Vollsuff ab Schönefeld – Herzlich willkommen in Berlin

© Hella Wittenberg

Ich war gerade mehrere Wochen lang unterwegs. In dieser Zeit habe ich Berlin nicht vermisst, weil auch die anderen Orte so aufregend und erfüllend waren. Wenn mich jemand gefragt hätte, was mir am meisten fehlt, wäre das bestimmt nichts gewesen, das mit Berlin zu tun hat. Doch als ich nun in Schönefeld in die S-Bahn steige, weiß ich sofort wieder, wo ich bin.

„Und ich dachte, der stinkt.“

„Nee, der stinkt nicht.“

„Ich war mir sicher, der stinkt. Der sieht so aus, als wenn er stinkt.“

„Der stinkt aber nicht!“

Willkommen zurück in Berlin

Die beiden Ladys, die diese Worte im Mund führen, nehmen einen ganzen Vierer in Beschlag. Wahrscheinlich sind sie noch nicht mal vierzig. Es ist ihr Permanent Make-up aus Augenringen und geplatzten Äderchen, das sie älter aussehen lässt. Zu dem Ensemble gehören noch drei Männer im Vierer gegenüber. Ich setze mich zu ihnen auf den einzig verbliebenen Platz. Es ist zwar sonst nicht meine Art, so auf Tuchfühlung zu gehen, aber nach dem langen Flug bin ich erschöpft.

„Biggi!“, ruft einer der Männer. „Jetzt gib doch mal endlich die Flasche rüber.“

Doch Biggi ist damit beschäftigt, sich einen Reim auf meine Anwesenheit zu machen. Sie beugt sich vor und kneift die Augen zusammen.

„Wer bist'n du?“

„Biggi, die Flasche!“, ruft mein Nachbar nochmal. „Josi, nimm doch der Biggi mal endlich die Flasche ab.“

„Wer du bist, hab' ich gefragt!“

„Ich heiß Clint.“

„Wie?“

„Clint.“

„Wieso heißt'n du Clint?“

Ich kann nicht gleich antworten, weil mein Nachbar mich dazu nötigt, einen Schluck vom endlich herübergereichten Goldbrand zu nehmen.

„Mein Ex hatte auch so'n komischen Namen“, schaltet Josi sich ein. „Olaf hieß der.“

„Seit wann is'n Olaf ein komischer Name?“

„Also ich find ihn komisch. Was sagst'n du dazu, Finn?“

„Wer ist Finn?“, frage ich.

„Na, du heißt doch Finn.“

Es ist ihr Permanent Make-up aus Augenringen und geplatzten Äderchen, das sie älter aussehen lässt.

Endlich fährt die S-Bahn los. Meine fünf Begleiter*innen sehen nicht so aus, als wären sie gerade erst eingestiegen. In Biggis Vierer stapeln sich Schlafsäcke und Klamotten. Gut möglich, dass die Bahn ihre Unterkunft für den Tag ist. Ein Leben zwischen Spandau und Schönefeld.

„Clint, du hast doch bestimmt Abitur“, fragt Biggi.

„Heißt der nich Finn?“

Ich gebe zu, dass ich tatsächlich mal in der Schule war.

„Dann kannst du mir doch bestimmt sagen“, fährt Biggi fort, „wer der siebte Kurfürst ist?“

„Wie bitte?“

„Mann, hörst du schlecht“, plärrt Josi empört. Wahrscheinlich will sie mich dabei anschauen, doch ihr Blick kraucht irgendwo am Boden herum.

„Der siebte Kurfürst“, wiederholt Biggi.

„Es gab acht“, brummt mein Nachbar dazwischen.

„Der Finn weiß gar nix. Der war auf der Baumschule.“

Ein Leben zwischen Spandau und Schönefeld

In dem Moment kommt ein MOTZ-Verkäufer vorbei und hält seinen Becher in die Runde, was für einige Unmutsbekundungen sorgt. Offenbar herrscht auch hier eine klare Hackordnung. So wie überall. Am liebsten würde ich jetzt ein Buch aus meinem Rucksack holen, will aber nicht unhöflich sein. Noch einmal wird mir der Schnaps vor die Nase gehalten.

„Welche Kurfürsten hast du denn schon?“, frage ich. Biggi zählt daraufhin mit geschlossenen Augen auf: Den Pfalzgraf bei Rhein, den König von Böhmen, den Markgraf von Brandenburg.

„Und die drei Erzbischöfe. Aber wer ist der siebte?“

„Es waren acht“, sagt mein Nachbar.

„Was denn für Erzbischöfe?“

„Na, die von Köln, Mainz und Speyer.“

Goldbrand und Erzbischöfe

„Trier!“, schreit Josi und stößt dabei eine neben ihrem Fuß stehende Bierflasche um. An sich fühle ich mich ganz wohl, nur Josis aggressive Schwingungen hindern mich daran, komplett zu entspannen. Sie sieht aus wie der Archetyp der ewigen Eckkneipen-Wirtin, auch wenn sie mit ihrem enganliegenden, Pailletten-lastigen Outfit dagegen anzukämpfen versucht.

„Köln, Mainz und Trier“, sagt sie eindringlich und steht dann auf, um der wegrollenden Bierflasche nachzulaufen. Einer meiner Nachbarn erhebt sich ebenfalls und eine nicht gerade galante Wolke wabert unter ihm hervor. Er merkt es offenbar selbst und setzt sich schnell wieder hin.

„Tschuldigung“, sagt er. „War keine Absicht.“ Die zurückgekehrte Josi reckt triumphierend einen Arm in die Luft.

„Ich sag doch, der stinkt! Hab ich's nicht gesagt?“

Ich spüre, dass es gleich krachen könnte.

„Also wer ist nun der siebte?“, beharrt Biggi.

„Es waren acht.“

„Ist noch was vom Goldbrand da?“, will ich wissen.

Josi baut sich vor uns auf. Ein gemeiner Ausdruck liegt auf ihrem Gesicht. Ich spüre, dass es gleich krachen könnte. Zum Glück gilt ihr Ärger nicht mir.

„Noch einmal“, richtet sie sich an meinen Nachbarn. „Wenn du noch einmal sagst, dass es acht waren, dann dreh ich sowas von durch.“

„Waren aber acht. Der König von Bayern war auch dabei.“

„DOCH ERST NACH DEM WESTFÄLISCHEN FRIEDEN!“, kreischt sie und boxt ihm auf die Schulter. Ich reiche ihr zur Beruhigung die Flasche.

„Der Finn glaubt doch eh, dass er was Besseres ist.“

„Ich heiße Clint“, sage ich.

„Echt? Das ist ja’n komischer Name. Boörps, huch, tschuldigung.“

Endlich beruhigt sie sich. Alle anderen Fahrgäste außer mir haben sich längst in den nächsten Waggon verzogen. Es wäre also genug Platz, dass ich mir einen eigenen Vierer nehme. Zumal wir erst zwei Stationen gefahren sind. Stattdessen bleibe ich, wo ich bin. Es hat nur diese zehn Minuten gedauert, dass ich mich wieder zu Hause fühle. Es sind eben die kleinen Dinge, die uns zeigen: Berlin ist Beste. Woanders zu leben, wäre absurd und unangebracht. Und der Herzog von Sachsen rotiert im Grab wie ein Grillhähnchen.

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