bett, am Strand, in der U-Bahn – wo liest du am liebsten?

Im Bett, tatsächlich.

Gibt es Bücher, die du mehrmals gelesen hast?

Als Kind und Teenager habe ich Bücher oft vier oder fünf Mal gelesen – "Harry Potter" zum Beispiel.

Apropos "Harry Potter" – J.K. Rowling hat sich auf Twitter in den vergangenen Monaten mehrfach transfeindlich geäußert. Werdet ihr ihre Bücher trotzdem verkaufen?

Wir haben uns entschieden, dass wir "Harry Potter" nicht da haben, aber die Bücher bei uns bestellt werden können. Was wir jedoch nicht bestellen werden, sind die von ihr unter Pseudonym veröffentlichten Krimis, in denen der Mörder eine falsche Transfrau ist. Im Rahmen des She said Tuesday planen wir auch Diskussionsrunden, bei denen wir darüber sprechen, ob wir ein bestimmtes Buch in unseren Regalen haben sollten oder nicht. Es gibt nunmal umstrittene Bücher und Autor*innen und diesen Diskurs wollen wir auch nach Außen tragen.

Durch welches Buch hast du zuletzt viel gelernt?

"Die Elenden" von Anna Mayr, die die Geschichte der Arbeit anhand der Arbeitslosigkeit erzählt. Da habe ich viel gelernt und ich finde, dass das eine sehr wichtige Perspektive ist, die in Deutschland erst jetzt in der Literatur und auch in den Sachbuchthemen angekommen ist. Welche Rolle der Klassismus in unserer Gesellschaft spielt – auch das hat etwas mit Intersektionalität zu tun.

Letzte Frage: Welches Buch sollte deiner Meinung nach im Jahr 2020 jede*r gelesen haben?

Das Jahr 2020 schreit natürlich danach, dass man "Exit Racism" von Tupoka Ogette oder "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten" von Alice Hasters nennt. Also auf jeden Fall diese beiden. Aus der Romanecke sind meine drei Favoritinnen dieses Jahr: "1000 Serpentinen Angst" von Olivia Wenzel, "Streulicht" von Deniz Ohde und "Annette, ein Heldinnenepos" von Anne Weber, das den Buchpreis gewonnen hat.

She said | Kottbusser Damm 79, 10967 Berlin | Öffnungszeiten: Montag–Freitag 10–19 Uhr, Samstag 10–18 Uhr | Website und Online-Shop | Instagram