Tschüß schlechte Luft und Fahrradtote – Ein Tag in einer autofreien Zukunft

© Marit Blossey

Ich bin spät dran, wie eigentlich jeden Montagmorgen. Ich habe lieber noch dreimal auf den Snooze-Knopf gedrückt, statt direkt aufzustehen. Meine Berlin-Ring-App, die alle Verkehrsmittel innerhalb des S-Bahn-Ringes in sich vereint und immer die besten Optionen anzeigt, schlägt vor, mit dem Elektro-Roller vor meiner Tür bis zur Straßenbahn, die direkt vor meiner Arbeit hält, zu fahren. Oder ich könnte eines der Leihfahrräder von der Station am Ende der Straße nehmen und damit die zwei Kilometer zur U6 radeln. Es gäbe sogar noch eines von den Damen-Rennrädern, die ich so mag. Aber das Wochenende war sportlich und ich bin einfach zu faul. Außerdem ist mein Mobi-Kontingent, ein Kontingent für Leihroller und E-Bikes, das jeder in Berlin monatlich zur Verfügung hat, für diesen Monat noch nicht ausgeschöpft. Ich kann mir also ganz entspannt diesen kleinen Montagmorgen-Luxus gönnen.

Seit alle Autos aus der Innenstadt verbannt wurden, hört man die Vögel sehr viel deutlicher

Als ich das Haus verlasse, entdecke ich im Straßenbeet vor meiner Haustür eine rote Erdbeere. Endlich, die Erdbeerzeit hat begonnen. Voller Vorfreude auf den Sommer steige ich auf den kleinen Roller. Mit dem Helm wird das Vogelgezwitscher etwas gedämpft und ich bin ein wenig erleichtert. Zu Frühlingsbeginn kann ich, wie alle, gar nicht genug von den Paarungsrufen bekommen. Verheißen sie doch den nahenden Sommer. Aber seit alle Autos aus der Innenstadt verbannt wurden, hört man die Vögel sehr viel deutlicher, wie sie gegenseitig versuchen, sich in Penetranz und Gequietsche zu übertreffen. Auf die Dauer ist das dann doch etwas anstrengend. Zum Glück fängt jetzt der Sommer an.

Seit die Tram, die S-Bahn und die U-Bahn sehr zuverlässig alle 3 Minuten kommen, bin ich davon so verwöhnt, dass ich 3 Minuten Warten schon nervig finde.

Mit einem leisen Surren setzt sich der Roller in Bewegung. Frische Luft weht mir um die Nase. Erst seit ich weiß, wie frisch die hier sein kann, realisiere ich immer mehr, dass Feinstaub und Smog in den Jahren vor der Verbannung die Luft extrem verpestet haben. An der Kreuzung zur Hauptstraße muss ich warten, dass ich die normale und die Expressfahrradspur kreuzen kann. Viele private aber auch viele Leihräder sind heute morgen unterwegs. Ein bisschen bewundere ich all diese Menschen für ihren morgendlichen Wochenstart-Elan.

Entspannt rolle ich die Straße hoch. Ein paar Elektro-Autos und Lieferwagen sind heute morgen unterwegs. Wir gleiten alle mit circa 30 km/h auf der grünen Welle durch unser neues Berlin. Ich erreiche die Tramhaltestelle und habe Glück. Meine Tram fährt gerade ein. Seit die Tram, die S-Bahn und die U-Bahn sehr zuverlässig alle 3 Minuten kommen, bin ich davon so verwöhnt, dass ich 3 Minuten Warten schon nervig finde. Freunde, die mich in Berlin besuchen kommen, lachen über mich und rollen mit den Augen, wenn ich mal wieder stöhne: “3 Minuten, sind 3 zu viel!”

Tödlich verunglückte Fahrradfahrer?

10 Minuten später erreiche ich das Büro. An einem Straßenschild vor dem Eingang rostet ein weißes Fahrrad, eines der Geisterräder aufgestellt vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club, vor sich hin. Es erinnert, wie ein Mahnmal, an einen tödlich verunglückten Fahrradfahrer. Doch kaum jemand kennt noch diese symbolische Bedeutung des Gefährts, da seit einigen Jahren kein Fahrradfahrer mehr über den Haufen gefahren wurde. Ich wundere mich jedes Mal ein bisschen, warum das Fahrrad noch nicht entfernt wurde. Normalerweise gibt sich die Stadt die größte Mühe, alle Fahrradabstellplätze frei zu halten. Aber ich finde es gut, dass es immer noch hier steht. Erinnerungen sind wichtig.

Ich dachte immer Reiten am Strand sei schon das Geilste, aber auf dem extra angepassten Grünstreifen die Straße des 17. Juni entlang auf das Brandenburger Tor zu zu galoppieren, ist mindestens genauso toll.

Zum Glück verläuft mein Arbeitstag entspannt. Trotz meiner Wochenendnostalgie kann ich alles wichtige für heute abarbeiten. Aber nach den üblichen sechs Stunden im Büro bin ich dann doch müde. Vielleicht hätte ich mir den Ausflug in den Park gestern Nachmittag sparen und lieber auf der Couch bleiben sollen. Aber Pferde-Tag ist ja immer nur einen Sonntag im Monat, wenn alle Gefährte mit Motor nur mit Sondergenehmigung durch die Stadt fahren dürfen. Ich liebe den Pferde-Tag und versuche jedes Mal, eine möglichst lange Strecke einzuplanen. Ich dachte immer Reiten am Strand sei schon das Geilste, aber auf dem extra angepassten Grünstreifen die Straße des 17. Juni entlang auf das Brandenburger Tor zu zu galoppieren, ist mindestens genauso toll.

Jetzt ist es 16.30 Uhr und ich hole heute meine Neffen vom Kindergarten ab. Damit ich es noch rechtzeitig nach Kreuzberg schaffe, befrage ich wieder einmal meine Ring-App. Sie schlägt mir vor die Fähre über die Spree zum Landwehrkanal zu nehmen. Klar, da hätte ich auch selber drauf kommen können. Die kleinen Elektrofähren sind echt ein Zugewinn im Nahverkehr. Manchmal ist der direkte Weg der übers Wasser. Dieses Mal nehme ich eines der Fahrräder, um zur Anlegestelle zu kommen. Ich kann ja nicht immer nur faul sein. An der Straßenecke steht ein Elektrofahrrad mit Beiwagen. Das lasse ich stehen, andere brauchen es dringender. Ein paar Meter weiter steht eines von den kleinen gelben Rädern. Single-Speed, Einheitsgröße, seltsame Sattel, die an alte Bonanza-Räder erinnern. Für die kurze Strecke ausreichend.

Auf die Fähre muss ich ein paar Minuten warten. Ich lege mich bäuchlings auf den Anlegesteig und strecke meine Hand zum Wasser. Es ist immer noch verdammt kalt. Das Anbaden verschieben wir dann vielleicht noch etwas. Im Sommer will ich aber auf jeden Fall wieder öfter nach der Arbeit in eines der Spreeschwimmbecken springen. Bahnenziehen ist mir ein Gräuel, aber zum Abkühlen und Chillen sind die Becken einfach nur toll. Seit die Schifffahrt durch Berlin über Boote mit Elektromotoren läuft und die Abgase in der Luft deutlich weniger geworden sind, haben sich auch die Gewässer erholt. Mittlerweile kann man fast überall bedenkenlos baden gehen.

Die kleinen Elektrofähren sind echt ein Zugewinn im Nahverkehr. Manchmal ist der direkte Weg der übers Wasser.

Spielplatz, Abendbrot auf dem Balkon, Gute-Nacht-Geschichte vorlesen. Die Neffen stehen zur Zeit auf Bienen, Hummeln und Schmetterlinge. Stundenlang erzählen sie davon, wie die Tierchen ihre Rüssel in die Blüten stecken und so weiter. Ob ich denn wisse, wie wichtig Bienen eigentlich seien. "Nein, was, ich dachte, die stechen bloß", behaupte ich. Voller Leidenschaft erzählen sie mir alles, was die Bienen für uns tun. Dass wir ohne Bienen niemanden hätten, der für uns die Blüten bestäuben würde. Dann gäbe es wahrscheinlich bald keine Äpfel und Birnen und anderes Obst mehr. An den passenden Stellen mache ich “Ah” und “Oh” und freue mich. Die Bienenpopulation in Berlin erholt sich, dank der vielen Straßenbeete und Dachgärten, zum Glück gerade wieder.

Mit der U-Bahn fahre ich zurück. Ich steige zwei Stationen früher aus, ich mag noch was einkaufen. Für die Fahrt vom Supermarkt nach Hause nehme ich ein Lastenfahrrad. Was wir alles mit diesen Dingern schon transportiert haben. Einmal sogar eine Couch. Nicht unsere cleverste Idee aller Zeiten. Zum Glück gibt es dafür jetzt die Möbeltaxen, die für wenig Geld größere Transporte durch die Stadt übernehmen. Ich merke, dass ich nach dem langen Tag langsam müde werde. Zum Glück ist es nicht zu weit nach Hause und das Lastenfahrrad hat einen kleinen Elektromotor zur Unterstützung.

Wenn ich gleich zu Hause bin, werde ich mit Sicherheit sehr gut schlafen können.

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