30 Jahre Mauerfall – 11 Orte der friedlichen Revolution von 1989 in Berlin

Es ist ja kaum zu glauben, aber in dieser Woche feiert der Mauerfall bereits sein 30. Jubiläum – und das wird natürlich standesgemäß mit einer ganzen Festivalwoche begangen. Am 9. November 1989 wurden nach einem Herbst der Friedlichen Revolution tatsächlich die Grenzen geöffnet. Die Mauer war gefallen und mit ihr die Zeit der fast 28 Jahre andauernden Teilung und Trennung zwischen Ost- und Westdeutschland. In Berlin lebt die Geschichte noch heute weiter, gerade in der Hauptstadt sind wir von zahlreichen historisch bedeutenden Plätzen umgeben. Wir zeigen euch 11 Orte, an denen es kurz vor, während und nach dem Mauerfall zu Ereignissen kam, die in die Geschichtsbücher eingegangen sind:

1. Gethsemanekirche

Die Gethsemanekirche im Helmholtzkiez ist in den 1980er Jahren zu einem wichtigen Symbolort für den friedlichen Protest in Ost-Berlin geworden. Ab dem 2. Oktober 1989 fanden hier regelmäßig große Mahnwachen statt, die von verschiedenen Oppositionsgruppen ins Leben gerufen wurden, die sich für die Freilassung inhaftierter Demonstrant*innen stark gemacht haben. In der Kirche entstand auch der "Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe – Lesben in der Kirche", eine der ganz wenigen lesbischen Gruppierungen, die es überhaupt in der DDR gab. Neben einem (leider längst ausverkauften) Konzert von Patti Smith am 5. November, gibt es in der Gethsemanekirche während der Festivalwoche unter anderem mehrere Sidewalks zum Thema "Lesbisch-Schwule Liebe und Emanzipation in Ostberlin". Das ganze Programm findet ihr hier.

2. Alexanderplatz

Die größte Protestdemonstration, die es in der DDR jemals gab, fand – wie sollte es anders sein – am 4. November 1989 mitten auf dem Alexanderplatz statt, der bis heute Dreh- und Angelpunkt der Stadt ist. Über 400.000 Menschen haben damals für einen demokratischen Umbruch gekämpft. Die zentralen Forderungen lauteten: Freie Wahlen, Meinungs- und Pressefreiheit sowie barrierefreies Reisen. Zum diesjährigen Jubiläum wird am Alex natürlich auch ein umfangreiches Programm auf einer Bühne neben der berüchtigten Weltzeituhr angeboten, die wir alle wiederum spätestens seit Herr Lehmann kennen. Neben einer permanenten Open-Air-Ausstellung während der Festivalwoche, bei der auch die umliegenden Häuserfassaden mit 3D-Projektionen bespielt werden, finden hier etliche Performances und Filmvorführungen statt. Wenn ihr in der Nähe seid, schaut mal vorbei.

Alexanderplatz Berlin
3D-Videoinstallation am Alexanderplatz | © Kulturprojekte Berlin

3. Brandenburger Tor

Was noch bis zum Morgen des 9. Novembers 1989 niemand für möglich gehalten hatte, ist dann aber tatsächlich eingetroffen. Wie es weiterging, wissen wir alle. Die Mauer ist gefallen. Noch in der Nacht haben sich Tausende am Brandenburger Tor versammelt und die Öffnung der Grenze nach 28 Jahren gefeiert. Der Ort ging damit wie kein anderer in Berlin als Symbol der deutsch-deutschen Einheit in die Geschichte ein. Und mal ganz ehrlich – was wäre Berlin ohne dieses Bauwerk? Um an diesen ganz besonderen Moment zu erinnern, finden in einem Programmpavillon auch am Brandenburger Tor zur Festwoche zahlreiche Veranstaltungen statt. Außerdem wird es am 9. November eine große Bühnenshow mit Live-Acts, Theaterperformances und einem imposanten VideoDome geben.

Brandenburger Tor
Kunstinstallation am Brandenburger Tor © Kunstinstallation Patrick Shearn of Poetic Kinetics, kuratiert von Kulturprojekte Berlin

4. Stasi-Zentrale

Die Stasi-Zentrale war eine der wichtigsten Institutionen, die die Macht des SED-Regimes stützte. Hier wurden insgesamt über 6 Millionen Stasi-Akten über west- wie ostdeutsche Bürger*innen gelagert. Nach dem Mauerfall haben Bürgerrechtler*innen mehrfach die Zentrale des ostdeutschen Geheimdienstes gestürmt und besetzt, um die Vernichtung der Akten zu verhindern. Mit Erfolg. Die Stasi gab es fortan nicht mehr und seit 1991 existiert das sogenannte Stasi-Unterlagen-Gesetz. Es sichert bis heute nicht nur, dass Betroffene ihre Akten einsehen können, sondern ermöglichte eine juristische, politische und historische Einsicht in die Strukturen des DDR-Staatssystem. Wenn ihr euch das ehemalige Ministerium der Staatssicherheit anschauen wollt, empfehlen wir euch unbedingt das Theaterstück "Amok oder Koma sein" mituznehmen. Ein einmaliges Erlebnis, denn es wird im Stasibunker aufgeführt. 

Stasi-Zentrale Berlin
© Oana Popa-Costea | Kulturprojekte Berlin

5. Kurfürstendamm

Viele Mythen ranken sich um den legendären Kurfürstendamm, der im ehemaligen Westberlin liegt und bis heute Gäste von überall her anzieht, zum Flanieren und Shoppen einlädt. Für die Ostberliner*innen galt der Boulevard seit jeher als Sehnsuchtsort, der alles verkörperte, was der Osten niemals war – so nah und doch so fern. Kurz, nachdem die Mauer gefallen war, ereigneten sich hier deshalb wirklich ergreifende Szenen. DDR-Bürger*innen und Westberliner*innen fielen sich unter Freudentränen in die Arme und feierten zusammen ausgelassen ihre neu gewonnene Freiheit. Während der Festivalwoche wird es auch rund um den Breitscheidplatz beeindruckende 3D-Lichtprojektionen sowie eine Open-Air-Schau geben, die euch mehr über die Ereignisse, die hier stattgefunden haben, verrät. Also ab in die City West!

6. Schlossplatz

Mitten in Berlin, rund um den Alexanderplatz, befand sich das Regierungsviertel (wenn man so will) des damaligen DDR-Regimes. Sowohl die Parteizentrale der SED, das Außenministerium und der imposante Palast der Republik, der zu einem Symbol einer Scheindemokratie geworden war, befanden sich rund um den Schlossplatz, der im Herbst 1989 häufig Zielort für Proteste wurde. Etwa um einen staatlichen Festakt zu stören oder den Rücktritt von Egon Krenz zu fordern. Während der Feierlichkeiten rund um das Mauerfall-Jubiläum könnt ihr an der Führung "40 Jahre sind genug – der 07.10.1989 und was danach geschah" teilnehmen, die täglich von Zeitzeuge Matthias Rau angeboten wird und euch eine kleine Zeitreise rundum das heutige Humboldtforum, den Schlossplatz und das sehenswerte Nikolaiviertel verspricht. Nicht verpassen.

Schlossplatz Berlin
3D-Videoinstallation Schlossplatz | © Kulturprojekte Berlin

7. East Side Gallery

Die East Side Gallery in Friedrichshain zieht jedes Jahr Millionen Tourist*innen an. Nur eine Woche nach dem Fall der Mauer haben sich Berliner Künstler*innen mit der Intention, aus einem "Bauwerk der Unmenschlickeit eine Bauwerk gegen die Unmenschlichkeit" zu machen, auf ihr kreativ verewigt. In den Folgejahren entstand hier die größte Open-Air-Galerie der Welt: Auf 1,3 Kilometern Länge bemalten 118 Künstler*innen aus 21 Ländern die Mauerreste. Um an das tödliche Grenzregime zu erinnern, das genau hier einst viele Menschenleben forderte, wird im November ein schwimmendes Kunstwerk aus leuchtenden Stab- und Signalbojen auf der Spree in der Nähe der Oberbaumbrücke entstehen, um an die bewegenden Geschichte des Ortes zu erinnern. Die Installation wird sicher eindrucksvoll. Unbedingt anschauen!

© Wiebke Jann

8. Zionskirche

Ähnlich wie die Gethsemanekirche wurde auch die Zionskirche im Prenzlauer Berg zu einem zentralen Ort des revolutionären Herbstes 1989. Im Keller der Kirche wurden geheim Flugblätter und Zeitschriften gedruckt und von hier aus in die ganze DDR verbreitet. Ebenso war die Kirche Zufluchts- und Versammlungsort Oppositioneller, die von hier aus ihre Protestaktionen planten. Ab dem 7. November 2019 werden im Rahmen der Festlichkeiten verschiedene Veranstaltungen stattfinden, die die historische Bedeutsamkeit der Kirche in den Vordergrund rücken.

© Svenja Stamme

9. Bornholmer Brücke

Am Abend des 9. November 1989 kam es am Grenzübergang Bornholmer Brücke, der die Stadtteile Wedding und Prenzlauer Berg voneinander trennte, zu einschneidenden Ereignissen, die in zahlreichen Spielfilmen immer wieder nacherzählt wurden. Nachdem ein Mitglied des SED-Politbüros, namentlich Günter Schabowski, auf einer Pressekonferenz erklärte, dass es eine neue Reiseregelung für DDR-Bürger*innen geben würde und diese live im Westfernsehen übertragen wurde, versammelten sich gegen Abend immer mehr Staatsbürger*innen an dem Grenzübergang, um unverzüglich Gebrauch von ihrem neuen Reiserecht zu machen. Die Grenzbeamten waren mit der Situation und den ungeklärten Regelungen überfordert und so kam es, dass gegen Mitternacht die Passkontrollen eingestellt wurden und Tausende Ostberliner*innen erstmals in den Westen ausreisen durften.

10. Rathaus Schöneberg

Bereits 1948 wurde Berlin, vorerst administrativ, zu einer geteilten Stadt, bevor am 13. August 1961 die Mauer errichtet wurde. Auseinandersetzungen zwischen dem kommunistisch geprägten Osten und demokratischen Westen wurden immer wieder in Berlin ausgetragen. Das Rathaus Schöneberg wurde Sitz des Senates und der Abgeordneten Westberlins und war daher häufig Anlaufpunkt für politische Kundgebungen, wenn zum Beispiel Staatsgäste aus dem Ausland zu Besuch waren. 1963, zwei Jahre nach dem Mauerbau, hielt hier etwa der amerikanische Präsident John F. Kennedy seine berühmt gewordene Rede und formulierte den legendären Satz "Ich bin ein Berliner". Und auch nach dem Mauerfall haben Politgrößen wie Willy Brandt, Hans-Dietrich Genscher und Altbundeskanzler Helmut Kohl hier vor Zehntausenden öffentlich gesprochen.

11. Mohrenstraße Internationales Pressezentrum

Im Internationalen Pressezentrum in der Mohrenstraße kam es am 9. November 1989 zum wohl folgenschwersten Versprecher der Deutschen Geschichte. Günter Schabowski, SED-Politbüromitglied, hatte auf einer Pressekonferenz, die live übertragen wurde, über das neue Reisegesetz der DDR berichtet. Auf die Nachfrage eines Journalisten, ab wann die neue Regelung gelte, hatte Schabowski zunächst keine Antwort parat. Er blätterte – vor laufender Kamera – nervös in seinen Papieren herum und stammelte dann den legendären Satz: "Das trifft nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich". Man könnte auch sagen, nur weil Schabowski die Sperrfrist dieser Nachricht vergessen oder in besagtem Augenblick nicht parat hatte, kam es noch am selben Abend aus Versehen zur Grenzöffnung, weil die DDR dem Druck der ausreisewilligen Bürger am Grenzübergang Bornholmer Straße nicht mehr Stand halten konnte. Was für eine Geschichte.

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