"Selbst die Prostituierten machen hier kein gutes Geschäft mehr" – Der Hackesche Markt ist tot

© Hella Wittenberg

Der Hackesche Markt im Herzen Mittes hatte zeitlebens eine besondere Bedeutung für mich. Einst tanzten meine Großeltern in den legendären Hackeschen Höfen, dort wo heute das Kabarett-Theater Chamäleon Räume bespielt, hatte bis zum ersten Nachwendejahr das Staatliche Tanzensemble der DDR seine Probenräume. Als Kind fand ich jedoch nicht nur die malerischen Höfe, sondern den gesamten Kiez irgendwie magisch.

Zwischen Oranienburger, Rosenthaler und Sophienstraße schlug schon immer ein gewisser Puls, angetrieben durch Kulturprojekte und innovative Läden, geerdet durch die Tatsache, dass der Kiez das tägliche Leben bereicherte. Hier machten sich in den Nachwendejahren Clubs und Galerien breit, hier wurde aus der Asche eines vernachlässigten und runtergewirtschafteten Viertels eine aufregende Kunst- und Kulturmeile.

Während die Großen gerade die Spielwiese Ostberlin, zu der auch der Hackesche Markt gehörte, eroberten, war ich als Kind fast wöchentlich zu Gast im Puppentheater Firlefanz in der Sophienstraße, das äußerlich heute noch wie damals aussieht. Kurz darauf spielte ich mit meiner Mutter meine erste Runde Billard im Salon Köh. Wenn uns nach beidem nicht war, schlenderten wir durch die diversen Kunst-Läden der ersten Stunde, schnupperten in Fotobände und ließen uns durch die Straßen treiben. Mit Einbruch der Dunkelheit begegneten uns entlang der Oranienburger Straße viele aufreizend gekleidete Mädchen, die ebenso dazugehörten wie die verrückten Künstler des Tacheles, deren Aura bis zum anderen Ende der Oranienburger Straße reichte.

Selbst die Prostituierten machen hier kein gutes Geschäft mehr

Viele Jahre sind seitdem vergangen und erst rückblickend merke ich, wie drastisch sich der Kiez verändert hat. Die Galerien zogen weiter, die Clubs schlossen. Zurück blieb beste Altbau-Substanz, die nach und nach saniert und bald nur noch einem exklusiven Publikum zugänglich wurde. Für Berliner wurde das Angebot immer dünner, für Touristen und Unternehmen, die nach einer exklusiven Adresse suchten, hingegen immer attraktiver. Meine Lieblinge der Kindheit blieben, das war wohl mein blinder Fleck. Doch das Drumherum verlor unaufhaltsam seine Magie und der Kiez dadurch seinen Puls.

Für Berliner wurde das Angebot immer dünner, für Touristen und Unternehmen, die nach einer exklusiven Adresse suchten, hingegen immer attraktiver.

Zuletzt waren es eigentlich nur noch der Dönerladen im Eingansbereich des Edekas und der Supermarkt selbst, die mich anzogen und mit kalten Getränken für den Park oder Fastfood als vorbeugende Maßnahme gegen den Kater nach durchzechter Nacht versorgten. Und war ich dann doch einmal tagsüber in der Ecke unterwegs, quälte ich mich durch Touristen-Horden und schlenderte entlang neureicher Berliner, die nunmehr in einem Kiez leben, der tagsüber übervölkert und abends so totenstill ist, dass selbst die Prostituierten hier kein gutes Geschäft mehr machen.

Und noch eine Konstante blieb trotz alledem: das Seniorenheim. Im Sommer wurden die alten Menschen in ihren Rollstühlen gerne von den Pflegern an den Bürgersteig gekarrt. Die skurrile Szenerie hatte etwas. Schon als Kind habe ich mir öfters im Vorbeigehen vorgestellt, eines Tages als alter Mensch auch hier glücklich werden zu können, gebrechlich und vielleicht nicht mehr ganz knusper im Kopf, dafür aber inmitten des Lebens, das um mich herum pulsiert.

Gewinnmaximierung um jeden Preis

Das wird nun nicht mehr möglich sein. Der Hamburger Investor hat allen Mietern des Hauses gekündigt: Edeka, dem Döner-Laden und selbst der Senioren Residenz des Pflegeheim-Unternehmens Pro Seniore. Nach 20 Jahren ist Schluss. Innerhalb von sieben Wochen müssen die alten Menschen ihr Zuhause, das eigentlich bis zum Lebensabend bestehen bleiben sollte, verlassen. Dann wird ein Haus, das eigentlich in einem Top-Zustand ist, abgerissen und durch einen Neubau ersetzt, der den Profit der Eignerfirma DC Value aus Hamburg maximieren soll.

Das ist eine Schande. Es ist eine Schande, dass die letzten alten Menschen aus dem Stadtzentrum vertrieben werden, dass Läden des täglichen Bedarfs (und dazu gehören auch Dönerstand und Bäcker!) schließen müssen, dass nach der Kunstszene nun auch noch die letzte verbliebene Infrastruktur des täglichen Lebens, die Erdung des Hackeschen Marktes, abhanden kommt.

Der Puls ist zu schwach geworden. Das war (vorerst) mein letzter Gruß an den Hackeschen Markt. Ein Funke Hoffnung existiert noch: Die Hoffnung, dass wenigstens die Läden meiner kindlichen Erinnerung bestehen bleiben – so wie die Erinnerung an meine Großeltern.

Es ist eine Schande, dass die letzten alten Menschen aus dem Stadtzentrum vertrieben werden.
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