"Major Labels wird’s in fünf Jahren nicht mehr in dieser Form geben" – Fynn Kliemann über die Zukunft der Musikbranche

© Philipp Gladsome

ITler, Mediengestalter, Heimwerker, Klimannsland-Gründer, Bootbesitzer, Inhaber eines Klamottenlabels, Musiker. Wer sich in den letzten Jahren im Internet rumgetrieben hat, weiß sicherlich von wem wir sprechen, Fynn Kliemann. Was er anfasst, wird zu Gold. Musikalisch gesehen zumindest zur goldenen Schallplatte für über 100.000 verkaufte Alben und kürzlich gewann er sogar bei den MTV EMAs als "Best German Act". Wir haben uns virtuell mit ihm getroffen und mit ihm über seinen Schreibprozess, das Einhalten von Versprechen und die Zukunft der Musikbranche gesprochen.

Du hast gerade den MTV EMA als bester deutscher Act gewonnen, wie fühlt es sich an? Ist es für dich etwas anderes, einen Preis zu bekommen, für den Hörer*innen abstimmen können?

Gut, es fühlt sich sehr gut an, es freut mich. Wir haben uns schon viel drüber ausgetauscht, was jetzt das beste System ist. Finanzieller Erfolg ist relativ monoton jedes Jahr, weil es immer die gleichen sind. Bei Votings gewinnt immer der mit der größten Community – oder in meinem Fall mit den meisten Tüftlern. Es ist wirklich total schwierig, Oscars zum Beispiel funktionieren ja sehr erfolgreich im Jury-Format und das finde ich eigentlich auch geil.

Ich finde es gut, dass man in der Kritik von irgendjemandem steht, es muss dann aber ein auserwählter Pool sein, der nicht parteiisch ist und das geht musikalisch einfach nicht. Auf der anderen Seite kommt bei Votings auch die Frage nach der Manipulation auf. Das hab ich bei vielen schon gesehen. Ich weiß auch nicht, aber es bleibt ein schöner Preis.

Du hast deine Alben lieber in Eigenregie rausgebracht, obwohl die Möglichkeit bestand, bei einem Großen zu signen, warum?

So ein Major Deal hat sehr viele Fallstricke. Die verwalten dein Geld, die entscheiden, wohin es investiert wird, die platzieren dich. Und das größte Manko daran: Wenn ein großer Künstler oder eine große Künstlerin in diesem Label gerade released, dann hat natürlich wer Prio? Immer der, den man am meisten verkauft. Entweder du hast jemanden beim Label, der dein Zeug richtig liebt und sich Tag und Nacht für dich ins Zeug legt, oder du hast halt Pech.

Ich denke, bei so persönlichen Sachen wie Musik, ist die beste Person, die das verkaufen kann, ich. Ich bin der einzige, der das zu 100% fühlt. Ich bin der einzige, der ganz genau weiß, wo das hin muss, was nicht geht, wie man das platzieren muss, wie man das verständlich für die Welt da draußen macht. Wer steckt denn außer mir in meinem Kopf? Das ist der ganz einfache Grund, warum ich Menschen, die das Major Label nicht unbedingt brauchen, immer nur sagen kann: Macht das selbst!

Ist das nicht ganz schön nervenaufreibend?

Ne klar, was da alles in die Hose geht, ahnt ja keiner. Guck mal bei Pop, da war Corona dazwischen, da wurden unsere Produktionsstätten geschlossen, dann kamen die Jacken nicht, dann haben wir die ganze Distribution auch noch selbst gemacht. Wir haben eine riesige Halle in Köln gemietet, wir haben 30 Leute eingestellt und den ganzen Versand gemacht, LKWs gebucht, uns darum gekümmert, wenn etwas am Zoll festhing. Nur so, ey. Das war einfach monatelang jeden Tag eine Katastrophe nach der anderen. Das ist halt der Preis, den du dafür zahlst.

Aber du würdest es trotzdem bevorzugen, die Katastrophen selbst auszubügeln, bevor du es jemand anderem überlässt?

Naja, also während der Phase – auch beim ersten Album – habe ich schon gesagt: "Nie wieder ey, warum bin ich so dumm und mach das alles selbst?". Und das hab' ich jetzt natürlich wieder gedacht. Aber lass mal ein halbes Jahr ins Land gehen, dann hab ich das alles wieder vergessen und mache den gleichen Fehler noch mal.

Naja, also während der Phase – auch beim ersten Album – habe ich schon gesagt: 'Nie wieder ey, warum bin ich so dumm und mach das alles selbst?'
Fynn Kliemann

Hast du denn Learnings aus der ersten Produktion mitgenommen, die du beim zweiten Album besser machen konntest?

Wir haben viele Sachen gewusst und dann aus Versehen wieder falsch gemacht. Ich hab' den Shop diesmal auch selbst gebaut, das heißt, ich war dafür zuständig, dass das auch hält – das war so dumm. Da haben wir wirklich alles verkehrt gemacht. Und beim Produkt auch. Letztes Mal haben wir ja überall 'ne Mütze reingepackt, die ist für jeden gleich. Diesmal haben wir Jacken in verschiedenen Größen, also XS bis XXXL. Da macht sich ja keiner Gedanken drüber, dass du dann auch Paletten mit den richtigen Größen drauf brauchst, das musst du dann alles zusammenbauen. Unsere Box war doppelt so groß wie letztes Mal, das hat unsere Versandkosten gesprengt. Und dann das Lager, das sind 300 LKW-Ladungen Material gewesen, die du irgendwo hin tun musst. Wer erwartet das denn? Und dann hängst du da mit dem ganzen Scheiß und fragst dich: Wie sollen wir das jetzt hinbekommen? Es gab sehr viele Learnings und ich habe davon nichts berücksichtig, bis auf, dass ich, glaube ich, musikalisch Sachen freier gemacht hab.

Ich habe das Gefühl, ich konnte viel direkter Songs schreiben, die Nachrichten darin sind hoffentlich klarer geworden als das letzte Mal. Da war noch viel versteckt in Phrasierungen oder irgendwelchen Metaphern. Ich hoffe, das jetzt jeder weiß, wovon ich rede. In der Realität merke ich immer wieder, dass das echt nicht stimmt.

Das geht an die Substanz, ich sitz manchmal einfach völlig gelähmt drei Stunden am Fenster und guck raus und suche einen Satz, den ich nicht finde und dann geh ich abends ganz traurig ins Bett. Der Schreibprozess ist richtig scheiße.
Fynn Kliemann

Wie kann man sich denn deinen Schreibprozess vorstellen?

Es ist ein richtiger Krampf. Terror. Ich hasse das. Und ich liebe das auch gleichzeitig. Aber es ist immer so: Ich baue für ein Album 400 bis 500 Songskizzen. Ich mach jeden Tag irgendeinen Beat und manchmal find ich den halt geil, oder ich hab irgendeinen coolen Satz, auf dem der Rest dann basiert und dann denke ich: Ok, jetzt muss ich dazu was schreiben und wenn diese Entscheidung getroffen ist, dann ist es ab dann nur noch Horror. Dann sitze ich da, ich brauch eeewig alter. Wenn ich mir anhöre, wie manche Leute ihre Songs schreiben, wie schnell das alles geht und bei mir dauert das Wochen oder Monate. Und dann setz ich mich immer wieder dran und schreibe ein Wort um, das passt dann besser rein, weißt du. Bis der Text dann perfekt ist, boah, das dauert richtig.

Das geht an die Substanz, ich sitz manchmal einfach völlig gelähmt drei Stunden am Fenster und guck raus und suche einen Satz, den ich nicht finde und dann geh ich abends ganz traurig ins Bett. Der Schreibprozess ist richtig scheiße.

Aber machst du irgendwas – abgesehen von aus dem Fenster starren –, damit es besser wird?

Ne. Alle sagen zwar immer, man soll sich nicht quälen und man soll erst wieder ran, wenn man die Muße dazu hat, aber ich hab irgendwie das Gefühl, schreiben muss scheiße sein. Schreiben muss schlimm sein. Man muss sich da durchquälen, dann ist das super, echt. Wahrscheinlich ist das falsch, aber ich glaube, auch beim Schreiben gibt's nicht falsch oder richtig. Das macht jeder ein bisschen anders und bei mir ist es richtige Quälerei.

Was schätzt du, wieviele Stunden hast du an den Songs für Pop gesessen?

Ein Jahr, jede Nacht, keine Ahnung. Also viele, viele, viele. Und am Anfang bist du ja, da schreibst du ewig. Und dann nehm ich meinen ganzen Scheiß, fahr damit nach Hamburg zu Philipp Schwer und mach dann alles neu. Und dann nehmen wir alles einmal sauber auf und dann schreib ich wieder voll viel um. Also hunderte, tausende, tausende Stunden.

Lässt du dir beim Schreiben von anderen helfen?

Ne, das kann ich gar nicht. Das ist ja auch das nächste Schlimme. Immer wenn irgendwer 'ne supergute Idee hat, die dann aber die Essenz des Songs verändert, dann kann ich die nicht nehmen, weil ich die ja nicht selber gemacht hab'. Ich bin da richtig kompliziert, ey.

Selbes gilt für Features, wie viele Anfragen ich schon bekommen habe für Kollaborationen, aber ich kann halt auch mit keinem schreiben und ich will auch neben niemandem im Studio sitzen, ich find das alles scheiße. Ich will einfach zu Hause nachts alleine zum Runterkommen ein paar Stunden Mucke machen. So mach' ich Musik und alles andere mag ich nicht.

Ein Feature wird es von dir also nie geben.

Ja, doch. Also es gibt natürlich Leute da draußen, die ich krass finde. Westside Gunn zum Beispiel, mit dem vielleicht.

Was würdest du denn jungen Musiker*innen, die noch keinen Plattenvertrag haben, empfehlen, einfach selbst ein Label gründen oder  Songs rausballern?

Von "Songs einfach rausballern" bin ich jetzt nicht der größte Fan von. Ich finde, da muss man sich schon ein bisschen Gedanken machen und das hängt einem auch immer nach. Wenn du drei schlechte Singles rausbringst, dann bist du halt scheiße, dann hast du halt einfach scheiß Musik gemacht. Ist dann nun mal so. Deswegen finde ich, man sollte sich für so einen Release auch Zeit nehmen und sich darauf konzentrieren, also ich hab da, wenn du so willst, zehn Jahre gewartet, auf den ersten Song.

Und was das Gründen angeht: Ey, es gibt da draußen voll viele Leute, die mit so einem knebeligen Künstlervertrag bestens bedient sind. Es gibt Leute, die wollen einfach nur Interpret sein und wollen Songs spielen, haben auch keine Idee und wissen auch nicht, wo sie hinwollen. Die wollen an die Hand genommen werden. Dann ist das super. Und es gibt andere. Da suchst du dir halt aus bestimmten Labels die richtigen Leistungen raus, ist auch super oder du bist halt selbständig und brauchst das alles eigentlich nicht, dann würde ich sagen, wenn du die Leute nicht brauchst, dann solltest du sie auch nicht in dein Projekt reinlassen.

Du musst halt einfach wirklich gute Musik machen. Und wenn du einen wirklich guten Song geschrieben hast, dann bringst du den auf irgendeine Art und Weise raus, völlig egal, der wird die Leute dann auch finden.
Fynn Kliemann

Ein kleiner Blick in die Zukunft: Was wäre die positivste Entwicklung, die du dir für die Musikbranche wünschen würdest?

Ehrlichkeit und Mut wird ja immer auch schon von Musik gefordert, und das tu ich auch. Also ich glaube, wichtig ist, dass neue Musik kommt und die kommt, wenn Leute mutig genug sind, sie auf den Markt zu bringen. Und alle müssen verstehen, – und das hab' ich, als ich kleiner war, auch noch nicht verstanden – dass du das alles gar nicht brauchst. Du musst halt einfach wirklich gute Musik machen. Und wenn du einen wirklich guten Song geschrieben hast, dann bringst du den auf irgendeine Art und Weise raus, völlig egal, der wird die Leute dann auch finden. Wenn er wirklich richtig geil ist. Du brauchst kein Studio für 100.000 Euro, nimm deinen scheiß Laptop und 'n Mikro, wirklich.

Guck dir die ganzen Leute an, die das machen. Die Einstiegshürden für Musik sind so niedrig wie noch nie. Selbst der Einstieg für richtig erfolgreiche Musik ist so niedrig wie noch nie. Das ist so krass, du brauchst einfach nur eine gute Idee, in irgendeiner Form irgendwie ein Talent und musst es machen. Deswegen hoffe ich, dass das alle verstehen. Viele machen das nicht, weil sie die ganze Zeit darauf warten, dass sie dieses Ensemble zugesteckt bekommen, was sie aber gar nicht benötigen. Dieses Aufwachen, das ist voll wichtig. Dann machen nämlich alle mehr Mucke und bessere Mucke.

Glaubst du, dass wir in, sagen wir mal zehn oder vielleicht 25 Jahren immer noch diese großen, globalen Plattenlabel-Player haben?

Nein, ich glaube, dass wir die in zehn Jahren nicht mehr haben, oder in fünf. In fünf wird’s schon knackiger werden für die. Die wird’s auf jeden Fall nicht mehr in dieser Form geben wie jetzt. Ich mein', ich bin ja nicht der einzige, der das so macht. Ein Plattenlabel ist auch nichts anderes als eine Bank. Die geben dir Geld, wenn du es brauchst. Die stellen kluge Leute ein, die ein Gefühl dafür haben, was der Künstler oder die Künstlerin braucht.  Und die haben Kontakte irgendwo hin, die du aber auch langsam nicht mehr brauchst, weil die ganze Welt so krass vernetzt ist.

Das heißt, in Zukunft wirst du dir von einem Label nur noch Dienstleistungen holen. Dann gehst du zu verschiedenen Baukästen, nimmst dir das hier von und der kann das für dich verschicken und der kann das für dich bei der Presse machen usw. Das kaufst du, glaube ich, dann ein und das war's.

Werden wir in Zukunft auch weiter Musik von dir hören?

Oah, ey. Ne, ich sag jetzt niemals nie so, aber ne. Ich hab keine Zeit und auch keinen Bock. Ich schreibe gerade gar nicht, ich kann nicht, da kommt nix.

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